"Ein neues, demokratischeres Zeitalter für die Kultur"

Interview28. Mai 2013, 13:49
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Regisseur Daniel Moshel und Tenor August Schram über ihren Erfolg beim deutschen Webvideopreis, Youtube und Wertschöpfung im Internet

Beim deutschen Webvideopreis wurde in der Kategorie "Epic" ein "wahrhaft episches Video, das rundum beste Video des Jahres" gesucht. Die Wahl von Publikum und Jury fiel auf "MeTube", ein Musikvideo "made in Austria". Darin singt ein Tenor die Arie "Habanera" aus George Bizets Oper "Carmen" - mit überraschender Wendung. Das Cross-over-Stück ist als Hommage an Youtube-User und Selbstdarsteller im Internet zu verstehen. Regisseur Daniel Moshel und Sänger August Schram im E-Mail-Interview über das Phänomen Internet, warum Kunst- und Kulturschaffende Umdenken müssen und welchen Vorteil Youtube gegenüber Fernsehen hat.

derStandard.at: Wie wichtig ist der Webvideopreis für Sie?

Moshel: Ein wunderbarer Preis, der ungefiltert widerspiegelt, was ein mit Bildern übersätes Publikum heute noch als beachtenswert empfindet.

Schram: Da wir von Anfang an vorhatten, ein Video fürs Web zu machen, ist es im deutschsprachigen Raum der bedeutendste Preis, den wir gewinnen konnten.

derStandard.at: "MeTube" ist ein Musikvideo für einen Tenor. Was waren die Beweggründe, eine Hommage an Selbstdarsteller im Internet zu machen?

Moshel: Es gibt einfach sehr viele Selbstdarsteller im Internet. Nur eine Speerspitze davon erreicht wirklich höhere Zuseherzahlen - oft auch nur durch sehr exhibitionistische Handlungen. Diese Charakteristik kennt jeder von Youtube, und wir dachten, es wäre interessant, eben in diesem Stil einen Film beginnen zu lassen, jedoch dahingehend, dass ein Erwartungsbruch dem anderen folgt.

Schram: Es sollte auch ein Showcase für unsere Fähigkeiten werden.

derStandard.at: Wo wurde gedreht?

Moshel: Wir drehten zwei Tage in Wien, im Studio Dopplinger.

derStandard.at: Beeinflussen Youtube und Social Media Ihre Arbeit als Regisseur, Filmproduktion beziehungsweise Sänger?

Moshel: Das Phänomen Internet und die damit verbundene digitale Kommunikation hat mich bereits zum Multimedia-Studienbeginn 1997 sehr geprägt und beeinflusst. Mein erster abendfüllender Film "Login2Life" handelt von Menschen, denen die virtuelle Welt zur alternativen Heimat geworden ist. Das also zu meiner Social-Media-Geschichte. Youtube gehört zu den On-Demand-Diensten, die ich sehr gerne konsumiere, weil er es immer wieder schafft, mich zu überraschen. Der Web-affine Clip lag mir daher thematisch nicht allzu fern.

Schram: Für mich ist es bedeutend, Dinge zu sehen, die außerhalb der Bühne auch in anderen Kunst- und Darstellungsformen passieren. Ich habe immer die Verbindungen zwischen Gesang, Film, bildender Kunst, Literatur und Tanz gesucht. Ich liebe die freie Szene und die Subkultur, die sich stark in den neuen Medien ausgebreitet hat.

derStandard.at: Kunst- und Kulturschaffende kritisieren am Internet die "Gratismentalität" der User. Videos auf Plattformen wie Youtube können gratis konsumiert werden. Wie funktioniert online die Wertschöpfung für Kreative, oder sehen Sie das als reinen PR-Kanal? Sollten sich die Rahmenbedingungen ändern?

Moshel: Nein, ich denke, es ist gut so, wie es ist, weil ein generelles Umdenken passieren muss, was unsere veraltete Verwertungskette - vor allem in Europa - angeht. Gäbe es allen (Film-)Content zu vernünftigen Preisen im Netz zu haben, würden die Verbraucher diesen Preis auch zahlen - siehe Hulu, Netflix und Co in den USA oder eben die Audiostreamdienste wie Deezer, Spotify und so weiter im Audiobereich. Ich finde, heutzutage hat man als Künstler, kleines Label oder Filmproduktion viele Möglichkeiten, in der Wertschöpfungskette ganz vorne dabei zu sein. Vor 15 Jahren war das noch nicht vorstellbar.

Schram: Meine künstlerische Heimat, der Opern- und Oratoriengesang, ist ohne "neutrale" staatliche Förderung nicht denkbar. Die mögliche Wertschöpfung in diesem Bereich liegt selten über 20 Prozent der Kosten für die Produktion. Davon ausgehend betrachte ich die sozialen Medien vor allem als Dokumentation der Arbeit und natürlich auch aus Marketinginstrument. Außerdem glaube ich daran, dass sich Großzügigkeit am Ende auch finanziell lohnen kann. Es ist aber, wie Daniel gesagt hat, ein echtes Umdenken notwendig.

derStandard.at: Die "FAZ" berichtet euphorisch vom Webvideopreis und titelt "Das ist sogar besser als Fernsehen". Was kann Youtube, was Fernsehen nicht kann?

Moshel: In erster Linie hat Youtube den Vorteil, dass es einen einfachen, sehr direkten Response zum Produkt gibt, das man in die Welt setzt. Wir haben es sehr genossen, die Meinungen der breiten Youtube-Community zu unserem Crossover "MeTube" ungefiltert und aus erster Hand zu erhalten. Ich glaube, dass das neben der Selektion des eigenen Interessenprogramms der gravierendste Vorteil ist.

Schram: Auf Portalen wie Youtube erreichen wir die Menschen direkt, ohne Umwege über Kuratoren und Intendanten. Es gibt also nur einen, den man von einer Idee überzeugen muss, den Zuschauer. Ebenso direkt erfährt man die Reaktionen: Ungefiltert bekommt man Kommentare, Lob und Kritik.

Youtube-User sind emanzipierter als Theater- oder Kinobesucher. Sie sind es gewohnt, ihre Meinung zu sagen, und verlangen nach Authentizität und Aufmerksamkeit der Content-Lieferanten. Meiner Meinung nach ist ein neues, demokratischeres Zeitalter für die Kultur angebrochen. (Sabine Bürger, derStandard.at, 28.5.2013)

Daniel Moshel studierte Multimedia Art an der FH Salzburg. Der gebürtige Offenbacher gründete die Filmproduktion Moshel Film und lebt in Wien. "Login 2 Life", sein Dokumentarfilm über das Leben von Menschen in virtuellen Welten, lief 2011 im Fernsehen (ORF und ZDF).

August Schram ist Opern- und Oratorientenor und als Produzent und Co-Produzent von Kurz- und Dokumentarfilmen tätig. Er lebt in Feusisberg in der Schweiz.

Links

metube.at

moshel.com

augustschram.com

webvideopreis.de

  • Eine Hommage an Selbstdarsteller im Internet: "MeTube" wurde beim Webvideopreis 2013 ausgezeichnet.
    foto: moshel film

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  • Vom Strickpullunder zu Lack und Leder: Das Musikvideo arbeitet mit "Erwartungsbrüchen", sagt Moshel.
    foto: moshel film

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