Kreisverkehr: Die Rückkehr der runden Brillen

30. Mai 2013, 17:01
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In den 1970er-Jahren waren sie Zeichen des Protests und wurden von Hippies und Rockstars getragen - Dann waren sie lange uncool

Jüngst wurde eine Brille posthum zum Politikum. Yoko Ono stellte ein Foto jener blutverschmierten Gläser, die John Lennon trug, als er 1980 erschossen wurde, ins Internet. Die Witwe des Ex-Beatle wollte sich mit dieser Aktion für eine strengere Waffengesetzgebung in den USA einsetzen. Ihre drastische Twittermeldung sorgte weltweit für Aufsehen.

Abseits des politischen Anspruchs sah man an der letzten Brille des Popstars aber auch, wie modebewusst John Lennon zeitlebens war: Ende der 1970er-Jahre hatte er seine längst ikonografisch gewordene runde Drahtgestell-Brille abgelegt und war auf eine modernere Variante umgestiegen, die von einer kleinen japanischen Marke produziert wurde: In einem Punk-Shop in Tokio stieß er 1979 auf Hakusan-Brillen und bestellte gleich neun verschiedene Versionen des Modells "Mayfair", das an die klassische Ray-Ban "Wayfarer" erinnerte, die schon mit James Dean in den 1950ern berühmt wurde und in den 1980er-Jahren erneut einen enormen Hype erlebte. Lennon blieb auch diesmal Trendsetter: Wenn schon alle John-Lennon-Brillen trugen, dann wollte Lennon nicht wie die Kopie seiner Fans aussehen, sondern modisch am Puls der Zeit bleiben.

"John-Lennon-Brille"

Trotzdem hat man heute von Lennon vor allem die runde Brille in Erinnerung. Die "John-Lennon-Brille", wie die Teashades auch genannt werden, war ab den späten 1960ern mehr als ein Sonnenschutz oder eine Sehhilfe, sie war ein Zeichen von Protest. Ein Versprechen, ein nicht angepasstes Leben zu führen. Runde Brillen wurden von Rockstars wie Mick Jagger, Roger Daltrey, Janis Joplin oder Ozzy Osbourne getragen. Die verspiegelten Versionen dieser Brillen standen beim Establishment ohnehin im Verdacht, bloß die Augen verstecken zu sollen, weil diese Drogenexperimente widerspiegeln könnten. Aber auch Brillenmoden ändern sich: 1986 blickte Tom Cruise als verwegener US-Kampfpilot in dem Blockbuster Top Gun selbstbewusst durch eine verspiegelte "Aviator"-Sonnenbrille. Und die Blues Brothers zeigten die Ray-Ban-"Wayfarer" in einer modernen Version.

Kaum etwas war uncooler als runde Brillen, die an die Hippiezeit erinnerten, mit denen die toughen Yuppies herzlich wenig anfangen konnten. Erst die Jugendbewegung Grunge entdeckte in den 1990ern in Ansätzen das Protestpotenzial der Rundungen wieder: Von Nirvana-Sänger Kurt Cobain gibt es Fotos, auf denen er weiße, sehr feminine runde Sonnenbrillen trägt. Möglichst uncool zu sein war das neue Cool. Seit ein paar Jahren zeichnet sich ein Comeback der runden Form ab. Exzentrikerin Lady Gaga machte 2009 in ihrem Video zu Paparazzi eine aufklappbare Brille berühmt, die an Mickey Mouse erinnerte. Jeremy Scott hatte dieses Modell für die britische Brillenmacherin Linda Farrow entworfen.

Im selben Jahr startete auch das Berliner Label Mykita erste Versuche, Rundungen wieder en vogue zu machen: Der deutsche Modemacher Bernhard Willhelm kommt schließlich aus einer Optikerfamilie, für Mykita entwarf er unter anderem die Modelle "Janis" und "Joplin". Heuer ist der Trend flächendeckend und auch in der Massenproduktion angekommen.

Derzeitige Helden

Es gibt keinen namhaften Designer, der nicht auf die runde Form setzt. Kris van Assche hat welche in der aktuellen Kollektion, ebenso wie Tom Ford oder das US-Label Opening Ceremony. Günstiger zu haben sind sie vom norwegischen Hersteller Kaibosh oder dem australischen Brillenspezialisten Le Specs, der mit "Rudeboy" gleich noch einen Schritt weiter geht in Sachen Dekonstruktion: In die runde Fassung sind Quadrate eingelegt.

Bei Sonnenbrillen, ob rund oder eckig, zeigt sich heuer ohnehin, dass die langweiligen, dezenten Jahre vorbei sind. Wenn man eine Brille trägt, dann will man damit auch auffallen. Ein echter Hingucker ist das Modell "Rasoir" von Miu Miu, es wirkt, als wäre es unten abgeschnitten. Runden Brillen haftet noch immer etwas Verwegenes an. Oder, siehe Harry Potter, etwas Altkluges. Im Kino wurden sie von Bösewichten oder Actionhelden getragen. Gary Oldman blickte in Bram Stoker's Dracula (1992) durch blaue, annähernd runde Brillengläser; wenn Actionheldin Lara Croft schlecht sieht, dann setzt sie sich John-Lennon-Brillen auf, und Woody Harrelson trug als durchgeknallter Serienmörder in Natural Born Killers (1994) rotes rundes Glas.

Leonardo DiCaprio trägt in der gerade im Kino angelaufenen Neuverfilmung von Der große Gatsby natürlich runde Sonnenbrillen, wenn er mit seinem auffälligen gelben Auto durch die Gegend rast. Und auch die Hauptfigur aus Quentin Tarantinos Western Django Unchained, blickt am Ende des Films lässig in die Kamera. Seine Feinde hat er alle im Alleingang erledigt, seine runde, verspiegelte Brille verleiht ihm etwas Unnahbares. So sehen derzeit Helden aus. (Karin Cerny, Rondo, DER STANDARD, 31.5.2013)

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    Diese Dame setzt seit vielen Jahren auf runde Brillen: Die New Yorker Stil-Ikone Iris Apfel (90) hat sie zu ihrem Markenzeichen erkoren. Damit liegt sie derzeit gut im Trend.

  • Gläser von Diesel.
    foto: hersteller

    Gläser von Diesel.

  • Modell von Prada.
    foto: hersteller

    Modell von Prada.

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