Vorarlberg: Gemeinden schöpfen Schulförderung nicht aus

28. Mai 2013, 17:57
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Millionen liegen bereit - Gemeinden holen Geld für Ganztagsschulen nicht ab

Bregenz - Politische Bekenntnisse zur Ganztagsschule können vom Schulalltag nicht ablenken. Die Bundesmillionen für ganztägige Schulformen scheinen nämlich nicht an den Schulen anzukommen. So machten Eltern bei einer Demonstration vor dem Landhaus Bregenz in der Vorwoche darauf aufmerksam, dass an der Bregenzer Volksschule Augasse eine zweite Ganztagsklasse aus Geldmangel nicht eingeführt werden könne. Grünen-Abgeordnete Katharina Wiesflecker informierte in einem offenen Brief Landeshauptmann Markus Wallner (VP) über die Sorgen der Eltern.

Schuldirektor Hans Peter Sonnbichler relativiert: Es fehle nicht am Geld, sondern an den Anmeldungen. "Es ist alles noch am Laufen." Man müsse Verständnis für die Sorgen der Eltern haben, aber auch für Land und Gemeinden. "Es ist halt alles noch im Aufbau. Da weiß man halt noch nicht so recht, wie man die Gelder verteilt. Wir sind noch in der Lernphase."

Die Grünen ließen sich über die Mittelverteilung per Anfrage informieren und erfuhren Erstaunliches: Von den seit 2011 vom Bund zugeteilten Infrastrukturmitteln in der Höhe von 1,9 Millionen Euro wurden nur 900.000 Euro abgeholt. Bei den Mitteln für Personal ist das Guthaben noch größer: Von 3,4 Millionen Euro wurden nur 540.000 Euro ausgeschöpft. 2000 Schülerinnen und Schüler in 55 Projekten profitierten von der Förderung, schreibt Schullandesrätin Bernadette Mennel (VP) in der Anfragebeantwortung. Wiesflecker zum Standard: "Es kann doch nicht im Sinne der Erfinder sein, dass Millionen ausgeschüttet, aber nicht verwendet werden." Der Ausbau ganztägiger Schulformen werde in Vorarlberg nicht so ambitioniert geführt wie vorgegeben, kritisiert die Abgeordnete. So sei der Anteil verschränkter Klassen mit zwei Prozent noch äußerst klein.

Provisorium Ganztagsschule

Von den Fördergeldern auf der hohen Kante können Schulpraktiker nur träumen. In den meisten Schulen fehlt es an allen Ecken und Enden: An Küchen für Ganztagsgruppen, an kindgerechten Lern- und Spielräumen, an Computerarbeitsplätzen für die Lehrerinnen und Lehrer.

Pro Ganztagsgruppe stehen laut Bund-Länder-Vereinbarung 50.000 Euro an Infrastrukturförderung zur Verfügung. Abholen müssten sie die Gemeinden als Schulerhalter.

Bernd Dragosits, Schuldirektor und Mitbegründer der Initiative "Rettet die Volksschule - Volksschulen in den Fokus", appelliert an die Kommunen, die Mittel abzuholen. Denn nur bestausgestattete staatliche Pflichtschulen könnten sich im Wettbewerb gegenüber Privatschulen behaupten, sagt er. Dragosits fordert "ein buntes Angebot für alle Kinder", dafür brauche man vor allem Raum. "Wenn die Qualität der Schulräume besser wäre, würden mehr Eltern ihre Kinder in Ganztagsklassen schicken", sagt der Schuldirektor.

An seiner Volksschule in Wolfurt kommt ein Drittel der 215 Kinder in die Ganztagsbetreuung. Obwohl sie nachmittags bis zum Schulumbau in einem Kellerprovisorium untergebracht sind. Die Nachfrage sei steigend, "wie die Zahl der alleinerziehenden Mütter" (Dragosits).

Das räumliche Provisorium an vielen Schulen ist für den Direktor auch ein Symbol für fehlende bildungspolitische Vorgaben. Es brauche verschränkte Ganztagsformen: "Und zwar verpflichtend." Die Wahlmöglichkeit führe zu "Ghettoklassen". Die vereinzelten Ganztagsklassen würden dankbar von sozial schwachen Eltern, viele davon mit Migrationshintergrund, aufgenommen. Besser gestellte Eltern wollen ihre Kinder aber nicht in diesen "Ausländerklassen" sehen. Dragosits: " Es fehlt dann die soziale Durchmischung, und das kann doch keiner ernsthaft wollen. Aber darüber will niemand reden." (Jutta Berger, DER STANDARD, 29.5.2013)

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    Die Bundesmillionen für ganztägige Schulformen scheinen nicht an den Schulen anzukommen.

  • Grüne Katharina Wiesflecker.
    foto: gruene

    Grüne Katharina Wiesflecker.

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