Alles, nur nicht nobel

28. Mai 2013, 14:01
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Auch wenn es mit den Nobelpreisen nicht hinhaut - zumindest hat Österreich einen Ig-Nobelpreisträger

Bevor in Stockholm die Schwedische Akademie der Wissenschaften sich anschickt, die aktuellen Nobelpreisträger zu verkünden, macht sich Marc Abrahams einen lustigen Abend. Abrahams ist Herausgeber der wissenschaftlichen Satirezeitschrift Annals of Improbable Research sowie Begründer des sogenannten Ig-Nobelpreises. Der Name leitet sich vom englischen Wort "ignoble" ab, was so viel heißt wie: schändlich, unedel, unwürdig. Was nur die halbe Wahrheit ist. Denn der Ig-Nobelpreis soll Menschen laut Selbstbeschreibung "zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen".

An der Harvard University werden jährlich, und zwar kurz vor den echten Nobelpreisterminen, Auszeichnungen für Forschungen vergeben, die irgendwo im weiten Feld zwischen "seriös, aber skurril" und " sympathischer Trash" liegen. Meist führt Abrahams selbst durchs Programm, und er hat Spaß dabei, wie die online verfügbaren Videos der Veranstaltung zeigen. Ein Blick in die Abrahams'sche Gedankenwelt sowie auf einige Preisträger der letzten zehn Jahre:

2003 erhielt der US-amerikanische Ingenieur Edward A. Murphy den Ig- Nobelpreis für die Entwicklung eines - mittlerweile nach ihm benannten - Gesetzes. Es lautet: "Whatever can go wrong will go wrong" - "Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen." Wer durch Universitäten und Forschungszentren spaziert, wird feststellen, dass Murphys Gesetz verdächtig oft auf Zetteln an den Labortüren steht. Und wer selbst einmal experimentell gearbeitet hat, dürfte den Zettel vermutlich eigenhändig an die Türe geklebt haben. Murphy hatte schon recht: Die glorreichen Experimente, von denen in Nature und Science zu lesen ist, sind nur die eine Seite der empirischen Wissenschaft. Scheitern und Fluchen gehören genauso dazu.

Im selben Jahr machte der niederländische Zoologe Kees Moeliker mit einer erhellenden Verhaltensstudie zu den erotischen Neigungen von Stockenten (Anas platyrhynchos) auf sich aufmerksam. Moeliker beschrieb in seiner Arbeit einen Spezialfall, der selbst für Connaisseure der Entenvogel-Ethologie wissenschaftliches Neuland bedeutete. "Ich hörte einen lauten Knall in meinem Büro im Naturkundemuseum Rotterdam", erinnerte sich Moeliker später. "Eine Ente war gegen das Fenster geflogen." Sofort lief der Verhaltensforscher nach unten - und traf folgende Szene an: Neben dem reglos am Boden liegenden Erpel befand sich ein zweiter, der alsbald mit dem toten Unfallopfer zu kopulieren begann. Wie Moeliker minutiös notierte, dauerte das bizarre Liebesspiel mehr als zwei Stunden. Das sei, schrieb Moeliker, der erste Fall "homosexueller Nekrophilie".

2005 erhielten Edward Cussler und Brian Gettelfinger von der University of Minnesota eine Auszeichnung im Fachgebiet Chemie. Die beiden hatten eine Reihe von Experimenten zur Eruierung der menschlichen Schwimmgeschwindigkeit durchgeführt. Und zwar nicht nur in Wasser, sondern auch in einer sirupartigen Flüssigkeit. Zu diesem Zweck schütteten die beiden Forscher 300 Kilogramm Guarkernmehl in ein 25 Meter langes Schwimmbecken - ein Verdickungsmittel, das etwa für Dressings, Eiscreme und Shampoos verwendet wird.

Sirup-Bad und Bierflaschen-Hieb

Cusslers Kommentar: "Es sah aus wie Rotz." Nun gut, der US-amerikanische Materialwissenschafter musste nicht selbst ins Becken steigen. Das überließ er lieber 16 sportlich geeigneten Testpersonen, die daraufhin durch das Bassin kraulten. Die Zeiten in beiden Medien unterschieden sich nicht wesentlich. Womit eine physikalische Frage beantwortet wurde, die bereits Christiaan Huygens und Isaac Newton beschäftigt hat. Die erhöhte Reibung im Sirup bewirkt auch eine stärkere Antriebskraft. Über einem gewissen Grenzwert heben sich diese beiden Effekte offenbar auf.

Für ein Experiment in der Kategorie "Frieden" wurden 2008 Forscher der Universität Bern ausgezeichnet. Sie erörterten die bisher unbeantwortete Frage, ob es besser sei, eine volle oder eine leere Bierflasche über den Kopf gezogen zu bekommen. Das Resultat: Ein Schädel-Hirn-Trauma droht in beiden Fällen. Doch im Zweifelsfall entscheide man sich für Letzteres: Die volle Flasche zerbricht früher.

Alessandro Pluchino, Andrea Rapisarda und Cesare Garofalo von der Universität von Catania wiesen wiederum 2010 mit mathematischer Strenge nach, dass Organisationen effizienter wären, wenn sie Mitarbeiter nach dem Zufallsprinzip befördern würden. Ähnliches vermutete bereits der kanadische Sozialpsychologe Laurence J. Peter in den 1970er-Jahren. Das nach ihm benannte Peter-Prinzip besagt: Arbeitnehmer werden so lange befördert, bis sie in ihrer Position völlig inkompetent sind. Auf dieser Stufe der Hierarchie verbleiben sie dann bis zur Pensionierung.

2011 kam auch ein Österreicher zur Ehre eines Ig-Nobelpreises. Der Verhaltensforscher Ludwig Huber von der Vetmed Wien hat untersucht, ob sich die rotfüßige Riesenschildkröte durch Gähnen anstecken lässt. Antwort der Wissenschaft: Nein, tut sie nicht. Ein Jahr später wurde der renommierte Verhaltensbiologe Frans de Waal mit einem Ig-Nobelpreis geehrt. Er fand heraus, dass Schimpansen ihre Artgenossen auf Fotos erkennen können. Wohlgemerkt auch dann, wenn darauf nur das Hinterteil abgebildet ist. (Robert Czepel/DER STANDARD, 28. 5. 2013)

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    Eine dunkle Seite der Stockente deckte der niederländische Ig- Nobelpreisträger Kees Moeliker auf: Er beobachtete hautnah ihre nekrophilen Neigungen.

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