Matura-Stress: Alles halb so wild!

29. Mai 2013, 11:58
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Zwei Maturanten, die ihre schriftlichen Prüfungen schon hinter sich haben, meinen: Die Hysterie war ziemlich unnötig. Ihrem Nachfolgejahrgang raten sie: Lasst euch bloß nicht verrückt machen

Liebe unreife Nicht-Maturanten!

Ihr habt die Schulpflicht bereits hinter euch und arbeitet nun nur mehr auf ein Ziel hin: die Matura. Wie ein monströses Hindernis erhebt sich die Reifeprüfung am Ende der Schullaufbahn vor euch, quasi der Mount Everest des Wissens.

Schon als ihr 15 wart, fingen eure Lehrer damit an, euch mit Kommentaren wie "Das würde ich mir bereits für die Matura merken" oder "Genau diese Frage hat ein Maturant letzte Woche bei mir beantworten müssen" gehörig Respekt einzuflößen.

Und tatsächlich: Auf den ersten Blick kann der Endgegner Matura als nahezu unüberwindbar erscheinen. Allein schon die verschiedenen Wahlmöglichkeiten, Fächertöpfe, Abgabefristen und der bürokratische Aufwand können sehr verwirren.

Aber lasst euch gesagt sein: Letztendlich kommen euch diese individuellen Gestaltungsmöglichkeiten bei der Prüfung zugute, besonders, wenn ihr euch der eigenen Stärken bewusst seid und die Prüfungsgegenstände dementsprechend wählt.

Nun wird aber leider um die schriftliche und mündliche Prüfung ein Riesentheater veranstaltet – nicht nur von Lehrern und Eltern, sondern oft auch von den Schülern selbst. Irgendwie scheint das dazuzugehören.

Dabei kann die Matura-Zeit eine der entspanntesten während der gesamten Schullaufbahn sein: Man besucht nur mehr die Prüfungsgegenstände und bereitet sich gemeinsam mit den Lehrern gezielt auf die Prüfung vor. Oft geben sie einem auch versteckte Hinweise auf mögliche Prüfungsfragen, sodass das Lernpensum am Ende doch überschaubar bleibt. Und nach zwölf Jahren starren Schulalltags ist die Zeit vor der mündlichen Prüfung eine willkommene Abwechslung.

Lasst euch von der Matura nicht verrückt machen. Zeit für Entspannung und andere Aktivitäten ist mindestens so wichtig wie die Lernerei. Von vielen ehemaligen Maturanten habe ich nach der Prüfung gehört, dass sie kurz danach dachten: "Was? Das war's jetzt? So einfach?!"

In der kurzen Lernphase vor der Schriftlichen und Mündlichen kann man den Stoff der vergangenen Jahre sowieso nicht nachlernen, wenn man also die letzten Jahre in der Schule halbwegs bei der Sache war, ist auch der letzte Schritt kein Problem. Wenn ihr so weit seid: Bitte tut euch den Gefallen und genießt die letzten Wochen in der Schule.

Und trotzdem: Dieser Text soll jetzt nicht als Aufforderung verstanden werden, unvorbereitet zur Reifeprüfung zu spazieren – obwohl es vielleicht funktionieren würde ;)

David Tiefenthaler


Ein offener Brief an alle, die noch nicht "reif" sind:

Hatten wir Stress vor der "Schriftlichen"? Ja. War der Stress gerechtfertigt? Nein. Klar, die Anspannung stand uns allen ins Gesicht geschrieben – aber jeder ging anders damit um: Manche blockierten jeglichen Kommunikationsversuch konsequent ab, andere lasen zur Beruhigung Zeitung oder beantworteten die letzten SMS-Glückwünsche. Und ein Mitschüler hämmerte sich sogar noch Weisheiten aus dem Matheheft ins Kurzzeitgedächtnis, als die Professorin schon die Angaben austeilte.

Hätten wir vorher gewusst, dass die Matura angenehmer sein würde als so manche Schularbeit, wären wir wohl viel "gechillter" in diese letzte Prüfung gegangen. Viele hatten panische Angst vor dem "Unbekannten" – da ja theoretisch alles drankommen könnte, was wir in acht Jahren Schulzeit durchgenommen hatten.

Dabei muss man im Prinzip sowohl in Mathe als auch in Sprachfächern lediglich dieselbe Herausforderung bestehen wie bei den letzten Schularbeiten auch. Nur hat man dafür noch deutlich mehr Zeit. Also hat man echt keinen Grund, in Angst zu verfallen, auch wenn es ums "Reifwerden" geht und nicht nur um eine bloße Schulnote.

Im Großen und Ganzen sind die letzten Wochen vor der schriftlichen Prüfung sogar die angenehmste Zeit im Schuljahr. Man beherrscht ja das Meiste vom Stoff, sonst wäre man vermutlich erst gar nicht so weit gekommen. Jetzt zählt vor allem, der Vergessenskurve ein Schnippchen zu schlagen und wieder ein bisschen in Übung zu kommen.

Ob es offiziell erlaubt ist oder nicht, sei dahingestellt: De facto besucht man lediglich die Fächer, in denen man maturiert.

Ein Tipp von mir: Die Inszenierungen rund um die Matura – abgesperrte Gänge in der Schule, dramatische Regelverlesung durch den Direktor – und die ganzjährige Panikmache durch einige Lehrer gehören zwar dazu, sollten einen jedoch echt nicht einschüchtern.

Jakob Wasshuber

(DER STANDARD, 29./30.5.2013)

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