Jazz wider den Kantönli-Geist

30. Mai 2013, 18:31
posten

Das Jazzfestival Schaffhausen als Hort der Qualität und Szene-Drehscheibe

Der gelernte Österreicher konnte schmunzeln: Da begibt man sich von Wien aus ins malerische Schweizer Städtchen Schaffhausen und erlebt dort bekannte Diskussionen: Warum Jazz im Schweizer TV so selten vorkomme? Warum man dem geringen Publikumsinteresse mit Blick auf die Quote entspreche, statt ihm mit dem Argument des Bildungsauftrags entgegenzutreten?

So weit, so bekannt. Der Anlass für diese Diskursrunden bei den Schaffhauser Jazzgesprächen markiert freilich eine gewichtige Differenz: Er liegt in der TV-Doku Jazz in der Schweiz, die das SRF dieser Tage ausstrahlt: Von der Berner "Bauernkapelle Mayer & Zwahlen", die 1920 erste "Cake Walk"-Aufnahmen machte, bis hin zu Experimentgeistern der Gegenwart wie Pianist Nik Bärtsch wird der Bogen gespannt, die Entwicklung helvetischer Improvisationsmusik resümiert.

Man versuche sich eine entsprechende Aufarbeitung der heimischen Jazzgeschichte durch den ORF vorzustellen. Schwierig. Dass man in der Schweiz einige Schritte weiter ist, wiewohl oft über ähnliche Probleme geklagt wird, hat auch damit zu tun, dass dort nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht: Im Gegensatz zu Österreich existieren Community- Strukturen wie das Jazzarchiv SwissJazzOrama und das Schweizer Musik Syndikat, ein Jazzmusikerzusammenschluss mit rund 450 Mitgliedern, der sich u. a. für Mindestgagen einsetzt. Nicht zu vergessen das als Szene- Drehscheibe fungierende Jazzfestival Schaffhausen.

"Wir waren die Ersten, die ein Festival nur als Werkschau Schweizer Musiker veranstaltet haben - und nicht als Vorprogramm zu US-Stars. Inzwischen haben Festivals in Bern und Zürich nachgezogen", so Leiter Urs Röllin. "Ich glaube schon, dass Schaffhausen das Selbstbewusstsein des Schweizer Jazz gefördert hat - gegenüber Subventionsgebern und auch Veranstaltern."

Von der Qualität der Szene konnte man sich im Kulturzentrum Kammgarn überzeugen - etwa in Gestalt des Isorhythm Orchestra von Christoph Stiefel, der die mittelalterliche Komponiertechnik der Isorhythmik in groovigen Stücke in den Jazz überträgt. Oder im Trio von Posaunist Samuel Blaser, der (u. a. mit Gitarrist Marc Ducret) Themenlinien genussvoll dekonstruiert und doch immer sinnlichen, expressiven Appeal spüren lässt. Hörenswert auch die in New York ansässige Tastenmeisterin Sylvie Courvoisier, die dem Flügel ein hochdifferenziertes Pandämonium an Klängen abringt. In Schaffhausen spiegelte sich das neue Selbstbewusstsein nicht nur des Schweizer, sondern des europäischen Jazz.  (Andreas Felber aus Schaffhausen, DER STANDARD, 31.5.2013)

Share if you care.