Wichtig ist, wer sich rar macht

28. Mai 2013, 21:00
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Je spezieller die Fähigkeit, desto seltener die Spezies: Eine Studie zeigt, dass rare Tiere und Pflanzen besonders oft Schlüsselrollen in ihren Ökosystemen einnehmen

Eine Steilwand irgendwo in den Alpen: Der kühle Bergwind pfeift den Hang hinunter, es ist ein unwirtlicher Ort auch im Sommer. Doch aus einer schmalen Felsspalte sprießt Leben. Weiße Blümchen ragen empor und schmücken das graue Gestein. Saxifraga cotyledon, der Pracht-Steinbrech blüht. Es ist ein rares Gewächs, optimal angepasst an raue Lebensbedingungen. In seinen dicken Blättern können Wasser und sogar Nährstoffe gespeichert werden. Die Pflanze mag selten sein, aber sie hat für das ökologische Gefüge im Hochgebirge eine große Bedeutung. Die Blüten auf ihrem langen Stiel sind für Insekten besonders leicht auffindbar. Eine wichtige Nahrungsquelle in der sonst so kargen Landschaft.

Saxifraga cotyledon ist allerdings kein Einzelfall. Einer neuen Studie zufolge spielen viele seltene Tier- und Pflanzenarten ökologische Schlüsselrollen. Ein internationales Forscherteam unter Leitung des französischen Biologen David Mouillot von der Université de Montpellier 2 hat die Häufigkeit von insgesamt mehr als 3500 Spezies aus drei grundverschiedenen Ökosystemen erfasst und sie mit den charakteristischen Eigenschaften dieser Organismen verglichen. Man untersuchte 633 Fischarten der westpazifischen Korallenriffe, 2535 alpine Pflanzenspezies und 662 Baumarten aus einem südamerikanischen Regenwaldgebiet. Eine enorme Datenmenge, die es auszuwerten galt.

Die Ergebnisse zeigen einen völlig unerwarteten Trend. Es gibt offenbar einen deutlichen Zusammenhang zwischen Häufigkeit und ökologischer Funktion: Je spezieller die Fähigkeiten, desto seltener die Spezies, die über diese verfügen. Das gilt vor allem für die untersuchten Korallenfische und Regenwaldbäume. Bei den alpinen Pflanzen ist die Korrelation nicht so stark ausgeprägt. Gleichwohl gibt es auch hier viele Einzelgänger in ökologischen Schlüsselpositionen. Details der Studie wurden heuer im Online-Fachmagazin "PloS Biology" veröffentlicht.

Spezialisten im Ökosystem

Bislang gingen Fachleute meist davon aus, dass die häufigen Arten für die Stabilität eines Ökosystems verantwortlich sind. Die Seltenen sind zu rar, um eine tragende Rolle zu spielen, glaubte man. Ihre Funktionen könnten auch von den alltäglichen Spezies übernommen werden. Eine Ansicht, die es zu überdenken gilt.

Den neuen Erkenntnissen nach dürfte gerade das Verschwinden von seltenen Tieren und Pflanzen irreparable Löcher in ökologische Netzwerke reißen. Mit potenziell weitreichenden Folgen. "Ihre einzigartigen Fähigkeiten sind unersetzlich, weil sie vor allem im Falle von eingreifenden Umweltveränderungen für die Funktionsfähigkeit eines Ökosystems von großer Bedeutung sein könnten", sagt David Mouillot. Mit anderen Worten: Die seltenen Spezies dienen eventuell auch als ein Art Backup-System für den Notfall. Spezialisten mit besonderen Qualitäten eben.

Auch im Bereich Artenschutz ist nun ein Umdenken nötig, meinen Mouillot und seine Kollegen. Seltene Arten galten bisher vor allem aus moralischen und ästhetischen Überlegungen als schützenswert. Ab sofort sollte auch die funktionelle Bedeutung solcher Spezies in Betracht gezogen werden. Ein wichtiges Argument für den Erhalt der Artenvielfalt als Ganzes, denn ohne die häufigen Arten, die den größten Teil der Biomasse stellen, können die Ökosysteme auch nicht überleben.

Aus welchem Grunde gerade die Einzelgänger über spezielle Eigenschaften verfügen, ist noch nicht geklärt. Vielleicht liegt es daran, dass sie an besonders schwierige ökologische Nischen angepasst sind, die nur geringe Mengen an Ressourcen bereitstellen. Oder es handelt sich um Arten mit einem hohen Nahrungsbedarf, so wie die Riesenmuräne Gymnothorax javanicus, ein typischer Raubfisch der untersuchten Korallenriffe. Sie steht an der Spitze der Nahrungspyramide - für andere Spezies ist da nicht mehr viel Platz.

Untersee-Jagdgemeinschaft

Die bis zu drei Meter langen Riesenmuränen gehen überwiegend nachts auf Futtersuche und durchstreifen dabei auch das Innere des Riffs. Ihre besonderen Fähigkeiten zeigen sie jedoch vor allem bei einer bemerkenswerten Jagdstrategie - gemeinsam mit Zackenbarschen der Art Plectropomus pessuliferus. Die Barsche spüren die Beutefische auf, und die Muräne treibt sie aus ihren Verstecken in den Korallen. Beide profitieren. Wahrlich eine außergewöhnliche Kooperation. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 29./30.5.2013)

  • Riesenmuränen haben eine besondere Rolle innerhalb ihres Ökosystems. Sie stehen an der Spitze der Nahrungskette und jagen gemeinsam mit Zackenbarschen nach Beute.
    foto: m. j. kramer

    Riesenmuränen haben eine besondere Rolle innerhalb ihres Ökosystems. Sie stehen an der Spitze der Nahrungskette und jagen gemeinsam mit Zackenbarschen nach Beute.

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