Das Jahrzehnt der Meilensteine

28. Mai 2013, 14:00
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Seit zehn Jahren erscheint "Forschung Spezial": Wir haben den Wissenschaftsfonds FWF um eine Liste der seit damals besten wissenschaftlichen Arbeiten aus Österreich gebeten

"Wenn ich weiter geblickt habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe", notierte Isaac Newton im Jahr 1676. Er war nicht der Erste, der diese Formulierung verwendete. Aber sie sollte sich nach ihm als Metapher für die Arbeitsweise der modernen Wissenschaft verfestigen: Forschung ist ein arbeitsteiliges Unternehmen, quasi ein intellektueller Ameisenbau, in dem jede Errungenschaft nur durch die Vorarbeit des Kollektivs entstehen kann. Einzelne Forscher als besonders exzellent hervorzuheben bedeutet, einen Schnitt zwischen ihnen, der Vorgeschichte und dem Kollegium zu setzen - und das ist nicht leicht.

Der Wissenschaftsfonds FWF kennt diese Herausforderung - muss doch eine Jury hier förderungswürdige Projekte der Grundlagenforschung auswählen und andere nolens volens ablehnen. Nun haben sich die Experten des FWF für diese Beilage, die anlässlich zehn Jahren "Forschung Spezial" im Standard entstand, eine zusätzliche Aufgabe aufgebürdet. Die Frage: Was waren von 2003 bis 2013 die besten wissenschaftlichen Publikationen der österreichischen Forschung? Der Teufel sitzt hier freilich im Detail. Wie definiert man "österreichisch"? "Wir haben uns darauf geeinigt, nur Arbeiten von Forschern zuzulassen, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in Österreich gearbeitet haben und das noch immer tun", sagt Falk Reckling vom FWF, womit definitionsgemäß alle im Ausland tätigen Koryphäen ausfallen - darunter etwa: Ferencz Kraus, Begründer der Attosekundenphysik, der Experimentalökonom Ernst Fehr und die Sprachwissenschafterin Ruth Wodak. Irgendwie muss man das Feld eben einschränken.

Doch auch mit dem geografischen Kriterium ist die Auswahl keineswegs trivial. Wie vergleicht man das Nature-Paper einer Molekularbiologin mit dem Kompendium eines Altertumsforschers? Lässt sich die Leistung einer Arbeit überhaupt objektivieren? Beim FWF setzte man auf einen - international üblichen - Mix aus Kriterien: quantitative, wie etwa die Zahl der Zitierungen, die sich auf eine Veröffentlichung beziehen, und qualitative, also die Beurteilung von Kollegen aus dem Fach. 28 Forscher beziehungsweise Publikationen hat der FWF insgesamt in seine Bestenliste aufgenommen. Im Folgenden eine Auswahl: eine Rallye durch Österreichs " Best of Science" der vergangenen zehn Jahre.

Österreich als Quantenland

Erwin Schrödinger, Victor Franz Hess, Wolfgang Pauli. Unter den Physik- Nobelpreisträgern waren viele Jahre auch Österreicher zu finden. Diese Traditionslinie wurde bekanntlich durch das Nazi-Regime und den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Nach dieser dunklen Ära hatte man hierzulande mit dem selbstverschuldeten Verlust des intellektuellen Kapitals zu kämpfen. Mittlerweile hat sich in Innsbruck und Wien wieder eine exzellente Szene von Physikern etabliert, die im Bereich Quantenoptik und Quanteninformation zur Avantgarde des Faches zählt. Zu den Akteuren gehören nebst anderen die drei Experimentalphysiker Rainer Blatt, Anton Zeilinger und Rudolf Grimm sowie der Theoretiker Peter Zoller - allesamt vertreten im Best-of des FWF.

Zoller hat sich mit einer theoretischen "Bauanleitung" für einen Quantencomputer einen Namen gemacht, den seine Kollegen aus dem experimentellen Lager nun tatsächlich in die Tat umsetzen. Der Quantencomputer ist eine der großen Leitideen der gegenwärtigen Physik, eine Vision, an der dutzende Forschergruppen weltweit arbeiten. Der Quantencomputer könnte im Prinzip Berechnungen anstellen, an denen selbst die besten Supercomputer klassischer Bauart scheitern würden. Noch befindet sich die Forschung im Stadium der Prototypen.

