Der Hightech-Häkler

30. Mai 2013, 17:03
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Bertjan Pot ist der neue Star der spannenden niederländischen Designszene - Seine Arbeiten bestechen durch Hightech-Experimente und frivole Zufälligkeiten

Wahrscheinlich träumte der niederländische Designer bei der Entwicklung seiner Leuchte "Heracleum" von einer strahlenden Staude und von dutzenden Lichtplättchen auf ultradünnem Metall. Aber dann spießte sich etwas an dem Projekt.

Die "Licht-Pflanze" wuchs sich in Richtung aufwändige Lötarbeit aus. Das war lästig und gut zugleich. Gut, weil unvorhergesehene Probleme der Design-DNA häufig genau jenes spielerische Element unterjubeln, das draußen, in der noch etwas freieren Natur, Evolutionssprünge befördert. 

"LED-Blüten"

Im Falle der "Heracleum"-Leuchte sprang statt Mama Natur der Kollege Marcel Wanders ein - und zwar mit der von ihm entwickelten Electrosandwich-Technologie. Sie überzieht die Metallverästelungen mit einer hauchdünnen Kunststoffschicht zur Isolation und mit einer zweiten für die Versorgung der "LED-Blüten" mit Energie. So konnte "Heracleum" plötzlich noch filigraner von der Decke sprießen, als Designer Pot ursprünglich gedacht hätte - und zwar in einer vernickelten und in einer verchromten Version.

"Design ist zu komplex für Einzeiler", wusste Pot schon vorher. Dass der Entwurf als gestreckte Gerade auf sein Umfeld einhämmern soll, hatte sich der Shootingstar des jungen niederländischen Designs zu diesem Zeitpunkt nämlich längst abgeschminkt.

Mehr als Slapstick

Das tiefgründige Überraschungsmoment spielt im Design von Bertjan Pot durchaus eine Rolle. Und eine vielleicht noch größere für ihn selbst. Vielleicht lässt er sich auf der Website seines 2003 gegründeten Rotterdamer Studios ja auch deswegen in genau jenem Moment abbilden, in dem ihm ein Assistent freundlicherweise eine üppige Cremetorte ins Gesicht schmiert.

Das ist mehr als Slapstick. Es hat auch mit Sinnlichkeit zu tun und mit dem Lecken aus dem Vollen. Für einen Designer bedeutet das: tieferes Eintauchen in jedwedes Material. Und für einen Designer wie Pot: jeden Zipfel davon wie Plastilin in jede Richtung ziehen, den Werkstoff mit allen Sinnen fühlen, dabei auf der Lauer liegen - Innovation ist so scheu wie ein Reh. "So gut wie jedes neue Design, egal ob historisch oder rezent, entspringt Experimenten mit Materialien", sagt er nun dazu.

Einen wichtigen Vorgeschmack davon mag der heutige Enddreißiger an der Design Academy Eindhoven genossen haben, der bekanntesten und vermutlich kreativsten Design-Uni der Welt. Sie betont den experimentellen Ansatz und fördert das Crossover von Materialien. Statt in Keramik-, Textil- etc. -Klassen graduieren DAE-Studenten lieber in Lehrgängen wie "Man and Activity", "Social Design" oder "Man and Leisure".

Jeden Tag neue Gesichter

Zu der Sache mit den Masken, die ihn zuletzt in den Grenzbereich zur Kunst rückte und, weil man schon dabei war, auch gleich hinüber zur Mode, führte Pot ebenfalls ein Umweg. Auch hier spielte der Zufall eine Rolle, und die verzogenen Ränder zusammengenähter Seile eine noch größere.

Denn eigentlich wollte Bertjan Pot daraus einen etwas holprigen Teppich ... sagt man: drehen? Egal. Zu verwenden waren die ausgebeulten Seil-Lappen nicht, jedenfalls nicht als Teppich. Aber weil Bertjan über seine Probleme spricht, zum Beispiel mit dem Designstudio-Kollegen Vladi Rapaport, wurden schließlich Masken daraus. Und ein größerer Erfolg, als ihm Teppich-Berge und -täler hätten bescheren können. Ein differenzierterer sowieso.

