Privat ist, was die Eltern nicht sehen sollen

28. Mai 2013, 20:31
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Medienwissenschafterin Sonja Schwarz untersucht Jugendkommunikation im Netz

Die Jugend meidet grundsätzlich das Alter. Dementsprechend lassen Teenager jeden Trend wie eine heiße Kartoffel fallen, wenn Erwachsene ihn für sich entdecken - gerade im Internet: "Facebook gilt bei Jugendlichen inzwischen schon wieder als uncool", sagt Sonja Schwarz vom Österreichischen Institut für angewandte Telekommunikation (ÖIAT). Die Medienwissenschafterin erforscht die Selbstdarstellung von Jugendlichen in sozialen Internet-Netzwerken.

Da auch Eltern und Lehrer längst Facebook nutzen, bewegen sich Jugendliche nun in anderen Netzwerken wie etwa der Blogging-Plattform Tumblr. Laut Schwarz haben Heranwachsende durchaus einen differenzierten Begriff von Privatsphäre, was man angesichts intensiver Posttätigkeit und juvenilem Exhibitionismus im Web nicht unbedingt vermuten würde. " Jugendliche wissen genau, was sie online stellen, und haben kein Problem damit, in der Web-Öffentlichkeit zu stehen. Der Begriff der Privatsphäre kommt meist erst dann ins Spiel, wenn auch Eltern und Lehrer Zugang zu den Postings und Einblick in die jugendlichen Aktivitäten haben."

Sonja Schwarz interessiert in ihrem durch die Initiative Femtech geförderten Projekt, die sie mit fünf Fokusgruppen an verschiedenen Schulen betreibt, vor allem der Genderaspekt: Verhalten sich Mädchen und Buben im Netz unterschiedlich? Eine erste Tendenz ist bereits zu erkennen: "Mädchen kommunizieren grundsätzlich aktiver: Sie kommentieren und posten Inhalte, während die Burschen mehr passiv konsumieren. 'Liken' und 'Stalken' sind eher männliche Aktivitäten", fasst Schwarz zusammen. Die Studie soll dabei helfen, dass jugendliche Verhaltensweisen auch für Erwachsene durchsichtig werden und sie Heranwachsende im Umgang mit den neuen Medien sensibilisiert begleiten können. So können Eltern vermutlich etwa auf das Phänomen "Sexting" - das Posten von Nacktaufnahmen - besser reagieren.

Für Forschung motivieren

Sonja Schwarz ist derzeit ACR-Expertin: Alle zwei Monate wählt das Forschungsnetzwerk für kleine und mittlere Unternehmen Austrian Cooperative Research (ACR) eine Wissenschafterin, um für Forschung zu motivieren. Sie beschäftigt sich schon seit längerer Zeit mit dem Internet: Durch ihren großen Bruder hat sie das Internet bereits Mitte der Neunziger entdeckt. Schwarz vermutet: "Damit zähle ich wohl zu den ersten weiblichen Early Adopters des Internets in Österreich." Ihr Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft habe sie daher ganz bewusst und nicht aus Verzweiflung gewählt, wie man Publizistikstudenten gern vorwerfe. Bereits während des Studiums, das sie 2010 mit einer Arbeit über Blogging und Management abschloss, arbeitete sie im Kommunikationsbereich.

Schwarz: "Kommunikation ist die Basis unseres Zusammenlebens - insofern gibt es für mich nichts Spannenderes." Konsequenterweise ist sie am ÖIAT, wo sie seit 2009 arbeitet, nicht nur wissenschaftlich tätig, sondern auch an der Öffentlichkeitsarbeit des Instituts beteiligt - ganz bewusst: "Ich mag diese Hybridstellung. Mich hat immer das Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Praxis fasziniert. Das eine kann nicht ohne das andere existieren. Die Felder bedingen sich gegenseitig, auch wenn es nicht immer sofort einen gemeinsamen Nenner gibt." (Johannes Lau, DER STANDARD, 29./30.05.2013)

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