Hisbollah in Syrien: Nasrallahs gefährliches Abenteuer

Analyse29. Mai 2013, 05:30
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Hisbollah-Milizen kämpfen offen an der Seite von Assads Truppen. Ein Engagement mit unabschätzbaren Risiken

Hunderte Menschen säumen die Straßen von Ouzai, einem heruntergekommenen Vorort von Beirut. Die Stimmung ist aufgeheizt, jeder will den in einer gelben Fahne eingehüllten Sarg berühren. Darin liegt ein Kämpfer der Hisbollah, der hier von tausenden Anhängern der radikalislamischen Hisbollah zu seiner letzten Ruhestätte begleitet wird. Er ist auf seiner Reise ins Jenseits nicht alleine.

Seit Wochen kehren Hisbollah-Kämpfer aus Syrien in Särgen in ihr Heimatland Libanon zurück. Anfänglich hüllte sich die militante Bewegung über ihr Engagement an der Seite von Präsident Bashar al-Assad noch in Schweigen. Zuerst erklärte man, dass die verstorbenen Hisbollah-Kämpfer bei der Verteidigung von schiitischen Heiligtümern in Syrien ums Leben gekommen seien. Doch je mehr Begräbnisse für verstorbene Kämpfer stattfanden, desto schwieriger wurde es, die Beteiligung der Hisbollah am Syrien-Konflikt zu verheimlichen. Jetzt ist der Schleier endgültig gefallen: Am Wochenende erklärte Generalsekretär Hassan Nasrallah, dass die schiitische Hisbollah, die Partei Gottes im Libanon, bis zum Sieg an der Seite Assads kämpfen werde.

Taktik

Weiterhin im Dunkeln bleibt, warum die Hisbollah sich öffentlich zu ihrem Eingreifen bekennt. Vielleicht ist die Zahl der Toten und Verwundeten in Syrien tatsächlich so groß geworden, dass sich eine Beteiligung in Syrien nicht leugnen lässt. Wahrscheinlicher erscheint jedoch, dass Nasrallah die Hisbollah bewusst vor der internationalen Syrien-Konferenz ins Spiel gebracht hat - eine Taktik mit großen Risiken im eigenen Land.

Schließlich rechtfertigt die Hisbollah die Existenz ihres militärischen Armes im Libanon hauptsächlich mit dem Hinweis auf den "Widerstand gegen Israel" und die "israelische Besatzung" (die Behauptung der "israelische Besatzung" wird von libanesischer Seite aufgrund der Schebaa-Farmen aufrechterhalten).

Popularität gehört der Vergangenheit an

Ein Argument, das bisher nicht nur Schiiten im Libanon überzeugte, war doch die libanesische Armee nie so erfolgreich wie Nasrallahs Kämpfer. Zuletzt wurde das beim israelischen Einmarsch in den Libanon 2006 deutlich, als die Hisbollah den israelischen Streitkräften überraschend erfolgreich die Stirn bot. (Der Einmarsch erfolgte als Reaktion auf die Entführung israelischer Soldaten.)

Doch das Popularitätshoch, das die Hisbollah nach dem relativ erfolgreichen Widerstand gegen den israelischen Einmarsch erlangte, konnte die radikalislamische Partei nur kurz genießen.

Israel als Rechtfertigung

Durch das Eingreifen in Syrien hat der durch jahrelange innerlibanesische Spannungen ohnehin angeschlagene Ruf der schiitischen Kämpfer gelitten. Die Tage, in denen Hassan Nasrallah wegen seines Widerstands gegen Israel in Umfragen als populärster Politiker in der arabischen Welt galt, sind Vergangenheit. Auch wenn der Hisbollah-Chef versucht, Israel als Rechtfertigung für sein Engagement in Syrien heranzuziehen: "Wenn Syrien in die Hände der Amerikaner, Israelis und der Takfriris (fundamentalistische Sunniten, Anm.) fällt, wird die libanesische Widerstandsbewegung belagert sein und Israel in den Libanon einmarschieren." Eine Botschaft, die bei einigen seiner Anhänger als Freibrief reicht, bei vielen anderen Libanesen scheint sie jedoch nicht zu fruchten.

Zwei Raketenangriffe auf von der Hisbollah kontrollierte Viertel haben immer wiederkehrenden Befürchtungen Auftrieb verliehen, dass der Konflikt in Syrien auf den Libanon übergreifen könnte. Eine Befürchtung, die in den letzten zwei Jahren schon oft herbeigeschrieben wurde. Doch zum jetzigen Zeitpunkt scheint Nasrallah zumindest verbal gewillt zu sein, genau das zu verhindern: "Jene, die den Sieg für das syrische Regime wollen, und jene, die den Sieg für die Opposition wollen, sollten in Syrien (statt dem Libanon, Anm.) kämpfen."

Keine Wahl

Doch warum nimmt die Hisbollah mit ihrer Intervention in Syrien die Gefahr eines Übergreifens des Konflikts und sinkender Popularität im eigenen Land überhaupt in Kauf?

Letztlich hatte Nasrallah wohl keine Wahl: Ohne Assad an der Macht in Syrien würde zumindest der militante Arm der radikalislamischen Organisation in ernste Schwierigkeiten geraten. Die Hisbollah braucht das Assad-Regime: einerseits wegen der Unterstützung, die Assad der Hisbollah direkt zukommen lässt, andererseits als Bindeglied zum Iran, dem wohl wichtigsten Unterstützer der schiitischen Bewegung im Libanon.

Den Preis müssen die Kämpfer der Hisbollah in syrischen Städten wie dem umkämpften Al-Kuseir zahlen. Zwar ist die Hisbollah zurückhaltend mit Todeszahlen, doch laut inoffiziellen Hisbollah-Webseiten wurden alleine vergangene Woche knapp zwei Dutzend in Syrien getötete Mitglieder der Schiiten-Miliz beigesetzt. Syrische Oppositionsaktivisten sprechen von noch mehr. Eine Zahl, die selbst für die kampferprobte Hisbollah ungewöhnlich hoch ist.

Israel erste Reihe fußfrei

Angesichts der Verluste werden sich Nasrallah und seine Unterstützer früher oder später die Frage stellen müssen, wie weit die Hisbollah in Syrien gehen muss beziehungsweise kann. Eine Frage, die sich wohl auch Politiker und Militärs südlich des Libanon stellen - Israel beobachtet das Engagement der radikalislamischen Bewegung in Syrien und die Verluste der Schiiten-Miliz erste Reihe fußfrei.

Die Hisbollah mag keine andere Wahl haben, als Assad zu unterstützen. Das könnte jedoch auf Kosten ihrer Kernbotschaft - des Widerstands gegen Israel - und der Reste ihrer Popularität gehen. Sollte der Blutzoll, den Nasrallahs Gotteskrieger derzeit in Syrien bezahlen, weiter steigen, könnte aus dem Syrien-Abenteuer schnell ein Desaster werden. (Stefan Binder, derStandard.at, 29.5.2013)

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