Studentenheime: Profit und Lifestyle verdrängen sozialen Charakter

4. Juni 2013, 05:30
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Ein Heimzimmer um 550 Euro? Warum die Studentenheim-Mieten steigen und die Betroffenen den Kampf längst aufgegeben haben

Lange Haare, Sonnenbrillen, braungebrannte Beine und knappe Hosen. Drei Studentinnen sitzen im Park, lernen und lachen. Junge Männer gesellen sich zu ihnen. Sie fahren Skateboard und laden die Mädchen zu einer Party ein. Zuerst wird noch der Griller angeheizt, später tanzen sie ausgelassen im Partyraum, trinken und haben Spaß.

Zu sehen ist dieser Ausschnitt aus dem vermeintlich typischen Studentenleben in einem Imagevideo eines neuen Studentenwohnheims, das ab Oktober im zweiten Bezirk in der Nähe des Wiener Praters bezogen werden kann. Unter dem Namen Milestone werden hier "Modern Student Apartments" errichtet. Sie befinden sich gleich neben der neuen Wirtschaftsuniversität.

Sorglos-Paket

Ein Bett, eine Kochnische, eine Dusche, ein WC, ein Kleiderkasten und ein Schreibtisch befinden sich in den 24 Quadratmeter großen Einzelzimmern. Im Milestone nennt man die Heimordnung "House Rules". Es gibt einen Fitnessraum, eine Dachterrasse und eine "Learning Lounge". Kostenpunkt für das All-in-Sorglospaket: 550 Euro monatlich.


Milesone wirbt mit seiner zentralen Lage und der guten U-Bahn-Anbindung.

Geht man nach den Zahlen der Studierendensozialerhebung, ist für die meisten Studierenden ein solches Zimmer kaum leistbar. Das dem Durchschnittsstudenten zur Verfügung stehende Monatsbudget beträgt rund 1.000 Euro. Es ist von 2009 bis 2011 real um zwei Prozent gesunken, die Ausgaben sind jedoch um drei Prozent gestiegen. Überdurchschnittlich stark gewachsen sind gerade die Kosten für Wohnen - plus neun Prozent.

Neun Prozent aller Studierenden leben derzeit in einem Heim. Bei ihnen dürfte das Budget noch viel knapper sein. So ergab eine Befragung des Salzburger Studentenwerks im Jahr 2010, dass 65 Prozent der Studentenheimbewohner mit weniger als 730 Euro monatlich auskommen müssen.

Dennoch gibt es bereits mehr als 100 Voranmeldungen für Milestone, das über mehr als 400 Zimmer verfügt. "Ein Studentenheimzimmer ist gerade für die ersten ein, zwei Jahre die beste Lösung, um sich in der Stadt zu orientieren und mit der Universität und dem Studium vertraut zu machen", sagt Projektleiter Eduard Gartner.

Klausurbeschluss mit Folgen

Wie ist es möglich, dass ein so teures Studentenheim am Markt mithalten kann? Seit der Streichung der Förderung für den Neubau und die Sanierung von Studentenwohnheimen sind die Mietpreise auch in den gemeinnützigen Heimen gestiegen. Die rot-schwarze Regierung hat diese Sparmaßnahme bei der Regierungsklausur im Oktober 2010 in Loipersdorf beschlossen. Für die Investitionsförderung standen zuletzt rund elf Millionen Euro jährlich zur Verfügung. Nun müssen die Heimbetreiber die fehlenden Mittel aus den Mieteinnahmen begleichen.

Milestone ist das erste Studentenheim dieser Größe, das von einem privaten Anbieter gebaut wird. Es unterliegt nicht dem Studentenheimgesetz, darf also Profit erwirtschaften. Und Milestone ist erst der Anfang, sind sich Marktbeobachter einig, denn studentischer Wohnraum wird auch weiterhin gebraucht. Derzeit gibt es in den Heimen lange Wartelisten. "Wenn ein Student auszieht, ist der nächste innerhalb von zwei Tagen da", sagt Georg Leitinger vom Salzburger Studentenwerk.

