Die Top-Tüftler von morgen

Ansichtssache28. Mai 2013, 14:04
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DER STANDARD bat etablierte Forscher, die in den vergangenen Jahren mit der höchsten Auszeichnung für Wissenschafter in Österreich, dem Wittgensteinpreis, ausgezeichnet wurden, einen ihrer Favoriten zu nennen. Wir befragten die jungen Talente nach ihrer Laufbahn, ihren Projekten und Visionen

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foto: standard/corn

Jan-Michael Peters wählt:

Claudine Kraft - die Biologin beobachtet die zelluläre Müllabfuhr

Wenn Claudine Kraft im Labor steht und an Hefezellen experimentiert, hat sie dabei das Bild eines kleinen Dorfes im Kopf. Kraft untersucht Abbauprozesse in Zellen. Und wie in einer geordneten Stadtverwaltung gibt es dabei mehrere Akteure: einer, der den Abfall verpackt, ein anderer, der ihn zum Abtransport bringt, und ein dritter, der den Müll schließlich wegführt. "Wir kennen die einzelnen Spieler sehr gut", sagt Kraft, "aber wir wissen nicht genau, was sie machen."

Vor zwei Jahren bekam die gebürtige Schweizerin die Möglichkeit, an den Max F. Perutz Laboratories der Universität Wien und der Med-Uni Wien eine eigene Gruppe aufzubauen. Mittlerweile ist diese auf sieben Köpfe angewachsen - von Studierenden bis zu Postdocs. In ihrem Fokus steht derzeit der Prozess, wie der bereits verpackte Abfall zum Abtransport gebracht wird. Metaphorisch gefragt: "Wird ein Abfallkübel oder eine Scheibtruhe dafür verwendet?"

Dass es spezielle Abbauprozesse in der Zelle gibt, weiß man schon seit 80 Jahren, doch lange hat sich niemand dafür interessiert. "Die Forscher dachten: Dabei geht es ja nur um Abfallentsorgung", meint Kraft. Vor 15 Jahren hat man herausgefunden, dass ein Zusammenhang zwischen diesem Prozess und Parkinson besteht - seither boomt das Thema. Die Pharma- Industrie verspricht sich zudem wertvolle Beiträge zur Behandlung von Alzheimer.

Zurzeit studiert Kraft die Abbauprozesse anhand der Hefezelle. Ihre Zukunftsvision ist es jedoch, mit dem dadurch gewonnenen Wissen höhere Organismen analysieren zu können. Schon in wenigen Jahren könnte sie so weit sein, Aussagen über das Entsorgungssystem menschlicher Zellen machen zu können.

Welche großen Fragen die Molekularbiologie in den kommenden Jahren noch lösen wird, lasse sich nicht vorhersehen. "Die Wissenschaft beruht auf Zufällen, zu Entdeckungen kommt es primär durch verrückte Leute, die verrückte Ideen haben", meint sie. Wenn die 34-jährige Biologin einmal am Wochenende ins Labor geht, wird sie dabei gerne von ihrem fünfjährigen Sohn begleitet. Dem gefällt es, mit den herumstehenden Fläschchen zu hantieren oder die Zellkulturen zu inspizieren. Ihre zweijährige Tochter ist dafür zu klein - noch. (trat)


  • Jan-Michael Peters, geboren 1962 in Heide (Norddeutschland), ist Molekularbiologe und stellvertretender Direktor am Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien.
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