Von Strebern, Düngern, Strategien

28. Mai 2013, 14:02
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Fehlende Dynamik in Österreichs Forschung: Was schiefläuft und wie das System neu starten könnte, analysiert Christiane Spiel, Psychologin und Bildungsprofi

Als Schul- und Hochschulexpertin wird die Bildungsforscherin Christiane Spiel immer wieder eingeladen. Sie nimmt an Fachgremien und Podiumsdiskussionen teil oder wirkt als Evaluatorin. Die ehemalige Dekanin der Fakultät für Psychologie der Uni Wien kennt das Hochschulsystem bestens von innen. Über die derzeitigen Bedingungen für Forschung ist die Professorin nicht sehr froh.

"Wir sind in vielen Bereichen, auch international, gut aufgestellt. Gleichzeitig gibt es jedoch einige Aspekte, die mich nicht so optimistisch stimmen", sagt Spiel. Was läuft schief? Immerhin sind die Ziele, die sich die Regierung in der Forschungsstrategie gesetzt hat, hochgesteckt. Bis 2020 soll Österreich bei Forschung, Technologie und Innovation zu den innovativsten EU-Ländern zählen und die Forschungsquote etwa bei 3,76 Prozent liegen (was eine Steigerung um nahezu einen Prozentpunkt bedeuten würde).

Sand im Getriebe

Wie Vertreter der Forschung immer wieder hervorheben: Die Dynamik, die Österreich in den vergangenen 20 Jahren an den Tag legte, ist derzeit eingefroren, etwa abzulesen an einer stagnierenden Forschungsquote. Aber auch im Forscheralltag, insbesondere an den Unis, gibt es laut Christiane Spiel zunehmend Sand im Getriebe. "Wir Forscher haben es mit einer immer größeren Bürokratie zu tun. Schon viele junge Wissenschafter leiden darunter und überlegen sich, ob sie überhaupt in der Forschung bleiben wollen." Immer mehr Zeit und Energie fließe in Dinge, die mit Wissenschaft nicht direkt zu tun haben.

Forscher werden zu Managern - ihrer Projekte, ihrer Gruppen. Das bedeutet Controlling, Kostenkalkulationen, Projektabrechnung, erzählt die Vorständin des Instituts für Angewandte Psychologie. Gleichzeitig fehle es oft an Wertschätzung - weniger in der eigenen Arbeitsgruppe als vonseiten der Uni als Organisation. Und: "Es fehlt real einfach Geld." Alles in allem ein Arbeitsumfeld, "das kein guter Nährboden für Forschung und Innovation ist".

Die Unis sind nicht nur Ausbildungsstätte für knapp 300.000 Studierende. Sie sind auch der landesweit größte Arbeitgeber für Wissenschafter. 53.000 sind es an der Zahl. Das Hochschulbudget war 2012 mit etwa 3,7 Milliarden Euro veranschlagt. Um eigene Projekte zu finanzieren, sind Forscher angehalten - und darauf angewiesen -, Förderungen von außerhalb zu bekommen. Nur: "Das Beantragen von Projektfördermitteln wird generell immer aufwändiger", berichtet Spiel. Insbesondere bei hohen Ablehnungsraten bleibe letztendlich "viel tote Zeit". Der Wissenschaftsfonds FWF kann derzeit etwa nur 24,2 Prozent der beantragten Mittel bewilligen (bzw. 30,2 Prozent der Projekte).

"Neben den im internationalen Vergleich geringen Mitteln haben wir hier auch das Problem, dass die Gesellschaft ein geringes Interesse an Wissenschaft und Bildung hat", sagt Spiel. Das Problem beginne bereits in der Schule, sagt die ehemalige AHS-Lehrerin. In Österreich zähle eine gute Schulleistung nichts. Man könne trotz schlechter Leistungen quasi alles und auch an al- len Standorten studieren. "Hier unternehmen wir nichts, um zu vermitteln: Wir schätzen Leistung. Da darf es nicht verwundern, wenn es cool ist, für die Schule möglichst wenig zu lernen, wenn Streber ein Schimpfwort ist und die Gesellschaft fragt, wozu wir Bildung und Forschung brauchen."

Das Bildungssystem ist bekanntermaßen träge. In Österreich beklagen die Reformwilligen zudem, dass die Debatte stark mit Ideologien behaftet ist und Fakten kaum zählen. Außerdem: "Es gibt keinen Wirtschaftszweig, der direkt an Bildungsreformen verdient und damit ein Interesse hat, Reformen voranzutreiben wie etwa im Pharmabereich." Doch Österreich braucht mehr Personen mit höherer Bildung für den Erfolg der Wirtschaft. Um den "hohen Return of Investment" von Bildungsreformen stärker sichtbar zu machen, "bräuchten wir mehr bzw. eine noch drastischer aufbereitete bildungsökonomische Forschung, die aufzeigt, wo wir Geld verlieren bzw. gewinnen."

Die frühe soziale und schulische Selektion, die unzureichende Durchlässigkeit des Systems: Die Probleme und Herausforderungen im Bildungsbereich sind hinlänglich belegt. Und, das zeigten Studien auf allen Ebenen: Lernprozesse in der Schule hängen vor allem vom Lehrer ab. Hier setzt Spiel große Hoffnung auf das neue Gesetz zur Pädagogenausbildung. Es könnte in der Zukunft dazu beitragen, dass "die Schule ein wertschätzendes, innovatives Klima erzeugt." Konkretes Beispiel: Schulaufgaben mit offenen Lösungen, bei denen sich die Schüler einbringen können und ihr kreatives Denken entwickeln.

Mut zu Fehlern

Doch auch die Hochschulen sind für Spiel nicht aus der Pflicht zu nehmen. "Innovationen entstehen dort, wo qualifizierte und motivierte Menschen zusammenarbeiten, wo man Diskurse führt, Fehler machen kann und sich wohlfühlt." Am Institute of Science and Technology Austria in Klosterneuburg habe man ja auch eine derartige Arbeitsstätte geschaffen. " Hier gibt es die Wertschätzung, denn das eingeworbene Geld wird verdoppelt", sagt Spiel. Diese Kultur müsse unbedingt breiter etabliert werden. Das wäre ein zentraler Dünger für den notwendigen Nährboden, der Österreich womöglich zu den Innovationsstärksten in der EU aufsteigen ließe.

In der Debatte um die heimische Innovationsfähigkeit sei aber noch eines wichtig: "Auch die Geistes- und Sozialwissenschaften machen innovative Forschung. Ich finde, dass die Disziplinen, die nicht mit 'Maschinen' arbeiten, benachteiligt sind", sagt Spiel. Derzeit werden Geldmittel vom Hochschulstrukturfonds ausgeschrieben. Nach drei Jahren müssen die Unis die Finanzierung übernehmen. "Die Uni Wien sagt nun, Personal dürfe in diesen Projekten nicht beantragt werden, da sie es nicht übernehmen kann. Damit sind Geistes- und Sozialwissenschafter mehr oder weniger ausgeschlossen, denn wir brauchen Personal für unsere Studien. So lassen sich viele gute Projekte nicht umsetzen!" (Lena Yadlapalli/DER STANDARD, 28. 5. 2013)

  • "Auch die Geistes- und Sozialwissenschaften machen innovative Forschung" , betont Christiane Spiel. "Disziplinen, die nicht mit Maschinen arbeiten, sind benachteiligt."
    foto: corn

    "Auch die Geistes- und Sozialwissenschaften machen innovative Forschung" , betont Christiane Spiel. "Disziplinen, die nicht mit Maschinen arbeiten, sind benachteiligt."

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