"Tartuffe" mit gähnenden Tiefen

28. Mai 2013, 23:20
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Luc Bondys Wiener Abschiedsinszenierung im Akademietheater enttäuscht

Wien - Bestünde Molières "Tartuffe"  nur aus dem Bürger Orgon (Gert Voss) und dessen Parasiten, dem titelgebenden Frömmler (Joachim Meyerhoff): Die Wiener Festwochen hätten im Akademietheater womöglich eine kleine Sternstunde erlebt. Voss spielt in Luc Bondys Wiener Abschiedsinszenierung einen vom Leben zerrütteten Patriarchen. Seine schwindende Autorität erhält durch die lächerliche Liebe zu einem päderastischen Sittenstrolch Sauerstoff und Nahrung.

Molières meisterliche Analytik kommt in Richard Peduzzis französischem Landhaus mit seinen Wandkacheln und Herrgottswinkeln jedoch kaum zum Tragen. Wohl weil der Familie Orgon ein Gravitationskern fehlt, ziehen die Figuren recht einsam ihre Planetenbahnen. Manche Szenen wirken nicht fertiggeprobt. Andere kranken fühlbar an dem Ehrgeiz, es Claude Chabrol gleichtun zu wollen und die bürgerliche Heuchelei zu demaskieren.

Eine wunderbar zwischen Angst und Lust changierende Studie gelingt Johanna Wokalek als Orgons Gattin Elmire. Meyerhoffs Tartuffe hingegen zeigt die Gefährdung eines Spitzenschauspielers, der es sich am Gipfelgrat seiner Kunst recht bequem eingerichtet hat. Der jubelnde Applaus galt einer leise enttäuschenden Unternehmung und hatte auch etwas Pflichtschuldiges. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 29.5.2013)

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