Singen gegen den Schmerz

28. Mai 2013, 17:08
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Johan Simons' "Gift" zu Gast bei den Wiener Festwochen

Wien - Eine Frau begegnet ihrem Exmann nach neun Jahren erstmals wieder. Auf jenem Friedhof, auf dem ihr gemeinsames Kind begraben liegt. Nach dem Unfalltod des Sohnes ging die Ehe in die Brüche. Er (Steven van Watermeulen) lebt seither im Ausland und hat ein neues Leben aufgebaut, sie (Elsie de Brauw) blieb in der Stadt und kann sich aus ihrer Trauer nicht befreien.

Diese ungleiche Bewältigung des Schmerzes verhandelt die niederländische Autorin Lot Vekemans in ihrem Kammerspiel Gift. Eine Ehegeschichte. Die Inszenierung von Johan Simons aus dem Jahr 2009, eine Koproduktion des Nationaltheaters Gent mit den Münchner Kammerspielen, ist am Mittwoch letztmals zu Gast bei den Wiener Festwochen.

Handschlag oder Umarmung? Wie begrüßt man sich nach so langer Zeit des unausgesprochenen Unfriedens? Immerhin hat er eines Silvesterabends vor neun Jahren wortlos mit zwei Koffern die Wohnung auf immer verlassen. Auf der blauen Stuhlrampe im Theater Akzent (Bühne: Leo de Nijs) nehmen die beiden zunächst maximal voneinander entfernte Sitzplätze ein.

Doch die Distanz scheint größer, als sie es tatsächlich ist. Elsie de Brauw und Steven van Watermeulen lassen mit einem intensiven, tränenreichen Spiel eine tief verborgene Innigkeit spüren. Sollte es die fünf Stufen der Trauer tatsächlich geben - Verneinung, Wut, Verhandeln, Depression und Akzeptanz -, so bilden sie eine jede davon ab. Genauer: Die Frau tut dies. Das ist das Rückwärtsgewandte an diesem Stück, es festigt die ohnehin stereotype geschlechtliche Zuordnung von Vernunft- und Gefühlswelt.

Elsie de Brauw gibt mit Verve ein Opfer der Gefühlswelt; sie ist aufgekratzt und zappelt mit ihren Beinen. Sie schneidet Fratzen aus Trotz über ihre Lage, muss plötzlich pinkeln und hat Hunger, man könnte sagen: Kleinkindeigenschaften, denen gegenüber der Ruhepol Mann das souveräne Subjekt abgibt. Erst im zweiten Teil erhebt sich die Inszenierung über dieses Prinzip.

Der zerstäubt niedergehende Regen bringt die Katharsis, wie auch die für ihre Melancholie berühmte Musik von John Dowland (1563-1626), gesungen vom Countertenor Steve Dugardin. Sie berührt das Unsagbare des Schmerzes - eine Erkenntnis, die sich die männliche Hauptfigur längst zunutze gemacht hat. Er fand Trost im Chorgesang. (Margarette Affenzeller, DER STANDARD, 29./30.5.2013)

Bis 29. 5.

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