Rainer Blatt vom Akademie-Institut IQOQI hält den experimentellen Weltrekord mit einem "Prozessor" aus ultrakalten Ionen. 14 Quantenbit hat er mit dieser Hardware erzeugt - um tatsächlich interessante Berechnungen anstellen zu können, werden ein paar Hundert notwendig sein. Ein neues Zeitalter wird die Technologie wohl bei zehntausend bis hunderttausend Quantenbit einläuten. Experten veranschlagen mindestens ein paar Jahrzehnte, bis es so weit ist.

Der Quantencomputer ist freilich nicht das einzige Betätigungsfeld der vier in Österreich forschenden Physiker. Anton Zeilinger plant etwa, die Quantenkommunikation ins Weltall zu verlegen: Eine kürzlich in Wien eröffnete Bodenstation soll in Zukunft verschränkte Lichtteilchen von einem Satelliten empfangen. Und Rudolf Grimm ist ein Pionier bei der Erzeugung eines mysteriösen Materiezustandes, den Albert Einstein 1924 vorhergesagt hat. Das "Bose-Einstein-Kondensat" benötigen Forscher u. a. für die Herstellung von Supraleitern.

Ein Brückenschlag zwischen mathematischer Demografie und Ökonomie gelang im Jahr 2008 Wolfgang Lutz. Der österreichische Demograf veröffentlichte im Fachblatt Science eine Arbeit, die eine hartnäckige Wissenslücke zu schließen vermochte. Ökonomen hatten nämlich in ihren Modellen immer angenommen, dass Bildung das Wirtschaftswachstum fördere.

Auf dem Niveau der individuellen Einkommen ließ sich das auch problemlos zeigen. Wer ein Studium abgeschlossen hat, verdient in der Regel mehr als jemand, der nur die Pflichtschule absolviert hat. Aber im Vergleich von Volkswirtschaften ließ sich der Zusammenhang nicht nachweisen. "Das lag daran, dass die Ökonomen bis dahin die demografische Entwicklung nicht ausreichend berücksichtigt hatten", sagt Lutz im Gespräch mit dem Standard. Er zeigte in seiner Arbeit: Bildung fördert tatsächlich die wirtschaftliche Prosperität. Und: Es kommt auch auf die Verteilung der Bildung an. China steht Lutz zufolge wirtschaftlich deswegen besser da als Indien, weil es vor allem in die Grundschulausbildung investiert hat.

In Indien wurden nur Spitzeninstitute gefördert, die Analphabetenrate hat sich indes kaum verändert. "Ähnliches gilt für afrikanische Länder", kommentiert Lutz seine Arbeit. "Wenn die breite Masse zu Bildung kommt, dann entwickelt sich auch automatisch die Infrastruktur - sowie Kontrollmechanismen, die Korruption der Eliten verhindern."

Der Begriff Kommentar lässt in der Alltagssprache Assoziationen mit Kürze und Knappheit aufkommen. In den Rechtswissenschaften wäre das grundfalsch. Manfred Nowak, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Menschenrechte, weiß: "Kommentare sind Knochenarbeit. Man muss jedes Wort interpretieren, die ganze Judikatur und Geschichte überblicken und Monate in Archiven verbringen." Der ehemalige UN-Sonderbeauftragte für Folter hat in den letzten Jahren gleich zwei internationale Standardwerke mit einem Volumen jenseits der tausend Seiten verfasst. Die juristische Kommentierung des UN-Zivilpakts (International Covenant of Civil and Political Rights, 2. Auflage 2005), der eine ähnliche Rolle wie die Europäische Menschenrechtskonvention spielt; sowie jene zur UN- Antifolterkonvention (United Nations Convention against Torture, 2008). Die Texte sind in allen Kontinenten an Universitäten im Gebrauch. Juristische Weltliteratur, könnte man sagen. Und das sei wiederum ein schöner Lohn für die mühselige Arbeit, sagt Nowak, ein Gefühl, das den Juristen dem Literaten näherbringt. Peter Handke sagte einmal: "Das Schöne am Schreiben ist das Geschriebenhaben."

