Der lange Weg zum Stockerlplatz

28. Mai 2013, 14:01
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Welche Innovationspolitik braucht Österreich? Jedenfalls muss sie Teil einer umfassenden Wachstumspolitik sein, die auf Bildung, Grundlagen- und Energieforschung, aber nicht auf Rankings setzt

Die österreichische Volkswirtschaft zeichnet sich durch positive Dynamik und hohe Wettbewerbsfähigkeit aus. Die Krise wurde bisher deutlich besser bewältigt als in anderen Staaten, wenngleich die starke Abhängigkeit von europäischen Entwicklungen eine erhöhte Unsicherheit mit sich bringt.

Diese positive Einschätzung wird nicht zuletzt bei einem Vergleich mit jenen Ländern deutlich, die zusammen die Gruppe der führenden Innovationsnationen (Innovation-Leaders) in der EU-27 bilden: Finnland, Dänemark, Deutschland und Schweden. In einer erweiterten Betrachtung wird auch noch die Schweiz hinzugezählt. Die österreichische Bundesregierung hat sich in ihrer aktuellen innovationspolitischen Strategie das Ziel gesetzt, in diese illustre Gruppe vorzustoßen.

Der Lebensstandard, gemessen als BIP pro Kopf, lag 2012 in Österreich zum Teil deutlich höher als in allen führenden Innovationsnationen, mit Ausnahme der Schweiz. Bezüglich des realen Wachstums sowie des Produktivitätswachstums lag Österreich vor und in der Krise im Vergleich mit den führenden Innovationsnationen besser bzw. im Durchschnitt. Die Arbeitslosenquote Österreichs wird nur von der Schweiz unterboten, und die Leistungsbilanz ist deutlich positiv.

So gut wie Innovation-Leader

Die volkswirtschaftliche Performance und das wohlfahrtsökonomische Niveau Österreichs erweisen sich also als durchwegs vergleichbar bzw. in einigen Fällen sogar als überlegen im Vergleich zu jenen der führenden Innovationsnationen. Eine Reihe von Faktoren kann die Erfolge Österreichs erklären: die stabilisierende Wirkung der Sozialpartnerschaft, die Integration in internationale Wertschöpfungsketten sowie die Flexibilität, Qualität und Motivation der Arbeitnehmer und Unternehmer. Der zunehmende Wettbewerb durch die Ostöffnung und den EU-Beitritt hat zu einer Dynamisierung des Unternehmenssektors beigetragen. Die Spezialisierung auf Marktnischen und stark differenzierte Qualitätsprodukte hat trotz relativ geringer F&E-Intensität zur Entwicklung eines außerordentlich wettbewerbsfähigen und nur schwer replizierbaren Produktionsmusters beigetragen. Die Expansion der Innovationsförderung in den vergangenen 15 Jahren dürfte diese positiven Trends verstärkt haben.

Nun stellt sich die Frage, wie diese erfolgreiche Entwicklung auch zukünftig realisiert und abgesichert werden kann. Eine diesbezügliche Initiative wird aktuell unter dem Namen "Österreich 2050" vom Rat für Forschung und Technologieentwicklung verfolgt. Es soll dabei ein Zukunftsbild als Basis für die Identifikation von Handlungsfeldern für verschiedene Politikbereiche erarbeitet werden. Generell muss man solch " großen Zukunftserzählungen" mit Vorsicht begegnen. Bei der Selektion konkreter Technologien und Branchen wird oft die Kraft und Funktion des Marktes unterschätzt. Zu zahlreich sind die Fehleinschätzungen zukünftiger technologischer und ökonomischer Entwicklungen durch Unternehmen und Wissenschafter. Niemand konnte vor 40 Jahren voraussagen, welche Technologien und Produkte unsere Gesellschaft heute prägen.

Schwierige Zeiten

Freilich sind all diese Argumente kein Grund zur selbstgefälligen Zufriedenheit. Strukturell stehen den reichen Volkswirtschaften keine einfachen Zeiten bevor: Eine anhaltende Wirtschaftskrise, die Notwendigkeit zur öffentlichen und privaten Haushaltskonsolidierung, die Finanzierung sozialer Sicherungssysteme sowie ein um sich greifender genereller Zukunftspessimismus trüben die mittelfristigen Wachstumsaussichten ein.

Wie könnte nun eine angemessene Strategie für Österreich aussehen? Aus unserer Sicht sollte zwischen einer kurz- bis mittelfristigen und einer langfristigen Komponente unterschieden werden. In beiden Fällen sollte eine proaktive Gestaltung von innovations- und wachstumsfreundlichen Rahmenbedingungen im Mittelpunkt stehen.

