Ein Café geht mit der Zeit

29. Mai 2013, 14:21
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Kaffee trinken und Kekse knabbern ohne Ende und ohne auch nur einen Cent lockerzumachen. Was in Russland trendig ist, bahnt sich nun seinen Weg in den Westen

Wer es eilig hat, wird hier nicht herkommen. Das Slow Time Café in einer kleinen Seitenstraße im deutschen Wiesbaden hebt sich mit seinem Geschäftsmodell bewusst von den herkömmlichen Kaffeehäusern ab. Kaffee und Kekse sind umsonst, Wohnzimmerfeeling und Müßiggang gibt's gratis dazu. Bezahlt wird ausschließlich die Zeit.


Im Preis enthalten sind Sofas zum Knotzen, Hauspatscherln, Bücher und Spiele. Essen kann mitgebracht oder auch ganz einfach von der Pizzeria ums Eck bestellt werden. Bekommt man in Russland einen Wecker in die Hand gedrückt, wird im Slow Time auf einem Armbändchen aus Papier minutengenau vermerkt, wann ein Gast kommt. Beim Verlassen des Lokals wird abgerechnet: Zwei Euro kostet der Eintritt (inklusive 30 Minuten), fünf Cent die Minute, drei Euro die Stunde. Kinder bis zu zwölf Jahren zahlen die Hälfte.


Neu ist die Idee nicht. Zumindest nicht in Russland. Dort sind diese "Anti-Cafés", wie sie sich selbst bezeichnen, ein Selbstläufer. Man findet sie mittlerweile in jeder größeren Stadt des Landes. Doch wie ticken die Deutschen? Scheinbar anders.

Denn hier will der Funke noch nicht so recht überspringen. Noch gibt es für das Slow Time keine Laufkundschaft. Daria Volkova zeigt sich im Gespräch mit derStandard.at zuversichtlich: "Es werden mehr Gäste kommen, wenn sich das Konzept rumspricht." Die 24-jährige Russin ist Musikstudentin und Geschäftsführerin des Slow Time. Wie viel Geld sie seit der Eröffnung Mitte April in das Kaffeehaus und die zwei Mitarbeiter investiert hat, will sie nicht verraten. Nur – und das kommt zögerlich: "Es war sehr viel." Die Lokalität befindet sich in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Steakhouse, das einem Brand zum Opfer gefallen war und komplett neu renoviert wurde.

Zehn Gäste pro Stunde bräuchte es, damit sich das Geschäft für ihr Zeitcafé lohne, meint Volkova. Immerhin, drei Stammgäste gebe es schon. Veranstaltungen oder Spieleabende sollen künftig das Interesse von den Gästen wecken. Die vielen Wecker und Ziffernblätter sind es auch, die auf den 70 Quadratmetern den Alltag vergessen lassen sollen. Alle Uhren zeigen unterschiedliche Zeiten an. Letztendlich wird es auch die Zeit zeigen, ob sich das Geschäft lohnt. (ch, derStandard.at, 29.5.2013)

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