Lebensversicherungen schwer unter Druck

28. Mai 2013, 18:06
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Das Niedrigzinsumfeld drückt auf die Sparform der Lebensversicherung. In Österreich raten Konsumentenschützer zur Vorsicht

Wien - Die rekordniedrigen Zinsen machen den Lebensversicherungen immer stärker zu schaffen. Walter Hager, Experte vom Verein für Konsumenteninformation (VKI), warnt davor, dass "klassische Lebensversicherungen immer mehr zum Verlustgeschäft werden", und rät daher von Neuabschlüssen in der aktuellen Ausgabe des Konsument ab.

Der Hauptgrund liegt außerhalb des Einflussbereichs der Branche. Die Zinsen stehen aktuell so niedrig wie noch nie (siehe Grafik). Die Umlaufrendite von Anleihen ist von deutlich über vier Prozent im Schnitt von 1990 bis 2010 auf zuletzt deutlich unter zwei Prozent gefallen. Die durchschnittliche fünfjährige Staatsanleihe in der Eurozone brachte im April laut Daten der Europäischen Zentralbank erstmals weniger als 1,75 Prozent Rendite.

Wegen der fallenden Kapitalmarktzinsen hat die Finanzmarktaufsicht den zugelassenen Höchstzinssatz für den garantierten Mindestzins bei den Lebensversicherungen zum Jahresende 2012 auf 1,75 Prozent abgesenkt. Zum Zeitpunkt der Ankündigung der Garantiezinssenkung im Oktober lag die fünfjährige Rendite einer Euroanleihe noch bei mehr als zwei Prozent.

Zweifeln am Geschäft

Kein Wunder also, dass gerade die Versicherungsbranche nach der jüngsten Zinssenkung der EZB im Mai klagte. "Wir leiden unter diesen extremen Niedrigzinsen", gab der Finanzvorstand des Rückversicherers Munich Re offenherzig zu. In Deutschland zweifeln bereits eine Reihe von Versicherern, zuletzt etwa Ergo und Axa, an dem Produkt Lebensversicherung. "Viele Anbieter können oder wollen sich das klassische Lebensversicherungsgeschäft nicht mehr leisten", sagt Lars Heermann, Leiter der Analyse bei der deutschen Ratingagentur Assekurata. So mancher Anbieter hat nur noch Versicherungen ohne feste Garantie im Sortiment. Damit wird das Risiko der Veranlagung auf die Konsumenten abgewälzt.

Auch in Österreich kämpfte die Lebensversicherung mit den niedrigen Zinsen. 2012 lagen die Prämien im Bereich Leben laut Daten des Versicherungsverbands VVO bei 6,5 Milliarden Euro. 2010 war es noch über eine Milliarde mehr, 7,55 Mrd. Euro. Der Wegfall des steuerlichen Anreizes bei den Einmalerlägen hat deren Volumen um über 64 Prozent zwischen 2010 und 2012 einbrechen lassen.

Dazu kommt der allmähliche Druck für das Geschäftsmodell der Versicherer. Das Niedrigzinsumfeld ist für die Branche so schwierig, weil sie in der Vergangenheit laufende Verträge mit deutlich höheren garantierten Zinsen von vier Prozent abgeschlossen haben. Weil sie die aber nicht mehr verdienen können, müssen sie ihre Reserven anzapfen. Das abschreckende Beispiel aus der Vergangenheit ist Japan. Dort sind zwischen 1997 und 2003 im Niedrigzinsumfeld sieben Lebensversicherungsunternehmen insolvent geworden.

Wie "tragisch die Finanzmärkte für Lebensversicherer sein werden", hätten die Regulatoren vor 20 Jahren nicht bedacht, so Heermann. Versicherungskonzerne wie die Allianz und der US-Riese Metlife warnten bereits vor niedrigeren Gewinnen. Allerdings betont eine Sprecherin der Allianz-Gruppe in Österreich: "Unsere Stressanalysen zeigen, dass wir einen Niedrigzinszeitraum von über 10 Jahren ohne ernsthafte Schwierigkeiten überstehen."

Kostenschraube als Ausweg

Das Produkt der klassischen Lebensversicherung sei aber trotz der Herausforderung im Niedrigzinsumfeld für manchen Sparer interessant. " Den sehr sicherheitsbewussten Anleger wird es immer geben", betont Heermann. Auch Hager hält die Lebensversicherung für ein "prinzipiell vernünftiges" Produkt. Allerdings könnte die Branche helfen, die klassische Versicherung zu attraktivieren, denn die hohen Kosten kommen noch aus einer Hochzinsphase. "Heute macht es für Sparer mit derart hohen Kosten keinen Sinn, dass man einzahlt", sagt Hager. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 29.5.2013)

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    Ein ruhiger Lebensabend dank hoher Renditen? Die deutlich gefallenen Zinsen machen es den Lebensversicherungen schwer, ihre Versprechen einzuhalten.

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