Kleine Fliegen, große Forschung

In der Obstschale nervt sie ungemein. In der biomedizinischen Forschung zählt sie zu den populärsten Labortieren: die Taufliege Drosophila. Und sie ist - molekularbiologisch - dem Menschen gar nicht so unähnlich. Zwei Drittel aller Gene, die für eine menschliche Krankheit verantwortlich gemacht wurden, gibt es auch bei der Fliege. Dem kleinen Labortier verdankt Jürgen Knoblich vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) eine Reihe wichtiger Publikationen. Unter anderem hat er die Details der asymmetrischen Zellteilung aufgeklärt, welche die Teilung von Stammzellen kennzeichnet.

"Es ist alles noch wahr, was wir damals publiziert haben - das ist ja nicht immer so selbstverständlich in der Wissenschaft", meint Knoblich über seine vom FWF hervorgehobene Arbeit, publiziert im Fachmagazin Cell 2006. Und ja, das sei wohl einer der bedeutendsten Artikel seiner Karriere. Mit Jörg Betschinger konnte der Forscher damals am Gehirn der Drosophila zeigen, dass bei ihr das Fehlen nur eines Gens, "Brat", für die Entstehung eines Tumors verantwortlich ist. So gelang ihnen der Nachweis einer "Tumorstammzelle" im Fliegenmodell.

"Es gibt in der Tumorforschung einen Paradigmenwechsel: Man kommt immer mehr darauf, dass ein Tumor nicht einfach eine Ansammlung von Zellen ist, die sich unkontrolliert vermehren, sondern dass ein Tumor komplizierter ist, und es in jedem Tumor Stammzellen gibt, die dann letztendlich für das Aufrechterhalten des Tumors verantwortlich sind", sagt Knoblich im Standard-Gespräch. Darauf aufbauend, wird heute auch nach neuen Ansätzen in der Krebsbehandlung gesucht.

Als der gebürtige Deutsche Ende der 1990er-Jahre nach Österreich kam, brachte er seine Fliegen mit. Bei Kollegen traf er eher auf Skepsis: " Sie hatten damals eher Angst, dass meine Fliegen ihnen in die Zellkultur spucken." Heute arbeiten viele Gruppen am Vienna Biocenter mit Fliegen. Und ihnen steht nun seit einigen Jahren schon eine bemerkenswerte Fliegenbibliothek zur Verfügung.

Ihr Initiator, Barry Dickson, ehemaliger Leiter des Forschungsinstituts für Molekula- re Pathologie (IMP), stellte sie 2007 im Fachblatt Nature vor. Das Magazin schrieb damals in einer Aussendung, die Wiener "'fly library' sei eine Forschungsressource, die die "Natur der Fruchtfliegenforschung von Grund auf ändern könnte". Die Bibliothek beinhaltet Taufliegenstämme mit sehr besonderen Merkmalen. Je nach Bedarf kann in ihnen gezielt ein bestimmtes der 14.000 Fliegengene (fast 95 Prozent aller Gene sind entdeckt) ausgeschaltet werden. Das lässt Schlüsse auf die Funktion des Gens zu. Früher als Joint Venture von IMBA und IMP gestartet, ist die Fliegenbibliothek heute ein Teil der "Campus Science Support Facilities" des Campus Vienna Biocenter. 31.920 transgene Drosophila-Linien stehen zur Verfügung. Geliefert werden die Insekten in Glasröhren - per Post in alle Teile der Welt.

Schon praktisch, so eine Mikrowelle - nicht nur in der Küche: Auch Chemiker greifen gerne auf Mikrowellen zurück, um Reaktionen durch Erhitzung zu beschleunigen. Das ist seit den 1990er-Jahren eine gängige, wiewohl durchaus umstrittene Praxis. Denn bis vor nicht allzu langer Zeit war unklar, ob nur thermische Effekte für die Beschleunigung verantwortlich sind - oder ob hier noch zusätzliche "Mikrowelleneffekte" auftreten. Einen Schlussstrich unter die Debatte hat ein Österreicher gezogen.

