Die Umwelt zu unseren Diensten

29. Mai 2013, 12:01
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In Salamanca stellten Experten für smarte Umgebungen Visionen einer Zukunft total vernetzter Technologien vor

Wie ein erfrischender Spaziergang im Wald wird uns zukünf­­tige Technologie begegnen. So beschrieb der Informatiker Mark Weiser vor gut zwanzig Jahren seine Vision, Technologie nahtlos in die Umwelt einzubetten – zahlreiche vernetzte "Smart Objects" handeln eigenständig und erleichtern dem Menschen das Leben.

Harmonie ist noch heute ein zentraler Anspruch für das Leben in dieser technologischen Umgebung. Das wurde auch bei der PAAMS deutlich. Die internationale Konferenz über die praktische Anwendung von Agenten- und Multi-Agenten-Systemen fand letzte Woche zum elften Mal im spanischen Salamanca statt.

Agenten des Alltags

Mit Agenten sind die smarten Gegenstände gemeint. Ihre Smartness besteht grundlegend in ihrem "Kontextbewusstsein": Sie erfassen ihre Umgebung und die Handlungen von menschlichen und anderen, nichtmenschlichen Agenten darin. So können sie sich ein Bild von der Situation machen und eigenständig passende Aktionen setzen. Fast unsichtbar soll die Technologie sein und möglichst natürlich. Auch in den Begriffen "stille Technologien" und "natürliche Interfaces" klingt der Wunsch nach Harmonie an.

"Durch das Design der gebauten Umwelt wurde von jeher versucht, das Leben schöner zu gestalten. Für das Smart Home können wir uns an Feng-Shui orientieren", sagt Davide Carneiro von der Universidade do Minho Braga in Portugal. Er arbeitet an einer Umgebung, die in Echtzeit die Stimmung der anwesenden Menschen erfassen und gegebenenfalls verändern soll. Stress und Erschöpfung werden durch Beobachtung des menschlichen Verhaltens gemessen – etwa wie fest und lange am Smartphone getippt wird oder wie sich die Mimik verändert. Mit Musik, Bildern und Licht könne die smarte Umgebung den Benutzer aufmuntern und so nicht nur seine Laune, sondern auch seine Arbeitsfähigkeit verbessern.

Auch für den Bildungsbereich seien diese Umgebungstechno­logien zukunftsträchtig. Forscher der Universität Salamanca schlagen intelligente Lernumgebungen vor. Ihr Beispiel: Schüler spazieren durch einen Park und erhalten an bestimmten Punkten gezielt Informationen über die Vegetation. So könne selbstbestimmtes Lernen unterstützt werden. Aber auch spezifische Anwendungen für die Koordination von Rettungsaktionen und Evakuierungen oder für den Personen- und Warentransport wurden bei der Konferenz präsentiert.

Ein wiederkehrendes Thema war "intelligente Beleuchtung". Für Alberto Prado vom Digital-Innovation-Bereich bei Philips, ist das Design von Lichtbedingungen zentral. In Schulen könne damit die Konzentrationsfähigkeit, in Krankenhäusern der Heilprozess verbessert werden. Die Smart City könne Straßenbeleuchtung gezielter einsetzen. Aber Prado spricht auch vom Lichtdesign im Eigenheim. Nachrichten aus sozialen Netzwerken könnten mit Licht­signalen auf sich aufmerksam machen. Oder noch experimenteller: Das Lichtambiente eines Sonnenuntergangsfotos aus dem letzten Urlaub könnte mit den smarten Lichtanlagen per Copy-and-paste ins Wohnzimmer übertragen werden.

Für den Wohnbereich, auch "ambient living" genannt, sind zwei große Schwerpunkte auszumachen, sagt Kaspar Hallenborg von der Süddänischen Universität, einer der Organisatoren der Konferenz: Nachhaltigere, effizien­tere Energieverteilung und "ambient-assisted living" (AAL). Letzteres umfasst Anwendungen für ältere und chronisch kranke Menschen, aber auch für Schizophrenie und Alzheimerpatienten. "Wir machen die Erfahrung, dass damit vielen Menschen wirklich geholfen ist", sagt Sylvain Giroux, der an der Uni­versität Sherbrooke an AAL-Projekten arbeitet. Er berichtet von einem Alzheimerpatienten, der das Gefühl für Ort und Zeit verloren hatte, jedoch mithilfe seines speziell programmierten Smartphones nun wieder eigenständig leben könne.

