Wiener Lesetest: Jeder Fünfte ist Risikoschüler

29. Mai 2013, 14:36
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Leichte Verbesserung bei Volksschülern - Evaluierung der Leseförderung geplant

18,6 Prozent der SchülerInnen der vierten Klasse Volksschule und 22,4 Prozent der SchülerInnen der achten Schulstufe haben schlechte Lesekenntnisse und sind Risikoschüler. Das geht aus der dritten Wiener Lesestudie hervor, die Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl am Mittwoch präsentierte.

Ende Februar wurden 15.000 Volksschüler und 16.000 Schüler von Hauptschule, Neuer Mittelschule und Gymnasium flächendeckend getestet und je nach Ergebnis einer der drei Kompetenzstufen zugeteilt. Anders als bei den Bildungsstandards handelt es sich beim Wiener Lesetest um personalisierte Tests.

In der vierten Klasse Volksschule sind 18,6 Prozent der SchülerInnen in der schwächsten Stufe 1, 42,7 Prozent befinden sich in Stufe 2 und 38,7 Prozent in Stufe 3. Im Vergleich zu den Ergebnissen aus dem Jahr 2012 bedeutet das bei den schwächsten Schülern einen Rückgang um zwei Prozentpunkte. Die lesestärkste Gruppe 3 wuchs um 2,2 Prozentpunkte an.

Schlechtes Lesen ein Hauptschul-Phänomen

In der achten Schulstufe sind 22,4 Prozent der SchülerInnen in Stufe 1, rund 39,5 Prozent in Stufe 2 und 38,2 Prozent in Stufe 3. Zwar ist auch hier der Anteil der schwächste Gruppe gesunken (2012: 25,2 Prozent), allerdings wurden in diesem Jahr SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf nicht einbezogen. Selbst der Wiener Stadtschulrat will ob dieser vermeintlichen Verbesserung nicht triumphieren. Rund 12 Prozent der SchülerInnen aus der schlechtesten Gruppe besuchen ein Gymnasium, 88 Prozent eine Hauptschule oder Neue Mittelschule.

"Schlechtlesen ist ein Hauptschul-Phänomen, aber nicht nur", sagte Brandsteidl. Die im Vergleich zur Volksschule schlechteren Ergebnisse erklärt sie sich auch durch die vielen Seiteneinsteiger, die die Volksschule teilweise nicht in Österreich besucht haben.

Verbesserung durch Förderung

Zusätzlich zu der flächendeckenden Überprüfung der vierten und der achten Schulstufe wurden bei dem Lesetest auch 2.787 Schüler der fünften Schulstufe getestet. Dabei handelt es sich um jene SchülerInnen, die im vergangenen Jahr am Ende ihrer Volksschulzeit in die schwächste Lesegruppe eingestuft wurden. 60,4 Prozent von ihnen befinden sich nun in einer höheren Gruppe - ein Zeichen, dass die Leseförderung in Wien wirke, so Brandsteidl. Die Daten dienen auch der Evaluation der Leseförderung. Brandsteidl sieht in Zukunft den Schwerpunkt auf zwei Fördermaßnahmen, nämlich Intensivförderkursen oder - wenn eine Schule besonders schlecht abschneidet - einer Leseförderung für die gesamte Schule.

Durchgeführt wurden die Tests vom Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens (BIFIE). Alle getesteten SchülerInnen erhalten in der kommenden Woche ihr Ergebnis mit genauer Punktezahl und erreichter Stufe (siehe Beispiel zum Vergrößern). Diese Daten stehen anders als bei den Bildungsstandards auch Lehrern, Schulen und Bezirksschulinspektoren zur Verfügung und können auch in die Notengebung einfließen. "Wir gehen davon aus, dass Lehrer sich den Lesetest anschauen und die Ergebnisse auch sinnvoll verwenden", so Brandsteidl.

Ebenfalls erhoben wurde der Unterschied nach Geschlecht, die genauen Zahlen dazu werden erst im Herbst veröffentlicht. "Meist sind jedoch die Mädchen eine Spur besser", sagte Brandsteidl. Bei der Durchführung des Tests mussten die Schüler auch jene Sprache angeben, die sie zu Hause sprechen. Diese Daten werden aber nicht veröffentlicht. 

Kritik von ÖVP, FPÖ und Grüne

Die FPÖ sieht in dem Lesetest ein "Armutszeugnis", angesichts dessen "sich jede westlich-fortschrittliche Stadt in Grund und Boden schämen würde", meinte FPÖ-Bildungssprecher Dominik Nepp in einer Aussendung.

Für die Wiener ÖVP-Bildungssprecherin Isabella Leeb seien die Ergebnisse "vom großen Wurf weit entfernt", die Tests sollen außerdem um ein Jahr nach vorne gelegt werden, um Defizite ausgleichen zu können. Der grüne Bildungssprecher Harald Walser sieht in den Ergebnissen von 12 Prozent AHS-Schülern mit Leseschwäche auch ein Indiz dafür, dass die leistungsspezifische Selektion nach der Volksschule gescheitert sei. Er fordert eine gemeinsame Schule aller Zehn- bis 14-jährigen und eine flexible Schuleingangsphase. (seb, derStandard.at, 29.5.2013)

  • Ein Beispiel eines Ergebnisbogens.
    foto: scan/derstandard.at

    Ein Beispiel eines Ergebnisbogens.

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