Wien entpuppt sich als Schmetterlingsstadt: 137 Arten

30. Mai 2013, 12:01
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Ein neues Sachbuch versammelt die Tagfalterarten, die durch Wien flattern - oder es zumindest in den letzten 20 Jahren getan haben

Dass die Wiener ihre Trauer gern pompös inszenieren, hat sich anscheinend bis zu den Schmetterlingen durchgesprochen. Zum Wienklischee passend ist der Schwarze Trauerfalter (Neptis rivularis) hier "ein typischer Garten- und Parkfalter". Er fliegt langsam, schwebend, gleitet dahin. Sein Äußeres mutet exotisch an, schwarz, mit Binde aus weißen Flecken und ebenso weißem Flügelsaum. Eine "Charakterart" sei er, sagt der Landschaftsökologe und Zoologe Helmut Höttinger von der Österreichischen Gesellschaft für Entomofaunistik, "gut angepasst an das städtische Umfeld" und auch nicht hochgradig gefährdet.

Aber nicht der Zentralfriedhof ist sein liebstes Flugfeld, er hält sich gern im Westen der Stadt, in den Wienerwald-Bezirken auf. Man könne ihn leicht in den eigenen Garten locken, wenn man die Spiersträucher nicht alle zwei Monate stutzt, sagt Höttinger. Jetzt, Ende Mai, fängt seine Flugzeit schön langsam an.

Der Schwarze Trauerfalter ist einer von 137 Tagfaltern, die von den 215 in Österreich nachgewiesenen Arten bisher in Wien registriert wurden. Sie alle werden in einem bildreichen, populärwissenschaftlich aufbereiteten Band der Gesellschaft für Entomofaunistik versammelt. Höttinger ist einer der Buchautoren.

Die publizierten Daten resultieren aus Schmetterlingsbeobachtungen aus mehr als 20 Jahren. Seit 1989, als es erstmals genaue Erhebungen gab, wurden mehr als 100.000 Exemplare, die oft nur eine Lebensdauer von wenigen Wochen haben, von den Buchautoren, weiteren Forschern und Laien bestimmt. Sie fanden Eingang in eine Datenbank, die Ort und Fundzeit aller Nachweise verzeichnet. Dabei sind auch geprüfte Daten der "Volkszählung für Schmetterlinge", bei der ab 2003 etwa 300 Personen Berichte von Sichtungen an die Wiener Umweltberatung geschickt haben. Produkt der Falterbeobachtungen sind Verbreitungskarten und Flugzeitdiagramme, mit denen jede Schmetterlingsart im Buch versehen ist.

Beim Admiral (Vanessa atalanta) verteilen sich Punkte, die die Zahl der Sichtungen auf den Verbreitungskarten anzeigen, über die ganze Stadt. Admirale sind in Wien nur auf der Durchreise. Die Wanderfalter legen im Lauf ihres Lebens hunderte Kilometer zurück. Sie kommen aus Nordafrika und dem mediterranen Raum und ziehen im Frühling den Blüten Richtung Norden nach.

Selbst die Überquerung des Mittelmeers ist für die Weitwanderer kaum ein Problem, erklärt Höttinger. Sie werden von Windströmungen unterstützt, fliegen aber auch bei Gegenwind, nutzen Inseln, Schiffe und können selbst am Wasser rasten. Ihre Nachkommen treten im Herbst den Rückweg in den Süden an und werden, wenn sie der Frost nicht zu hart erwischt, vielleicht wieder in Wien vorbeikommen.