"Wir haben einen sozialen Auftrag"

Leitinger mutmaßt, dass neben Wien auch Innsbruck, wo viele Deutsche aus reichem Elternhaus studieren, ein Markt für private Studentenheime sein könnte. Ihm widerstrebt diese Form des Studentenwohnheims jedoch. Leitinger drängt auf die Wiedereinführung der Förderungen, schließlich gehe es den gemeinnützigen Heimbetreibern darum, günstigen Wohnraum zu schaffen. "Wir haben einen sozialen Auftrag", sagt er im Gespräch mit derStandard.at.

Den gemeinnützigen Heimbetreibern bleiben zumindest die Förderungen der Länder. Seit 2008 hat beispielsweise Wien sieben Projekte mit insgesamt 2.013 Heimplätzen für Studierende gefördert. Bei Gesamtbaukosten von 81,04 Millionen Euro stellte die Stadt Wohnbaufördermittel in der Höhe vom 25,83 Millionen Euro zur Verfügung, heißt es aus dem Büro von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ). Förderungen wie diese habe es aber immer schon gegeben, sie seien nach der Streichung der Bundesmittel auch nicht ausgeweitet worden.

Aus Haus Döbling wird Base19

Dass die Preissteigerung derzeit auch vor sozialen Heimen keinen Halt macht, davon können die Bewohner des traditionsreichen Hauses Döbling in Wien ein Lied singen. Jahrelang gab es Streitigkeiten um das Studentenheim, das neuerdings "Base19" heißt. Es gehört der "Base - Home for Students GmbH", einer Tochter der Wien-Holding, die sich wiederum zu 100 Prozent in Besitz der Stadt Wien befindet.


Die Zimmer im Haus Döbling sind bald Geschichte.

Das Studentenheim, das aus mehreren frei stehenden Gebäuden besteht, wird verkleinert und renoviert. Ein Teil der Häuser wird abgerissen, stattdessen werden auf dem frei werdenden Areal von einem anderen Holding-Tochterunternehmen, der Gemeinnützigen Siedlungs- und Bauaktiengesellschaft (Gesiba), Wohnungen gebaut. Die Heimbewohner kämpften vergebens gegen die Umbaupläne. "Studenten verlangen keinen Luxus, sie wollen eine billige Unterkunft haben", sagt die langjährige Heimvertreterin Lisa Wolfsegger, die Ethnologie studiert.

100 Euro mehr Miete

Der negative Beigeschmack des Umbaus: Zahlte man bisher monatlich 204 Euro Miete, sollen es ab Juli 306 Euro sein. Wolfseggers Kollege Tristan Schmidt sagt: "Es gibt jetzt schon Leute, für die die 204 Euro schwer zu finanzieren sind."

 

Wolfsegger und Schmidt sitzen mit ihren Kollegen im Gemeinschaftsraum im vierten Stock des sogenannten C-Hauses, das im Sommer abgerissen werden soll. Die Zimmer im Heim sind mit neun Quadratmetern sehr klein und stark renovierungsbedürftig. Trotzdem soll - geht es nach den Studenten - alles so erhalten bleiben, wie es ist: "Das Haus Döbling war seit jeher ein Heim für Studenten, die sozial bedürftig waren. Im Endeffekt geht der ganze Sozialcharakter verloren. Wir waren immer das günstigste Einzelzimmerheim in Wien", sagt Wolfsegger.

Protestlieder am Weihnachtsmarkt

Zahlreiche Protestaktionen haben nicht geholfen: das Sammeln hunderter Unterschriften genauso wie das Singen von Protestliedern am Christkindlmarkt. Mittlerweile haben die Studierenden resigniert. Auch ein Antrag des Verbands Sozialistischer Studierender auf Prüfung des Abrisses eines Teils des Studentenheims, dem beim SPÖ-Landesparteitag 2011 sogar zugestimmt wurde, verschwand schlussendlich still und heimlich in den Schubladen.


