Sind Sie leicht auffällig?

Kolumne4. Juni 2013, 17:33
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Die Zeit der Jahrgangsverkostungen und Regionpräsentationen ist angebrochen: Luzia Schrampf schmeckt's erst auf den zweiten Schluck

Die Wochen der Jahrgangsverkostungen und Regionpräsentationen sind angebrochen. Und abseits der im Augenblick unüberblickbar zahlreichen Veranstaltungen für das große Weinpublikum wird derzeit auch für diverse Weinguides, Salon Österreich Wein, Wettbewerbe und Auszeichnungen verkostet auf Teufel komm raus. Es ist auch die Zeit, in der man sich ganz gut einen tieferen Einblick bezüglich der Qualität des letzten Weinjahres verschaffen kann.

Die Weine sind zwar jung, haben aber im Großen und Ganzen jenes Stadium hinter sich, in dem man sich beim Probieren noch diverse Gäraromen wegdenken muss. Jene des Premiumbereichs zeigen erste Ansätze von Ernsthaftigkeit und machen eine fundierte Zweiteinschätzung möglich. Zweite Einschätzung deshalb, weil so manche Profis der Branche Teile ihrer Geschäftsentscheidungen ohnehin schon treffen mussten. Es ist eine hektische, anstrengende Zeit, Mitleid ist trotzdem nicht angebracht, denn sie ist "part of the game", und zwar eines durchaus angenehmen Spiels.

Über den Effekt des Aufmotzens

Ein Aspekt sticht dabei heuer besonders ins Auge. Jenen Sorten, die von Natur aus eher zu den unauffälligen zählen, wird nicht selten durch technische Mätzchen à la Kaltvergärung oder aromapushende Hefen bis zur Unkenntlichkeit auf die Sprünge geholfen. Weißburgunder und Grauburgunder sind dabei besonders gefährdet. Zum Teil fällt auch Chardonnay darunter, der ebenfalls zur aromatisch dezenten Burgunderfamilie zählt, jedoch - auf hohem Niveau betrieben - sogar ein erfreuliches Revival erlebt. Alle drei heischen nicht durch aus dem Glas springende Exotik nach Aufmerksamkeit.

Weißburgunder mit seinen feinen Mandelnoten, Grauburgunder mit einem eleganten Karamellton und Chardonnay, dessen vielfältige Zitrusfruchtaromen ein wunderschönes, wenn auch zurückhaltendes Merkmal sind, fordern auch ein, dass man sich auf Dinge wie Struktur und Harmonie einlässt. Dass man nicht nur riecht und schmeckt, sondern eventuell auch spürt, wie er sich im Mund anfühlt. Ein gutes Mahl unterstützen sie oft besser als so mancher Paradiesvogel.

Effekt dieses Aufmotzens ist jedenfalls, dass diese Weintypen ins aromatische Mittelmaß gepimpt werden, wo sie unter all den kaltvergorenen Veltlinern, Gemischten Sätzen, Sauvignons etc. erst recht nicht auffallen. Weniger kann also oft auch sehr ins Auge stechen. (Luzia Schrampf, Rondo, DER STANDARD, 31.5.2013)

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    Wichtig bei der Weinverkostung ist, dass man nicht nur riecht und schmeckt, sondern eventuell auch spürt, wie sich der Wein im Mund anfühlt.

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