Zufluchtsorte im Stadtgebiet

Dass sich die Schmetterlinge wie die sehr anpassungsfähigen Admirale auf einen Großteil Wiens verteilen, ist nicht die Regel. Die dichtverbauten Gebiete sind - wenig überraschend - eher artenarm, erklärt Höttinger. Die Schmetterlingsvielfalt findet sich an der Peripherie, wo es noch eine größere Dichte naturnaher Lebensräume, letzte Feuchtwiesen oder Magerrasen gibt. Die Alten Schanzen in Stammersdorf, der ehemalige Verschiebebahnhof Breitenlee, der äußerste Südwesten des Stadtgebiets - Kalksburg und Rodaun - und natürlich die Lobau im Südosten sind Orte, an denen noch viele Arten flattern. Manche der stark gefährdeten Arten wie der in Österreich stark gefährdete Saumfleck-Perlmutterfalter (Brenthis hecate) sind nur mehr auf zwei, drei Wiesen im Südwesten Wiens anzutreffen.

Die Diversität gehe auch insgesamt stark zurück, sagt Höttinger. Zwei Drittel aller Arten in Österreich stehen auf Roten Listen. Verbauung, Trockenlegung von Feuchtwiesen und die Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft, etwa durch häufigeres Mähen, schränken die Falter in ihren Lebensräumen ein.

Will man Schmetterlinge in den eigenen Garten locken, sollte man auf eine naturnahe Bewirtschaftung achten, möglichst viele Blütenpflanzen aufkommen lassen und vor allem nicht jede Woche den Rasen mähen, sagt Höttinger. Schmetterlingsflieder, Prunus-Gehölze und Kirschenbäume ziehen verschiedene Arten an.

Veilchen und Brennessel

Manche sind aber hochspezialisiert in der Wahl ihrer Raupennahrungspflanzen. Der Kaisermantel (Argynnis paphia) benötigt Veilchen, legt die Eier aber auf Baumstämmen in deren Nähe ab. "Die Raupen müssen schauen, wie sie zu den Veilchen finden." Der Ratschlag, Brennnessel stehenzulassen, sei "schön und gut", helfe aber nur wenigen Arten: Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs und der Admiral legen gern auf ihnen ab.

Durch ihren oft hohen Spezialisierungsgrad geben die Falter eine gute Indikatorgruppe für den Klimawandel ab. Verlierer der Erderwärmung sind jene Arten, die an Feuchtgebiete und Hochmoore gebunden sind, erklärt Höttinger. Und alpine Arten, die nicht nach weiter oben ausweichen können. Gewinner sind jene, die es schaffen, dem für sie passenden Klima "nachzuwandern". Aus Klimadaten und Wandergeschwindigkeit geht hervor, dass viele Arten dabei hinterherhinken.

Der Brombeer-Perlmutterfalter (Brenthis daphne) wurde etwa im Jahr 2006 erstmals in Wien nachgewiesen. "Aufgrund des Klimawandels hat er in den letzten 15 Jahren sein Verbreitungsgebiet in Ostösterreich nach Norden und Westen erweitert", steht im Buch. Höttinger: "Es werden immer wieder Falter auftauchen, die es hier bisher nicht gegeben hat."

Der Schmetterlingsband ist der erste Band einer Reihe über Insekten in Wien. Als Nächstes sind Hummeln an der Reihe. Immerhin soll es an die 30 Arten geben, und die Datenlage ist relativ gut. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 29./30.5.2013)

  • Hauptstädtische Tagfalter: Osterluzeifalter (Zerynthia polyxena) ...
    foto: andreas pospisil

    Hauptstädtische Tagfalter: Osterluzeifalter (Zerynthia polyxena) ...

  • ... und ein zusammengefalteter Schwarzer Trauerfalter (Neptis rivularis).
    foto: andreas pospisil

    ... und ein zusammengefalteter Schwarzer Trauerfalter (Neptis rivularis).

  • Höttinger, Pendl, Wiemers, Pospisil: "Insekten in Wien - Tagfalter".Österreichische Gesellschaft für Entomofaunistik, Wien 2013.349 Seiten, 29 Euro.

    Höttinger, Pendl, Wiemers, Pospisil:
    "Insekten in Wien - Tagfalter".
    Österreichische Gesellschaft für Entomofaunistik, Wien 2013.
    349 Seiten, 29 Euro.

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