"Bei 1600 Watt eine Quattro stagioni"

28. Mai 2013, 19:19
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Wie berichten Qualitätszeitungen über Nanotechnologie? Dieser Frage ging die Biologin Julia Haslinger kürzlich nach - Was das mit Realität und mit Wunder-Pizzen zu tun hat, sagte sie Peter Illetschko

Standard: Wie erklären Sie einem Kind die Nanotechnologie?

Haslinger: Ich würde es mit Bildern versuchen. Die Trickfilmserie Es war einmal das Leben aus den 1980er-Jahren war ein gutes Beispiel. Da hat man gesehen, wie der menschliche Körper funktioniert, wie die Blutbahnen verlaufen, was da im Detail passiert. Das könnte mit dem Thema Nanotechnologie auch funktionieren.

Standard: Sie haben mit deutschen und Schweizer Technikfolgenabschätzern analysiert, wie Qualitätszeitungen zwischen 2000 und 2009 Lesern das Thema Nanotechnologie näherbringen. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Haslinger: Journalisten arbeiten mit Metaphern, um zu beschreiben, was in der Nanotechnologie, also im Millionstelmillimeterbereich passiert oder passieren kann. Dieser Stil ist gleich geblieben, aber der Fokus hat sich geändert: Vor zehn Jahren schrieben sie noch vor allem über Visionen. Sie erzählten von den Möglichkeiten, die Wissenschafter mit Nanotechnologie vor Augen hatten. Aus einer am Rande erwähnten Chance, in der Medizin zu neuen Behandlungserfolgen zu kommen, wurde ein Aufhänger. Die Visionen sind bisher nicht eingetreten. Heute konzentriert sich die Berichterstattung auf den unmittelbaren Anwendungsbereich - wieder mit metaphernreicher Sprache.

Standard: Ist das der ideale Zugang zum Thema?

Haslinger: Inhaltlich bleibt bei einer bildlastigen Sprache leider wenig übrig. Das heißt: Die rein wissenschaftliche Arbeit wird nicht in der Form besprochen, wie es sich die Experten wünschen würden. Das war aber in allen drei Ländern gleich - in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich.

Standard: Sie haben die "Frankfurter Allgemeine" und die "Süddeutsche", die "Neue Züricher Zeitung" und den "Tagesanzeiger" und in Österreich die "Presse" und den Standard analysiert. Gab es keine Unterschiede?

Haslinger: In allen Zeitungen wurden Chancen und Nutzen wesentlich häufiger thematisiert als mögliche Risiken - wobei in Österreich und in der Schweiz die Risiken eine noch größere Rolle spielten als in Deutschland. Das heißt aber nicht, dass österreichische und Schweizer Zeitungen aufgeregter über Nanotechnologie berichteten. Die Darstellung war konfliktarm, vermutlich weil es keine konkreten Skandale gab, die ein Gesundheits- oder Umweltrisiko von Nanotechnologie zeigten.

Standard: Aber es gab doch einen Nano-Magic-Spray, der gesundheitsschädlich war?

Haslinger: Das stimmt. Die gesundheits- und umweltschädlichen Materialien waren in diesem Fall aber nicht die Nanomaterialien, also gab es auch keinen Anlass. Nicht einmal im Boulevard war Nano ein Thema - dort kommt es wohl nur vor, wenn Zwischenfälle zu berichten sind.

Standard: Das heißt für investigative Berichte gab es keine Notwendigkeit?

Haslinger: Investigative Berichte wären auch ohne Skandale möglich. Beim Thema Nano wurde aber weitgehend darauf verzichtet. Es gab Anlässe, das waren aber Konferenzen, Förderprogramme und Vorträge. Die Berichterstattung fand hauptsächlich auf den Wissenschaftsseiten statt, sie erzielte beim Publikum aufgrund der kaum hervorstechenden Platzung wenig Aufmerksamkeit.

Standard: Wie stehen die Österreicher zur Nanotechnologie?

Haslinger: Sie sind nicht dagegen, sie interessieren sich aber auch nicht dafür. Die Österreicher sind immerhin nicht technikavers, das sieht man besonders bei Anwendungen, die einen individuellen Nutzen bringen. Im Falle der Nanotechnologie ist Begleitforschung, die sich mit möglichen Nutzen und Risiken einer neuen Technologie befasst, seit Anbeginn gemacht worden. Über gesellschaftliche Auswirkungen von neuen Technologien muss man rechtzeitig aufklären, um eine differenzierte Meinungsbildung in der Öffentlichkeit zu erzielen.

Standard: Sie haben anfangs von Visionen gesprochen, über die Journalisten zum Thema Nanotechnologie berichtet haben. Ist Ihnen eine besonders in Erinnerung?

Haslinger: Eine Zeitung hat in dieser Phase über eine Tiefkühl-Wunderpizza berichtet. Bei 400 Watt sollte sie eine Margarita, bei 800 Watt eine Prosciutto und bei 1600 Watt eine Quattro stagioni werden. Aber ich kann sie beruhigen: Die Journalisten haben sich darüber lustig gemacht.

(Peter Illetschko, DER STANDARD, 29./30.5.2013)


Julia Haslinger, geboren 1985 in Wels, Oberösterreich, studierte Biologie, Anthropologie und Humanökologie an der Uni Wien und arbeitet am Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA).

Wissen: Vertrauen in Nanotech

Bereits seit 2007 untersucht das Projekt Nanotrust des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) systematisch mögliche Gesundheits- und Umweltrisiken. Es wird vom Verkehrsministerium finanziert und läuft in seiner zweiten Phase bis September 2013. Die dritte Phase ist derzeit in Verhandlungen. Am 4. Juni findet an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1010 Wien, Dr.-Ignaz-Seipel-Platz 2, Sitzungssaal (1. Stock), die sechste NanoTrust-Konferenz statt - unter anderem mit Vorträgen der deutschen Risikoforscherin Astrid Epp und von ITA-Forscherin Julia Haslinger. (red)

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NanoTrust

  • Julia Haslinger arbeitet unter anderem an dem Projekt "NanoTrust": ein Versuch, die Risiken der Nanotechnologie abzuschätzen und die Öffentlichkeit miteinzubeziehen.
    foto: corn

    Julia Haslinger arbeitet unter anderem an dem Projekt "NanoTrust": ein Versuch, die Risiken der Nanotechnologie abzuschätzen und die Öffentlichkeit miteinzubeziehen.

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