Lernende Kaffeemaschinen

"Wir wollen Applikationen schaffen, die mit den Patienten wachsen", sagt Giroux. Generell ist die Verbesserung der Lernfähigkeit der Smart Environments eine der wichtigsten Herausforderungen. Stefano Chessa von der Universität Pisa sucht Lösungen, damit die Agenten eines Smart Home sich gegenseitig beim Lernen unterstützen, um mit Veränderungen umgehen zu können. Der Staubsaugerroboter muss sich an die neue Topfpflanze gewöhnen. Die automatisierte Küche muss eigenständig die Tagesroutine des Benutzers erlernen, um zum gewünschten Moment die richtigen Angebote zu machen.

Giroux testet derzeit eine smarte Küche, die geistig Behinderte mit Ton, Licht und Video dabei unterstützt, Speisen zuzubereiten. Aber auch außerhalb von AAL, taucht die intelligente Küche immer wieder auf. "Hallo! Das Milch-Level ist niedrig (15 Prozent)." So könnte eine SMS des smarten Kühlschranks aussehen.

Dipak Surie von der schwedischen Umeå-Universität stellte sein "Kitchen AS-A-PAL"-Projekt vor. Mit Chips und Sensoren baute er drei Arten von Smart Objects: Die Oberflächen erkennen, was auf ihnen platziert wird und schließen daraus, was der Benutzer tut. Die Behälter – Tupper­ware, Schrank und Kühlschrank – wissen, was und wie viel sich in ihnen befindet. Auch Geräte wie Toaster, Ofen und Kaffeemaschine wissen um ihre Rolle im Netzwerk und bieten selbstständig ihre Dienste an. Zur Demonstration bereitet Surie Schokokekse vor. Er wedelt mit der Hand in der Luft, um durch Rezepte zu blättern und wird genau angeleitet: Der smarte Behälter zeigt ihm, wie viel Zucker noch in ihn hineinmuss und ob die Butter schon drin ist.

"Einige dieser Ideen werden nie Produkte werden", räumt Hallenborg ein. Technologisch sei schon sehr viel möglich. "80 Prozent der Probleme sind organisatorischer Natur." Oftmals sei die technische Faszination Mutter des Gedankens und weniger der reelle Bedarf. "Die Idee des Smart Home gibt es schon lange. Der erwartete Erfolg blieb bis jetzt aus." Den Bedarf richtig einzuschätzen sei die große Herausforderung.

Und der vielzitierte Kühlschrank, der verweigert, Ungesundes auszugeben? Ihn werde es nie geben, sagen Hallenborg und Giroux. So viel Kontrolle will der Mensch nicht aufgeben. (Louise Beltzung und Julia Grillmayr aus Salamanca, DER STANDARD, 29./30.5.2013)


Wissen: Technik für ein gut vernetztes Altern

Unter dem Begriff "ambient-assisted living" (AAL) werden Technologien zusammengefasst, die alltäglich im Eigenheim Hilfe leisten – insbesondere für ältere oder chronisch kranke Menschen. Durch eine enge Vernetzung der einzelnen Technologien soll es eine flächendeckende "Betreuung" geben. In Kleidung eingebaute Sensoren erkennen etwa, wenn die Person hinfällt und rufen die Rettung. Kleinstmögliche Apparaturen messen Gesundheitswerte in Echtzeit und schlagen gegebenenfalls Alarm. Zudem wird an Orientierungs- und Gedächtnishilfen für Alzheimerpatienten gearbeitet.

Der Grundgedanke dabei: ­Betroffene sollen möglichst lange eigenständig leben können. Mit der aktuellen demografischen und sozialen Entwicklung wird der Bedarf zunehmend steigen, betont die AAL Austria, eine Plattform, die im Vorjahr auf Initiative des für Technologie zuständigen Verkehrsministeriums gegründet wurde. Der Verein will mehr Sichtbarkeit von AAL und eine gesamtheitliche Vision für Österreich.

Auch die EU legt einen Schwerpunkt auf AAL. 23 Staaten sind am EU-Forschungs- und Entwicklungsprogramm "AAL Joint Programme" beteiligt. Die österreichischen Projekte betreut die Forschungsförderungsgesellschaft FFG. Ende September trifft sich die Community zum "AAL Forum" in Norrköping (Schweden). (grill)

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    illu: michaela köck
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