Emotionale Präzision

28. Mai 2013, 17:20
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Esa-Pekka Salonen und das Philharmonia Orchestra

Wien - Erstklassig, fesselnd, nachhaltig beeindruckend: der Dirigent, das Orchester, das komplette Programm. Chapeau. Oder um es in der Landessprache der Orchestermitglieder zu sagen: wow.

Klar. Alles ist so klar bei Esa-Pekka Salonen. Transparent. Sauber. Immer von einem federnden, tänzerischen Grundimpuls getragen. Von einer emotionalen Präzision, die nie ins Ungefähre, Haltlose verschludert. So ist es unerhört erfrischend, dem Finnen und dem Philharmonia Orchestra aus London - man arbeitet seit drei Jahrzehnten zusammen - zuzuhören: ein Jungbrunnen.

Esa-Pekka Salonen, smarter Advokat der Moderne, kennt nicht nur alle Details, alle Stimmrelationen der zu interpretierenden Partitur, der 54- Jährige setzt diese auch um. Den engagierten, erstaunlich jungen Mitgliedern des Philharmonia Orchestra scheint ihre jeweilige Position im Gefüge der Stimmen jederzeit bewusst.

Barbarische Kraft, messerscharfe dynamische Schnitte bei Strawinskys Le Sacre du printemps - das "Virtuosenstück der Regression" (ach, Adorno) wurde heute, Dienstag, vor genau 100 Jahren in Paris uraufgeführt unter Tumulten, die den im Stück geschilderten nahekamen.

Wiederum ein Jahrhundert davor wurde Beethovens siebte Symphonie in Wien uraufgeführt. In einer derart meisterhaften Interpretation hört man das Werk, in dem napoleonische Kriegshändel nachklingen, nicht alle Abende. Farbenprächtig und doch mit feinstem Pinselstrich gemalt, vital und doch mit formvollendeter Eleganz getanzt. Höfischer Stolz und revolutionäre Energie, in cartesianischer Klarheit geschildert. Hat man das Finale je klüger, wirkungsvoller gestaffelt erlebt?

Die Musique funèbre von Salonens vor 100 Jahren geborenem Mentor Witold Lutoslawski zu Beginn, mit Erinnerungen an einen weiteren großen Krieg. Schon da hat man ahnen können, dass es ein großer Abend werden würde. (Stefan Ender, DER STANDARD, 29./30.5.2013)

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