Kurz- bis mittelfristig ist vor allem die Humankapital- und Wettbewerbspolitik von Relevanz. Die Qualität der Ausbildung ist auf allen Ebenen zu verbessern. Studien zeigen, dass frühe Interventionen in der Bildungslaufbahn die höchsten Renditen erzielen.

Zur Steigerung der Leistungsfähigkeit der österreichischen Hochschulen ist eine Anhebung der Finanzierung von aktuell ca. 1,5 Prozent des BIP auf mindestens zwei Prozent des BIP bis 2020 notwendig. Gleichzeitig sollte die Studienwahl durch Information über zukünftige Arbeitsmarktchancen verbessert, die Absolventenzahl in den Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) gesteigert sowie ein einkommensabhängiges Kreditmodell zur Finanzierung von Studiengebühren entwickelt werden.

Impuls für Spitzenforschung

Mit der Gründung des IST Austria wurde ein wichtiger Impuls für Spitzenforschung gelegt. Um den Forschungsstandort zu stärken, sollte nun auch die universitäre Forschung qualitativ gesteigert werden. Adäquate Mittel sind eine Stabilisierung von akademischen Laufbahnen (Tenure Track) und ein Wachstum der staatlichen Ausgaben für Grundlagenforschung. Die öffentliche Hand sollte hier Planungssicherheit durch langfristige Finanzierungszusagen sicherstellen.

Der Unternehmenssektor wird bereits durch ein umfassendes und zunehmend unübersichtliches Portfolio an Förderinstrumenten und -programmen unterstützt. Anstatt weiterer Programme sollte vor allem der Wettbewerb in ausgewählten Branchen des Dienstleistungssektors erhöht und der Marktzutritt für innovative Unternehmensgründungen erleichtert werden. Ein Beispiel für eine sozial relevante und ökonomisch vielversprechende Schwerpunktsetzung wäre die Umweltindustrie. Österreich verfügt hier bereits über einen Wettbewerbsvorteil, der jedoch aufgrund klar verfehlter Klimaschutzziele und deutlich geringerer Energieforschungsausgaben als in Dänemark oder der Schweiz aufs Spiel gesetzt wird.

Langfristig führen gut verankerte und durchsetzbare Eigentumsrechte, gleiche Start- und Wettbewerbsbedingungen und geringe Markteintrittsbarrieren zusammen mit einem pluralistischen politischen System zu Produktivitätssteigerungen. Die Motivation, Qualität, Flexibilität und Leistungsbereitschaft von Arbeitnehmern und Unternehmen sowie die Offenheit für technologischen Fortschritt sollten wesentliche Elemente einer österreichischen Wachstums- und Innovationsstrategie für die nächsten Jahrzehnte sein. Eine solche Strategie basiert auf keinen Mehrjahresplänen oder Technologieszenarien, sondern auf den alltäglichen Suchprozessen sämtlicher Akteure. Eine Reform der Finanzmärkte und der Corporate Governance hat dafür zu sorgen, dass Anreize für nachhaltige, produktive Investitionen bestehen.

Für eine kohärente Strategie erscheint eine Orientierung an nationalen Wachstums- und Wohlfahrtszielen unter Berücksichtigung des internationalen Kontexts (EU) wesentlich. Deswegen sollten die kurzfristigen Moden im wirtschaftspolitischen Diskurs mit entsprechender Skepsis verfolgt werden. Japan oder der angelsächsische Kapitalismus sind Beispiele für wirtschaftspolitische Leitbilder, die zunächst attraktiv waren, aber bald darauf ihre Grenzen und Nachteile offenbarten. Ähnliches wird vermutlich früher oder später für China gelten, und auch das lange gelobte finnische Modell könnte mit einer Krise von Nokia anders beurteilt werden.

Rankings als Maß aller Dinge

Eine starke Orientierung an internationalen Rankings könnte ähnlich nachteilige Effekte zur Folge haben. Letztlich zählt die Entwicklung der Produktivität und nicht jene der F&E-Quote oder einer Rankingposition; deren Wachstum hängt aber von einem komplexen Zusammenwirken einer Vielzahl von Faktoren ab, die in Österreich bisher besonders gut ausgeprägt waren. Das österreichische Modell mag zwar nicht besonders sexy wirken, führte aber zu Wohlstand und Beschäftigung. Die hier skizzierten Maßnahmen wäre eine partielle Anpassung dieses Modells, um auf dem langen Weg zum Innovation-Leader nicht vom Weg abzukommen. (Christian Reiner, Andreas Schibany/DER STANDARD, 29. 5. 2013)


Die Autoren sind Wirtschafts- und Innovationsforscher in Wien.

  • Artikelbild
    foto: fatih aydogdu
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