Die Top-Tüftler von morgen

Ansichtssache28. Mai 2013, 14:04
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Wer sind zurzeit die vielversprechendsten Jungforscher, die aufsteigenden Sterne am Forschungshimmel?

DER STANDARD bat etablierte Forscher, die in den vergangenen Jahren mit der höchsten Auszeichnung für Wissenschafter in Österreich, dem Wittgensteinpreis, ausgezeichnet wurden, einen ihrer Favoriten zu nennen. Wir befragten die jungen Talente nach ihrer Laufbahn, ihren Projekten und Visionen

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foto: standard/corn

Barry Dickson wählt:

Kristin Tessmar-Raible, die Neurobiologin auf der Spur der inneren Uhr

Schon als Kind hatte Kristin Tessmar-Raible ein Interesse für alles, was kreucht und fleucht. Sie nutzte die Speisekammer des elterlichen Hauses in Zittau, damals DDR, als Zuchtstation für Kellerasseln. Heute hortet die Neurobiologin im Keller der Wiener Max F. Perutz Laboratories (MFPL) Borstenwürmer und Fische. Die 35-jährige Gruppenleiterin erforscht innere Uhren, also welche Mechanismen im Organismus eine Reaktion auf den Wechsel von Jahreszeiten, Mondphasen und Tag und Nacht hervorrufen.

Begonnen hat alles mit dem marinen Wurm Platynereis dumerilii. Das Mondlicht synchronisiert Männchen und Weibchen, sodass alle zum richtigen Zeitpunkt zur Paarung bereit sind. Erst kürzlich hat sich herausgestellt, dass die Würmer über eine tägliche Sonnenuhr wie auch über eine monatliche Monduhr verfügen, die miteinander in Kontakt sind.

Auf der Suche nach den Molekülen, die das innere Uhrwerk von Meerestieren antreiben, stieß Tessmar-Raible auf Lichtrezeptoren, die direkt im Gehirn aktiv sind, und zwar auch bei Wirbeltieren wie Fischen. " Normalerweise wird Licht über spezialisierte Zellen, sogenannte Fotorezeptoren, wahrgenommen. Wir haben herausgefunden, dass auch jene Neuronen, die im Gehirn eigentlich die Informationen verarbeiten, auf Licht reagieren", schildert Tessmar-Raible aktuelle Ergebnisse. "Man könnte also vermuten: Wie ich denke, hängt davon ab, wie das Licht in meiner Umgebung ist." Inwieweit diese Neuronen das menschliche Denken beeinflussen, ist noch unklar. Vorerst versuchen Tessmar-Raible und ihr Team die lichtempfänglichen Neuronen im Gehirn von Fischen zu mutieren, um zu sehen, wie sich das auf ihr Verhalten auswirkt.

Seit 2008 forscht die Start-Preisträgerin und zweifache Mutter in Wien. Nach dem Studium in Heidelberg und Marburg und Forschungsstationen an der Harvard Medical School in Boston, in Cambridge und San Francisco folgte sie dem Ruf ans MFPL - gemeinsam mit ihrem Mann. Auch wenn es mitunter schwer sei, Karriere und Familienleben auszutarieren, ist sie sicher: "Ich würde es genauso wieder machen." Was die Zukunft betrifft, will sie sich nicht festlegen: "Ach, als Wissenschafter hängt man nie an einer Stadt. Wichtig sind gute Forschungsbedingungen." (kri)


  • Barry Dickson, geb. 1962 in Melbourne, ist Senior Scientist am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien, ab Herbst an der Janilia Farm in den USA.
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