Lehramt: Zombie-Dynamik, Modul 4.2

29. Mai 2013, 17:16
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Redundante Referate, gruselige Gruppenarbeiten und pädagogische Probleme: Ein Erfahrungsbericht aus dem Lehramtsstudium

Unerheblich der Jahreszeit ist es in dem Seminarraum schwül. Statt 20 Studierenden, die hier locker und feuerpolizeilich unbedenklich Platz nehmen könnten, schmiegen sich etwa 45 schwitzende, seufzende Körper aneinander. Ein Glück, atme ich aus. In anderen Seminaren sind es 60 oder mehr.

Wir ignorieren gemeinsam einen Vortrag, der etwa 1 Stunde zu lang ist dafür, wie verwässert sein Inhalt ist, und niemand weiß so recht, was zu tun ist: Die Gesegneten unter uns, deren Mutter das Studium zahlt, klopfen auf ihrem MacBook herum, die mit MacBook-Imitationen lassen es glaubwürdig so aussehen, als wollten sie gar kein Apple-Produkt. Ich drücke und wische auf meinem Smartphone herum, das Display wird fettig. Twitter? Facebook? Refresh. Der Akku wird langsam knapp und ich werde nervös: Was mache ich nur ohne Smartphone-Ablenkung während diesem wortwörtlich Nerv tötenden Referat?

Tote Bücher

Ich hebe den Blick und beobachte die Regale, die die beiden Seiten des Seminarraumes säumen. Jemand - ein Professor, denke ich - erzählte mir einmal, dies sei Wendelin-Schmidt-Denglers* alte Bibliothek. Die Regaltüren sind verschlossen und ich hätte nie beobachtet, dass jemand die Klassiker daraus entnimmt oder verwendet. Wir sitzen zwischen Schmidt-Denglers toten Büchern. So wie man in den Katakomben zwischen Eingeweiden von Habsburgern stehen kann, denke ich.

Blockade-Termine

Wir Untoten haben mittlerweile automatisch murmelnd, grunzend und unmotiviert das Ende des Referats beklopft. Und jetzt, ohne großes Feedback oder Besprechung: Das nächste Gruppen-Referat. Es ist nämlich ein Blocktermin am Wochenende, an dem alle Präsentationen durchgebracht werden müssen. Blockade-Termin, denke ich mir.

Ironisch, dass ausgerechnet bei der Lehramtsausbildung davon ausgegangen wird, dass Blocktermine eine didaktisch sinnvolle Angelegenheit sind. Besonders, wenn man sie ausschließlich mit scheinbar unendlich vielen und langen Referaten füllt. Wenn das nur das einzige Manko der derzeitigen Ausbildung von AHS- und BHS-Lehrern und Lehrerinnen an der Uni Wien wäre! Ich schaue auf die Uhr. Sie steht auf einer unfreundlichen Uhrzeit, wie mit hängenden Mundwinkeln, und bewegt sich seit Stunden nicht - schon lange kaputt.

Reine Beschäftigungstherapie

Heute im Seminarraum weiß ich gar nicht mehr, in welcher ich nun tatsächlich sitze. Überall dasselbe: Ein wenig veralteter Rousseau da, ein bisschen müffelndes PISA hier, gewürzt mit etwas verstaubtem Erikson. Angerichtet an unsäglichem und nicht enden wollendem Bedürfnis aller Studierenden, von ihrer eigenen Schulzeit und ihren eigenen Erfahrungen zu berichten.

Das perpetuum mobile der Lehramtsausbildung ist übrigens die Gruppenarbeit oder das Gruppenreferat, eine zeitraubende Angelegenheit für alle Beteiligten. Sie lehrt nicht die Fähigkeit, im Team zu arbeiten, sondern nährt die Verachtung für Kollegen, ohne die man die Arbeit doppelt und dreimal so schnell und gut hätte machen können. Manchmal besteht mehr als die Hälfte einer Lehrveranstaltung aus halbherzigen Referaten zu halb-beherztem Material, das man sich in jeweils einer halben Stunde leichter hätte selbst aneignen können.

Zombie-Studien

"Welche Schriftgröße sollen wir eigentlich bei der Seminararbeit verwenden?", reißt mich eine Kollegin mit Hornbrille und auf dem Kopf zusammengeknödeltem Haar aus dem Sinnieren. Ich muss mich beherrschen, nicht augenverdrehend mit der Stirn gegen die Tischplatte zu knallen. Auch bei inhaltlichen Lehrveranstaltungen kommen solche Fragen. "Reicht's, wenn ich die Folien lerne, oder sollte ich mir auch eine Mitschrift von der verpassten Einheit besorgen?" Oder: "Kann ich mir die Schriftart und den Zeilenabstand selbst aussuchen?" Man weiß: Da fragt garantiert ein Lehramtskandidat.

