Festgeschnallt im Schleudersitz des britischen Home Office

Porträt30. Mai 2013, 09:56
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Camerons Innenministerin gilt als fixe Größe im Kabinettskarussell der Insel - Jetzt muss sie sich im Antiterrorkampf bewähren

Ihr Name gereichte ihr schon des Öfteren zu Spott und Häme. "Theresa may - but then again she may not", besagt das Bonmot, das Journalisten wie Politikerkollegen einander seit Jahr und Tag über Großbritanniens nunmehrige Innenministerin in die Ohren tuscheln. Ausgiebig wurde in Whitehalls männerdominierten Gängen und Fluren über ihren Hang zu exaltiertem Schuhwerk gelästert. Und über die Frage, ob eine wie sie überhaupt Manns genug sei für den harten Job der Innenministerin, der oft schon mehr einem Schleudersitz denn einem Sprungbrett für höhere Weihen glich. Fest steht: Theresa Mays Politikstil - Wohlmeinende beschreiben ihn als überlegt und ausgleichend; Gegner nennen ihn weich und entscheidungsschwach - wird dieser Tage auf eine harte Probe gestellt.

Als Home Secretary Ihrer Majestät und von Premier David Camerons Gnaden muss die 56-Jährige einen staatlichen Kontrapunkt zum brutalen Mord an einem britischen Soldaten vergangene Woche in Südlondon setzen. Dabei ist die Konservative Kummer durchaus gewöhnt.

Modernisierte Torys

Ihre spröde Art ist in Großbritannien Legende: 2002, die Torys leckten nach der zweiten Niederlage gegen Tony Blairs Labour noch ihre Wunden, sprach sie auf der Parteikonferenz im mediterran anmutenden Küstenstädtchen Bournemouth Tacheles. Die einst stolzen britischen Konservativen seien zu einer "hässlichen Partei" verkommen, die sich weigere, den Realitäten des 21. Jahrhunderts ins Auge zu blicken. Bis heute scheinen ihr weite Teile des Tory-Establishments die Brandrede nicht verzeihen zu wollen. Geschadet hat sie ihr, auch mangels personeller Alternativen, bislang freilich nicht.

Fixe Größe im Kabinett Cameron

Die Tochter eines anglikanischen Pastors gilt heute als eine der wenigen echten Stützen der konservativ-liberalen Koalition in Westminster, auf die Premier Cameron noch zählen kann. Obwohl die studierte Geografin - während des Studiums in Oxford stellte ihr die spätere pakistanische Ministerpräsidentin Benazir Bhutto ihren künftigen Ehemann Philip, einen Bankmanager, vor - erst seit 1997 im Parlament sitzt, eilte ihr früh der Ruf einer Macherin voraus, die schnell zur fixen Größe in den Schattenkabinetten während der bleiernen Jahre konservativer Sinnsuche aufstieg.

Merkel- und Thatcher-Anleihen

Als Cameron sie 2010 zur Innen-, Frauen- und Gleichstellungsministerin beförderte, war sie erst die vierte Frau, die einen der Schlüsselposten britischer Regierungen bekleidete. Schnell waren Zeitungen mit Vergleichen zur Hand. Angela Merkel wurde ebenso als Blaupause für einen weiteren Aufstieg der 56-Jährigen herangezogen wie Margaret Thatcher, unlängst verstorbene Ikone der britischen Konservativen.

Keine Kratzer nach Olympia

Den Ränkespielen des politischen London hat sich die Ministerin bisher erfolgreicher entzogen als einige ihrer Ministerkollegen. Olympia 2012 überstand sie trotz des Debakels rund um die Sicherheitsfirma G4S und Großbritanniens ineffizienten Grenzregimes unbeschadet. Auch als Cameron im September 2012 eine weitreichende Kabinettsumbildung durchboxte, verharrte May im Amt. Als dem Schotten Gary McKinnon wegen des Hackens von militärischer Software in den USA eine lange Haftstrafe drohte, weigerte sich May im vergangenen Jahr, ihn der US-Justiz auszuliefern. Über alle Parteigrenzen hinweg erntete May Applaus. Im Fall des Sheffielder Studenten Richard O'Dwyer, der wegen einer Plattform für raubkopierte Filme in den USA belangt wurde, stimmte May seiner Auslieferung hingegen zu. Kritiker, die der Ministerin Wankelmut nachsagen, fühlten sich bestätigt.

Ihr eigenes Ressort und die in der Vergangenheit oft rebellische Polizeiführung habe sie besser im Griff als manch ein Vorgänger, konstatieren Beobachter. Nach dem Anschlag von Woolwich muss sie ihre Durchsetzungskraft einmal mehr unter Beweis stellen. Scharfe Zensur islamistischer Webseiten und Polizeirazzien zur Zerschlagung extremistischer Organisationen lauten die Ingredienzen des May'schen Antiterrorkampfes. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 30.5.2013)

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    Theresa May gilt als stabilster Faktor der konservativ-liberalen Koalition in Großbritannien.

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