Die Bewohner des Hauses Döbling sammelten hunderte Unterschriften, gaben ihren Protest letztendlich aber auf.

"Studenten sind ein leichtes Opfer", glaubt Geografie-Student Schmidt. Er führt den vergeblichen Kampf auf die allgemeine Stimmung der Bevölkerung zurück. "Ihr Studenten, ihr tut ja eh nichts, ihr tut ja eh nur feiern", heiße es immer. Und Wolfsegger vermutet: "Wenn man Genossenschaftswohnungen herstellt, kann man die politisch sicher gut vermarkten."

Studentenheime als Hotels

An der technischen Universität Wien beschäftigt sich Architektur-Professorin Marina Döring-Williams mit Studentenwohnheimen. Sie hat gemeinsam mit Studierenden die Ausstellung "Studenten (da)Heim" gestaltet. Neben der geschichtlichen Aufarbeitung des Themas geht es dabei auch um aktuelle Fragen des studentischen Wohnens. Die Errichtung der vielen neuen Heime betrachtet Döring auch skeptisch: "Die Frage ist, ob die Widmung immer die gleiche bleiben wird. Studentenheime als Bau- und Wohntyp sind einem Hotel sehr ähnlich." Sie mutmaßt, dass die ursprüngliche Widmung über die Jahre verloren geht. "Das sind ja wertvolle Grundstücke."


Für die Ausstellung "Studenten (da)Heim" wurde eine Stockwerksküche des Hauses Döbling nachgebaut.

Ein Beispiel dafür gibt es bereits: Das Lerchenfelderheim in Wien-Neubau wurde in ein Hotel umgebaut. Will man solche Umwidmungen durchführen, haben wiederum die privaten Anbieter einen Vorteil. Im Gegensatz zu einem von gemeinnützigen Heimträgern errichteten Studentenheim muss eines von privaten Investoren nicht 40 Jahre als Studentenwohnheim erhalten bleiben.

ÖH fordert Förderungen

Politisch ist die Streichung der Wohnbauförderung bisher wenig diskutiert worden, nun regt sich aber Widerstand. Neben den gemeinnützigen Heimbetreibern kämpft auch die Hochschülerschaft gegen die Streichung der Sanierungsförderung. "Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass Studierendenwohnheime ihrem ursprünglichem Zweck dienen: nämlich der Schaffung von günstigem Wohnraum für Studierende in Uni-Nähe", sagt Bernhard Pisecky vom ÖH-Wohnreferat.

Milestone lässt sich dadurch aber nicht beirren. "Ein paar wird es immer geben", lautet die Antwort auf die Frage, ob nicht viele Studierende aufgrund der Preise vor Milestone zurückschrecken. Eine Sprecherin von Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle lässt ausrichten, dass eine Rücknahme der Einsparungsmaßnahme derzeit nicht möglich sei. Sie verspricht jedoch, das Thema studentisches Wohnen bei einer möglichen Reform der Studienbeihilfe mitzudenken.

Ein Dorf in Wien

Für die Bewohner des Hauses Döbling kommt diese Ansage zu spät. Mit 1. Juli ziehen viele von ihnen aus und tun sich den Umzug in den renovierten und 100 Euro teureren Teil des Studentenheims nicht mehr an. Geografie-Student Schmidt will jedoch bleiben: "Ich will nicht, dass das Besondere am Haus Döbling verloren geht. Ich denke mir, wenn ein paar andere Leute mit hierbleiben, können wir zumindest versuchen, an alte Traditionen anzuknüpfen."

Immer schon seien der Zusammenhalt und das Pochen auch Mitbestimmung im Haus Döbling einzigartig gewesen. "Das gibt es nirgendwo anders", sagt Ethnologie-Studentin Wolfsegger. "Das Haus Döbling tickt wie ein kleines Dorf innerhalb von Wien. Das soll auch so bleiben." (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 4.6.2013)

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