Diese Entwicklung dürfte ein Resultat der Verschulung des gesamten Hochschulbereichs sein. Weiters sind "Lehramtler" oft Kinder von Lehrerinnen und Lehrern. Es herrscht eine hohe Selbstrekrutierungsrate und damit ein konservatives Klima. Lehramtskandidaten kommen größtenteils aus schulbildungsnahen Schichten und sind Schülerinnen und Schüler gewesen, die sich nicht schwer getan haben in der Schule: Streber, wie man auf gut Deutsch nicht sagen sollte.

Der fehlschlagende Balanceakt

Die Lehramtsausbildung sitzt auf einer schnurlosen Schaukel zwischen zwei Welten, bringt mich der Kollege neben mir auf die Idee, der gefährlich auf den Sesselhinterbeinen balanciert, während er seine Kapuzenschnürchen tausend Mal interessanter findet als den Vortrag im immer heißer und stickiger werdenden Hörsaal. Einerseits soll sie eine Theorie als Fundament vermitteln, andererseits soll sie uns praktische Werkzeuge für die Arbeit in die Hand geben.

Aus dieser praktisch-theoretischen Spannung kommt die Absurdität, die eine Ausbildung zum Lehrer vielleicht per se ist. Der Kollege neben mir kippt fast um und fängt sich im letzten Moment, was mich aufzucken lässt und uns die ersten aufmerksamen Blicke des Tages aus der Runde schenkt. Mit schlechter Vermittlung von Halbwissen lernen wir nicht, gute Lehrer zu werden, sondern üben uns hier nur darin, die Schüler zu werden, die wir in der Schule nie waren.

Wiedergänger

Ein Bleistift fällt klirrend zu Boden und schreckt jene Unglückseligen, die weder Laptop, Tablet noch Smartphone haben und sich analog beschäftigen müssen, aus dem Halbschlaf. Manchmal würde ich auch gerne aufstehen und alle wachrütteln, fragen, ob uns eigentlich bewusst ist, wie sinnlos diese Unternehmungen hier sind. Aber das tut sich wohl in den noch nicht existenten Notizen der Professorin zu meiner verpflichteten Mitarbeit am Seminar nicht gut.

Ungeheuerliche Zustände

Wir  vegetieren deshalb weiter gähnend und ächzend vor uns hin. Manchmal,  tötet Selbstständigkeit und Idealismus junger engagierter Lehrerinnen wie mir und bringt es sicherlich in denen, die das Lehramt nur als Sicherheit oder zweite Wahl vor sich hin treiben, nicht hervor. Es zeigt sich: Die Hochschulpolitik fördert gerade, dass in gefährlichen Raumüberbelegungen hunderte junge Menschen zu ideen- und planlosen Wiedergängern und Wiederholungstätern des schon jetzt nicht funktionierenden Schulsystem herangezüchtet werden.

Eingeschlagene K(l)öpfe(r)

Mein Akku geht zur neige und langsam bahnt sich in mir eine Panikattacke an. Doch siehe da - die schlechte Power-Point-Präsentation, die der ebenfalls zur Hitze und Stickigkeit beitragende Projektor unachtsam auf die Wand geworfen hat, wird minimiert. Das ebenso unachtsam zusammengeworfene Seminar ist beendet - für heute. Würdigung der Unterrichtsstunde durch abermaliges unheimlich unmotiviertes Klopfen. Der Zombie-Block strömt müdäugig und von Tischen und Sesseln sowie voneinander abprallend fast ziellos aus dem Hörsaal. (Olja Alvir, daStandard.at, 28.5.2013)

*(sagenumwobener Vorstand des Instituts für Germanistik, gestorben 2008)

  • Ironisch, dass ausgerechnet bei der Lehramtsausbildung davon ausgegangen wird, dass Blocktermine eine didaktisch sinnvolle Angelegenheit sind.
    foto: heribert corn, corn@corn.at

    Ironisch, dass ausgerechnet bei der Lehramtsausbildung davon ausgegangen wird, dass Blocktermine eine didaktisch sinnvolle Angelegenheit sind.

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