Österreichische Forschungsstrategie stößt auf Kritik

28. Mai 2013, 17:41
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RTF-Vorsitzender Androsch: "Die Worte höre ich wohl, die Taten halten damit aber nicht Schritt"

Wien - Die Bundesregierung hat sich 2011 in ihrer Strategie für Forschung, Technologie und Innovation (FTI) das Ziel gesetzt, bis 2020 zu den führenden europäischen Ländern im Innovationsbereich vorzustoßen. Der Rat für Forschung und Technologieentwicklung (RFT) hat in seinem am Dienstag vorgestellten "Bericht zur wissenschaftlichen und technologischen Leistungsfähigkeit Österreichs" anhand von 65 Indikatoren die Entfernung zu diesem Ziel und die Chancen es zu erreichen berechnet. In wichtigen Bereichen wie dem Bildungssystem oder der Hochschulforschung fällte RFT-Mitglied Markus Hengstschläger mit den Worten "eine Schande" und "katastrophal" ein vernichtendes Urteil.

"Die Worte höre ich wohl, die Taten halten damit aber nicht Schritt"

Rats-Vorsitzender Hannes Androsch lobte bei einer Pressekonferenz grundsätzlich die Forschungsstrategie ("könnte nicht besser sein"), ihre Ziele seien "ambitioniert". Die Regierung plane nun auch, das Bekenntnis zur Grundlagen- und angewandten Forschung in die Verfassung aufzunehmen. "Die Worte höre ich wohl, die Taten halten damit aber nicht Schritt", sagte Androsch. Der notwendige Finanzierungspfad im Bereich Forschung sei bereits 2008 verlassen worden, die Entwicklung stagniere. Auch im jüngst verabschiedeten Finanzrahmen für die Jahre 2014 bis 2017 bleibe es bei dieser fehlenden Dynamik.

Androsch fordert deshalb, nach den Nationalratswahlen im Herbst den Finanzrahmen wieder aufzuschnüren und "auf den Tugendpfad der Forschungsfinanzierung zurückzukehren". Konkret seien jährlich zusätzlich 300 Millionen Euro notwendig, um das Ziel einer Forschungsquote von 3,76 Prozent des BIP (2013: 2,81 Prozent) bis 2020 zu erreichen.

Indikatoren

Der RFT hat in Kooperation mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und in Abstimmung mit den betroffenen Ressorts eine Reihe von Indikatoren entwickelt, um die Performance Österreichs im internationalen Vergleich sowie die Fortschritte bei der Erreichung der Strategieziele beurteilen zu können. Dabei zeigte sich, dass bei einem Großteil der Indikatoren das gesteckte Ziel noch nicht erreicht wurde und auch die Chancen dafür bis 2020 schlecht stehen, wenn die Entwicklung wie in den vergangenen Jahren so weitergeht.

Nach den einzelnen Zielen der Strategie aufgeschlüsselt ergibt sich folgendes Bild: Im Bildungsbereich hat Österreich bereits in einigen Indikatoren wie den "Frühen Schulabgängern" oder dem "Betreuungsverhältnis Primarstufe" das Ziel erreicht und wird auch vorne bleiben. Das Gros der Bildungs-Indikatoren - darunter zahlreiche PISA-Ergebnisse wie Risiko- und Spitzenschüler aber auch "Bildungsvererbung" - findet sich allerdings im roten Bereich, es wird also aufgrund der bisherigen Entwicklung nicht erwartet, bis 2020 die Ziele zu erreichen. Für Hengstschläger ist das "eine Schande" für ein Land wie Österreich, "hätte man noch Kraft, müsste man weinen". Immerhin handle es sich dabei um die Menschen, die in 20 Jahren in der Forschung tätig sein werden.

Bei Grundlagenforschung "von einer guten Performance weit entfernt"

Im tertiären Bildungssystem rechnet der Forschungsrat mit dem Erreichen der Ziele bei einigen Indikatoren wie dem Frauenanteil unter den Forschern oder den Absolventen in naturwissenschaftlichen Fächern (MINT), in vielen Bereichen wie den Hochschulabsolventen, der Immigration Hochqualifizierter oder den Hochschulausgaben pro Student dürfte das nicht der Fall sein. Nahezu vollständig im roten Bereich finden sich die Indikatoren bei der Grundlagenforschung: Die Ziele bei Indikatoren wie Publikationsqualität, Grundlagenforschungsquote, europäische Forschungsförderpreise (ERC-Grants) pro 1.000 Forscher scheinen bis 2020 unerreichbar. Für Hengstschläger ist man hier "von einer guten Performance weit entfernt", das sei "alles ziemlich katastrophal".

Etwas besser sieht es im Bereich "Wissen verwerten", also v.a. Unternehmensforschung, aus. Hier gibt es z.B. bereits eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, bei der Forschungsintensität der Wirtschaft dürften die Ziele erreicht werden - im Gegensatz zu Bereichen wie Risikokapital, forschungsintensive Neugründungen im Dienstleistungsbereich oder Beschäftigung in wissensintensiven Sektoren, wo die Ziele bei Fortsetzung der bisherigen Entwicklung unerreichbar sein dürften.

Im Bereich politische Steuerung stechen die Beteiligung am EU-Forschungsrahmenprogramm und die Rückflussquote von EU-Geldern positiv hervor. Weit entfernt von den Zielen ist man nach Einschätzung des RFT allerdings z.B. bei der Einstellung und dem Interesse der Bevölkerung zum Thema Wissenschaft und den privaten Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E).

Was nötig wäre

Als Konsequenz des Leistungsberichts fordert der Forschungsrat u.a. eine Intensivierung der Reformen im Bildungssystem, die Steigerung des privaten Anteils der F&E-Finanzierung, der Zahl der Frauen in naturwissenschaftlich-technischen Studien und von Unternehmensgründungen. "Es gibt in Österreich nicht zu wenig Geld, es ist nur falsch verteilt", meinte Hengstschläger, der eine "fehlende Priorisierung in den Köpfen der Menschen und in der Politik" ortet. (APA, derStandard.at, 28. 5. 2013)

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