"Mehr Risiko für den gleichen Ertrag"

Interview28. Mai 2013, 18:36
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Zurich-Chef Martin Senn sieht die Lage für die Versicherer in Europa kritisch und erwartet eine Bereinigung

Standard: Sparer und Anleger in Lebensversicherungen leiden unter negativen Realzinsen. Wie sehen Sie das derzeitige Umfeld?

Senn: Wir haben in Europa viel zu wenig Dynamik. Die Rezession wirkt sich natürlich auf die Nachfrage nach Versicherungsprodukten aus. Es werden weniger Autos gekauft, man fährt die Autos länger und weniger. Unternehmen sparen bei den Flotten. Im Lebensversicherungsgeschäft ist es ähnlich. Die Leute haben weniger Ansparkapital, zudem gibt es weniger steuerliche Anreize. Das Faktum, dass die Zinsen so tief sind, belastet zudem das Umfeld. Man muss mehr Risiken eingehen, um den gleichen Ertrag zu erzielen. Das ist eher bedenklich und spricht nicht gerade für eine nachhaltige Entwicklung. Dazu kommen die Belastungen durch die schärfere Regulierung.

Standard:  Wie lange rechnen Sie mit dem Anhalten der negativen Realzinsen?

Senn: Wir schauen alle in die gleiche Kristallkugel. Aber ich rechne noch längere Zeit mit tiefen Zinsen. Wir haben keine Anzeichen für Inflation. Die Wirtschaft muss erst Wachstumszeichen setzen, und die Löhne müssen wieder steigen. Da sehe ich noch keine nachhaltige Entwicklung nach oben.

Standard:  Was bedeutet das für die Nachfrage nach Lebensversicherungen?

Senn: Die Prämien sind in Europa rückläufig, während sich die Märkte in den Schwellenländern stark entwickeln. Auch in den USA gibt es gute Anzeichen einer langsamen Erholung. Die Vereinigten Staaten sind in einer besseren Verfassung als Europa.

Standard:  In Deutschland gibt es schon deutliche Abflüsse aus den Lebensversicherungen. Ist das Produkt in Europa vom Aussterben bedroht?

Senn: Nein. Aber es kommt zu deutlichen Umschichtungen. Garantieprodukte sind für die Industrie immer schwieriger anzubieten. Es ist kaum möglich, eine Verzinsung von drei oder vier Prozent zu garantieren, wenn Staatsanleihen mit Topbonität nur ein oder zwei Prozent abwerfen. Daher gibt es auch einen Rückgang bei den Polizzenverkäufen.

Standard:  Staatsanleihen werfen wenig ab, werden von den Regulatoren in Bezug auf Eigenkapitalkosten aber bevorzugt. Stimmt für Sie dieser Zugang?

Senn: Grundsätzlich muss man davon ausgehen können, dass Staatsanleihen die tiefste Risikostufe darstellen. Das hat nicht immer gestimmt. Wenn wir in Europa einen weiteren Schuldenschnitt hätten, wäre das ein massiver Eingriff in die langfristige Anlagestrategie von Banken, Pensionskassen, Lebensversicherungen oder Sparern. Es gibt auch zu wenige Alternativen. Bei Unternehmensanleihen gibt es bei weitem nicht genügend Volumen. Außerdem würde ein größeres Risiko das Vertrauen der Anleger erschüttern und die Refinanzierungskosten der Staaten wieder deutlich erhöhen. Da hat es ja erst eine deutliche Stabilisierung in der Eurozone gegeben.

Standard:  Zurück zum Anleger: Wie kommen die Versicherungskunden aus der Falle der negativen Realzinsen heraus?

Senn: Die Versicherer müssen Produkte finden, die auch bei niedrigen Zinsen Erträge abwerfen. Man muss unabhängig vom Anlageertrag aus dem Verkauf von Versicherungsprodukten einen Gewinn erzielen können. Sonst sind sie immer den Zyklen der Finanzmärkte ausgesetzt.

Standard:  Was erwarten Sie von der neuen Regulierung für Versicherungen, Solvency II?

Senn: Solvency II wird den Ausleseprozess beschleunigen. Grundsätzlich sind die Ansätze richtig. Worüber man diskutieren kann, ist die Kalibrierung. Der große Punkt ist das Ansetzen der Zinskurve (spielt eine große Rolle bei der Berechnung der Rückstellungen, Anmerkung). Wichtig ist, dass es ein einheitliches Regime in Europa gibt und nicht jeder Staat andere Vorschriften beschließt. (Andreas Schnauder, DER STANDARD; 28.5.2013)

MARTIN SENN (56) ist seit 2010 Chief Executive Officer der Zurich Insurance. Der Schweizer studierte nach seiner Bankausbildung in Harvard und Fontainebleau. Zurich zählt mit einem Prämienvolumen von 73 Mrd. Dollar zu den größten Versicherungen der Welt.

  • Martin Senn: Zuwenig Dynamik in Europa
    foto: zurich/huber

    Martin Senn: Zuwenig Dynamik in Europa

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