Oliver Kappe, laut FWF "weltweit der Experte für Mikrowellenchemie", beschrieb im Jahr 2004 im Fachblatt Angewandte Chemie Experimente, die zur Klärung beitrugen. Fazit: Es gibt keinen Mikrowelleneffekt. Unter den Veröffentlichungen österreichischer Naturwissenschafter wurde zwischen 2003 und 2013 wohl keine so oft in anderen Artikeln erwähnt wie jene Kappes. Stand Mai 2013: 1709 Zitate.

Sprachengewalt in Buchform

In den Geisteswissenschaften gelten fürs wissenschaftliche Publizieren nach wie vor eigene Gesetze. Zählen in den Naturwissenschaften und der Medizin vor allem Artikel in renommierten Fachzeitschriften, veröffentlichen die Vertreter der "Humanities" häufig(er) in Buchform, wenn möglich bei angesehenen Verlagen. So verwundert es nicht, dass sich in der Bestenliste 2003-2013 auch einige Monografien befinden. Die Linguistin Barbara Seidlhofer investierte zehn Jahre in ihr Werk, der Romanist Hans Goebl nicht weniger als 27 Jahre (ein erster Teil erschien 1998, ein zweiter 2012). Beide Werke setzen Akzente in den Sprachwissenschaften.

"Speak better English than the Queen" - diesen Leitsatz kennt Barbara Seidlhofer von der Uni Wien noch aus ihrem Studium. Das sprachliche Reinheitsgebot zieht sich auch durch die Forschung. "Linguisten würden nie auf die Idee kommen, jemanden zum Forschungsobjekt zu machen, der nicht Muttersprachler ist", meint die Professorin für englische und amerikanische Sprache und Literatur. Sie tat es. Denn es gebe hier ein Missverhältnis zu der Tatsache, wie Englisch in der Welt gebraucht werde. Lange hielt sich die Schätzung, dass auf einen Englisch- Muttersprachler drei Nichtmuttersprachler kommen. "Heute gehen manche sogar schon von vier bis sechs aus. Doch in unseren Köpfen sind wir darauf getrimmt, dass nur die Muttersprache eine legitime Sprache ist".

Seidlhofer sah sich an, wie Menschen auf der Welt Englisch verwenden. Ihr Ansatz: Nicht nur die Muttersprachler seien die Schiedsrichter, wie Englisch zu gebrauchen ist, auch Englisch als Lingua franca habe seine Rechte. Ihre Überlegungen gehen hin bis zum richtigen Umgang mit Englisch im Schulunterricht. Amerikaner und Engländer fürchten um ihre sprachlichen Hoheitsrechte (und ihre Einnahmen durch die muttersprachlich dominierte Testing-Industrie). Aber auch unter Linguisten wird der Ansatz kontrovers diskutiert.

Von der Welt- zur Minderheitensprache: Nur 30.000 Menschen sprechen das Dolomitenladinische, zwei Drittel davon leben in der Provinz Bozen, das andere Drittel in den Provinzen Trient und Belluno. Der Romanist Hans Goebl schuf dazu eine riesige Quellensammlung: "Das ist in den Geisteswissenschaften immer eine große Herausforderung: Hat man so viel Lebenskraft und schafft man es, sich durch den riesengroßen Datenhaufen durchzuwühlen und dann auch noch die mühsam gesammelten Daten zu veröffentlichen?" Ja, er schaffte es.

Seit 2012 liegt nunmehr auch der zweite Teil des Sprachatlasses des Dolomitenladinischen und angrenzender Dialekte (ALD-II) vor. All diese Idiome werden in Nordostoberitalien und der Südostschweiz gesprochen. Der ALD-II besteht aus fünf Karten- und zwei Indexbänden - laut FWF "ein Monumentalwerk". Fast 2000 verschiedene sprachliche Begriffe wurden erfasst. Ebenso viele Karten zeigen, wie verschieden sie in den untersuchten Dialekten von Ort zu Ort realisiert werden. "Für den Fachmann ist das so spannend wie ein Krimi, denn es war von vorherein kaum abzuschätzen, wie sich die Variationen darstellen würden."

Wer "mit Ohr und Auge" in diesen Sprachschätzen stöbern will, kann das schließlich hier tun. (Robert Czepel und Lena Yadlapalli, DER STANDARD, 28.05.2013)

  • Artikelbild
    foto: cern/gamma
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