"Seither lerne ich jeden Tag neue Gesichter kennen", sagt Pot über den Output des fortlaufenden Masken-Projekts. Was man nun weniger als Stückzahl, sondern eher als Panoptikum ineinander verwobener Kultur-Chiffren betrachten sollte. Denn diese Masken sind vieles, und das meiste davon zur gleichen Zeit: pandämonisch, dicke Ethno-Pop-Lippe oder einfach nur so menschlich wie jene Vorstellung, die man sich von futuristischen Totems machen kann, von ins Gesicht gerutschten Hüten mit Sehschlitzen drin und von Kandinsky-bunter Mimikry.

Der Horrortrip hält sich dabei in Grenzen. An seine Stelle rückt etwas, das mit den "Stämmen von Paris" und mit den urbanen Tribalismus-Sehnsüchten einer plötzlich in der Luft hängenden Postmoderne begonnen haben mag. Ein Zug, dem mal der Schlenker zum Comix-Alter-Ego vorauseilt oder der bloß der Zärtlichkeit des inneren Orang-Utans im Menschentier nachfühlt. Schieles Selbstporträt, Tuareg-Kopfwickel, Homer Simpsons dämliche Weisheit - bunte Schnüre taugen so als roter Faden zum Ich.

"Man and Identity"

Bertjan Pot schloss 1998 im Fach "Man and Identity" ab - durchaus passend zum späteren Maskenprojekt. Seither sorgt er für regelmäßige Knalleffekte. Wobei: Mit einem Knaller schafft er ja auch den Durchbruch. Was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Die Rede ist von einem zerplatzten Luftballon, über den Pot in Kunstharz getränktes Fiberglas gewickelt hatte und trocknen ließ - weil er mit dem freien "Stricken" von Fiberglas, das am Anfang dieses Materialexperiments stand, nicht so recht weiterkam.

Das Resultat: Ein superleichtes ballonförmiges, und zugleich chaotisches Geflecht, das als Leuchtkörper des 2002 präsentierten "Random Light" ein echter Coverstar wurde und dem er zwei Jahre später noch mehr Designer-Strickmode nachreichte: In Façon des bestens bekannten "Carbon Chairs" etwa, der ebenfalls ohne tragende Struktur auskommt. Diese übernimmt die - gleichfalls Epoxyharz-getränkte - Carbonfaser, die die Sitz- und Rückenfläche des berühmt gewordenen Stuhls nur scheinbar in wirrem Zickzack überzieht.

Eingewebte emotionale Aspekte

Hightech-Materialien als Häkelware? Die innovative Verquickung von Handwerk und moderner Fertigungstechnologie ist typisch für die niederländische Designszene. Sie verhilft der alten Schule der Arts-&-Crafts-Tradition zu einem avantgardistischen Comeback - und schafft rund um das Gravitationszentrum Eindhoven ein kreatives Biotop, das nun Designlabels in aller Welt reanimiert.

Dass Bertjan Pot trotzdem herausragt, hat vielleicht auch mit der Unmittelbarkeit zu tun, die seine Arbeit prägt. Und diese wiederum mit einer neuen Sichtweise. Denn Pot rückt die - meist unstrukturierte - Außenhaut eines Produkts in den Mittelpunkt des entwerferischen Kalküls.

Das "Schrumpfen" von Früchten als Vorlage für runzlige Leuchten oder das Ganzkörper-Strickkleid der Armlehnstühle "Jumper" (Hersteller: Established & Sons) weben so auch emotionale Aspekte mit ein. Es sind wohl die Fragen nach der Un- als der eigentlichen Ordnung der Welt, die sich dieser Gestalter selbst und auch uns stellt. (Robert Haidinger, Rondo, DER STANDARD, 31.5.2013)

  • Experimentelles Design im Grenzbereich zu Kunst und Mode: Eigentlich wollte der fotoscheue Designer Bertjan Pot Teppiche machen, herausgekommen sind dann allerdings Masken, die der Gestalter zu einer ganzen Kollektion weiterentwickelte.
    foto: hersteller

    Experimentelles Design im Grenzbereich zu Kunst und Mode: Eigentlich wollte der fotoscheue Designer Bertjan Pot Teppiche machen, herausgekommen sind dann allerdings Masken, die der Gestalter zu einer ganzen Kollektion weiterentwickelte.

  • Der "Random Chair" für Goods.
    foto: hersteller

    Der "Random Chair" für Goods.

  • Die Leuchte "Heracleum" für Moooi.
    foto: hersteller

    Die Leuchte "Heracleum" für Moooi.

  • Der Sessel "Jumper" für Established & Sons.
    foto: hersteller

    Der Sessel "Jumper" für Established & Sons.

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