Ö1 als Stichwortgeber für H.-C. Strache?

Kommentar der anderen28. Mai 2013, 17:45
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Natürlich war es gut gemeint und kritisch intendiert - im Ergebnis aber ein Schulbeispiel für unfreiwilligen PR-Journalismus: Anmerkungen zu einem leider ORF-typischen Interview mit dem FPÖ-Chef und Möchtegern-Bundeskanzler*

Was erwartet man, wenn man Heinz-Christian Strache fragt, warum er sich eigentlich vor Zuwanderern fürchtet? Dass er seine angeblichen Ängste erklärt? - Natürlich antwortet er, dass er sich vor nichts und niemandem fürchtet. Und was kann Strache auf die Frage, warum er die Ängste vor Zuwanderern schüre, anderes antworten, als dass er selbstverständlich keine Ängste schüre, sondern als Einziger die Verantwortung wahrnehme, die österreichische Bevölkerung vor Kriminalität zu schützen? Und fragt man Strache, ob es keine Angstmache sei, von kriminellen Ausländern zu reden, glaubt man dann, dass er gestehen wird, er sei eben ein überzeugter Angstmacher und wolle das österreichische Volk ängstigen, damit die FPÖ gewählt wird?

Und erwähnt man einen Passus aus einem FPÖ-Handbuch, in dem eine angebliche Studie zitiert wird, der zufolge Ausländer gefährliche Krankheiten einschleppen, rennt man Strache dann nicht ins offene Messer, wenn man seiner Behauptung, die Studie sei seriös und seine Aufgabe sei es eben, die Wahrheit zu sagen, nichts zu erwidern hat?

Und will man von Strache wissen, ob er mit dem Ausländerthema mehr Aufmerksamkeit auf die Freiheitlichen zu lenken beabsichtigt, um sich vom Team Stronach zu unterscheiden: Kann man dann ernsthaft annehmen, Strache werde zustimmen und nicht behaupten, dass es gar nicht um Stronach gehe, sondern darum, Versäumnisse der Regierung zu bekämpfen? Und gibt es irgendeinen guten Grund, Strache zu fragen, ob er noch immer das Ziel hat, Bundeskanzler zu werden, da er doch gar nicht anders antworten kann als damit, dass er dies selbstverständlich will?

Zum Aus-der-Haut-Fahren

Und warum fragt man Strache in einem politischen Interview, ob er ein guter oder ein schlechter Verlierer ist? Kann die Antwort, die natürlich erwartungsgemäß ausfällt, von irgendeinem öffentlichen Interesse sein? Und wozu will man von Strache erfahren, ob ihn die Verluste der FPÖ bei den letzten Regionalwahlen persönlich getroffen haben und ob er gern oder ungern Oppositionspolitiker ist?

Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren. Im Radiosender Ö1 ist Heinz-Christian Strache für ein Interview zu Gast. Und wieder geschieht genau das, was in so gut wie jedem politischen Interview im ORF geschieht: Ein Redakteur (diesmal Peter Daser) hält sich für besonders schlau, wenn er Fragen stellt, die den Gemütszustand Straches oder aber verschwiegene Motive für bestimmte politische Behauptungen zum Gegenstand haben. So als ob Strache dumm genug sein könnte, seinen Charakter und seine politischen Strategien öffentlich zu machen, deren möglicher Erfolg doch gerade darauf beruht, dass sie verschwiegen werden.

Natürlich, der Redakteur Daser meint es gut, das heißt hier: Strache-kritisch. Doch er hat Straches Antworten und Erklärungen keine Sachinformation, keinen Hinweis auf die Ansichten von Experten oder auf fundierte Studien entgegenzusetzen, nichts, das Strache widerlegen könnte.

Das Ergebnis: Strache und seine Partei hätten keinen besseren Stichwortgeber finden können als diesen Redakteur. Strache nützt die Gelegenheit und bringt seine Phrasen und Ideologeme, seine Verdrehungen und Halbwahrheiten beinahe unbehelligt an.

Wann wird man im ORF begreifen, dass die Aufgabe und der Zweck der kritischen Befragung von Politikern nur sein kann, deren Behauptungen auf ihren Realitätsgehalt hin zu prüfen und sie mit diesem zu konfrontieren? (Franz Josef Czernin, DER STANDARD, 29.5.2013)

Franz Josef Czernin (Jg. 1952), österreichischer Schriftsteller, lebt in Wien und in der Steiermark.

* "Mittagsjournal" vom 25. Mai

  • Franz Josef Czernin: "Was erwartet man, wenn man Strache fragt, warum er sich eigentlich vor Zuwanderern fürchtet?"
    foto: stadnard/corn

    Franz Josef Czernin: "Was erwartet man, wenn man Strache fragt, warum er sich eigentlich vor Zuwanderern fürchtet?"

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