(Kunst-)Vermittlung: "Die Haltung ist entscheidend"

Interview16. Juni 2013, 18:46
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"Un/vermittelt" im Gespräch mit Beatrice Jaschke (schnittpunkt) und Ezgi Erol (Planet 10) - Aus der Zeitschrift der IG Bildende Kunst

Die Kunstvermittlung hat in den letzten zwanzig Jahren eine rasante Aufwertung erlebt. Die äußert sich nicht zuletzt im etablierten Substantiv, zuvor gab es schließlich nur Tätigkeiten wie "Führungen machen". In der geografischen und milieuspezifischen Peripherie beliebt, ist die Vermittlung im Zentrum des Kunstfeldes aber schlecht angesehen und bleibt deshalb auch hinsichtlich Reputation, Prestige und nicht zuletzt Bezahlung strukturell weit hinter KunstproduzentInnen und KuratorInnen zurück. Und schließlich geht es nicht nur um die Steigerung des Ansehens, sondern darum, Inhalte rüberzubringen. Davon können auch politische AktivistInnen ein Liedchen singen, mit Strophen etwa zur Verständlichkeit der Sprache, den richtigen Bildern und der Repräsentation überhaupt.

Bildpunkt: Beatrice, du bist Teil von schnittpunkt. ausstellungstheorie & praxis, Leiterin des educating/curating/managing-Programms an der Angewandten und Leiterin der Kunstvermittlung des Stift Klosterneuburg. Damit arbeitest du in Bereichen, die sich eigentlich gern gegenseitig voneinander abgrenzen: kritische Theorieproduktion, Praxis-Unterricht und Vermittlung in einem Raum wie dem Stift, der nicht unbedingt ein typischer Kunstort ist. Tun sich in deiner Arbeit tatsächlich Widersprüche zwischen den verschiedenen Involvierungen auf oder erlebst du die Räume als verbundener, als sie scheinen könnten?

Beatrice Jaschke: Meine alltägliche Arbeit findet einerseits in drei unterschiedlichen Bereichen statt - ich habe tatsächlich drei verschiedene Visitenkarten -, andererseits gelingt es mir aber auch immer wieder, Verbindungen herzustellen. schnittpunkt etwa macht ja nicht nur reine Kunstvermittlung, sondern auch theoretische Arbeit im erweiterten Museums- und Ausstellungsfeld. Und im Lehrgang geht es zwar darum, Formate zu erproben, aber auch hier spielt die Theoriebildung eine große Rolle. Wir lesen sehr viele Texte und versuchen auf deren Grundlage dann immer wieder, neue Dinge in Ausstellungen auszuprobieren. Solche innovativen Formate dann auch in größere und eher konservative Institutionen wie etwa Klosterneuburg hineinzutragen, erscheint mir schließlich als interessante Herausforderung. Das gelingt zwar nicht immer, aber es bleibt ein wichtiger Test für die Praxis. Es ist überraschend, was sich letztlich doch umsetzen lässt. Nach dem Umbau von 2006 ist etwa im barocken Trakt ein Atelier entstanden, das zentral für alle Besucher_innen sichtbar ist und wirklich als Begegnungs- und Möglichkeitsraum funktioniert.

Dass sich solche Konzepte umsetzen lassen, hängt selbstverständlich auch stark von den beteiligten Personen ab. Wir arbeiten dort darüber hinaus in einem relativen kleinen Team, in dem die von euch konstatierten Hierarchien zwischen Kunstvermittlung und Kurator_innen nicht existieren.

Bildpunkt: Lassen sich denn außer den beteiligten Personen noch andere, strukturelle Bedingungen ausmachen, unter denen es besonders wahrscheinlich ist, dass neue Formen ausprobiert und bestehende Hierarchien unterwandert werden können?

Jaschke: Es ist immer leichter, wenn es außerhalb institutioneller Rahmen und Regelwerke, in freien Projekten geschieht.

Bildpunkt: Planet 10 beschreibt sich selbst als Projekt mit den Attributen "queer - partizipativ - feministisch" und will mehr sein, als bloß ein weiterer linker Raum für Personen aus der österreichischen Mehrheitsgesellschaft. Erfahrungsgemäß ist es oft weitaus schwieriger, solch eine Zugänglichkeit herzustellen, als den Anspruch darauf zu formulieren. Anders gesagt: Es gibt oft ein Vermittlungsproblem. Welche Strategien setzt ihr ein, um dem entgegenzuwirken?

Ezgi Erol: Planet 10 ist ein Hausprojekt, das es seit 2010 gibt, das aber eine lange Geschichte hat. Es ist aus Wohngruppen heraus entstanden, in denen zwei Ansprüche im Mittelpunkt standen: zum einen Privilegien umzuverteilen und zum anderen Wohnraum zu schaffen für Leute ohne Papiere oder ohne Zugang zum Arbeitsmarkt. Das heutige Haus ist durch das Erbe von Menschen finanziert worden, deren Familien im Nationalsozialismus zumindest als Mitläufer_innen involviert waren, die dieses Geld daher nicht als ihr eigenes betrachtet haben und es in migrationspolitische Kontexte einspeisen wollten.

Das Umverteilen ist nach wie vor unsere Hauptstrategie. Es gibt eine Organisationsgruppe, die aus Menschen mit vielen Sprachen, Herkünften und Geschlechtern besteht. Sie koordiniert bspw. Veranstaltungen, die oft an uns herangetragen und dann in unseren Räumlichkeiten abgehalten werden. Die Vielfalt an Sprachen und die verschiedenen politischen Perspektiven, die die Leute repräsentieren, scheinen mir zugleich auch gut funktionierende Strategien zu sein, die Offenheit des Projekts zu garantieren.

Bildpunkt: Ein wichtiger Teil der kunstvermittelnden Arbeit ist es, sich mit dem Transfer symbolischen Kapitals auseinanderzusetzen und an demselben beteiligt zu sein. Andererseits findet Kunstvermittlung selbst nur sehr zaghaft Anerkennung. Auch (erfolgreiche) aktivistische Arbeit sieht sich oft mit der Diskrepanz zwischen der Möglichkeit zum Aufbau symbolischen Kapitals, jedoch der Schwierigkeit der Umwandlung in andere Formen von Kapital konfrontiert. Welche Strategien könnten eingesetzt werden, um von Anerkennung auch zu profitieren? Und: Ist diese Frage in Bezug auf die Kunstvermittlung überhaupt wünschenswert?

Jaschke: Ich möchte schon ein bisschen widersprechen, denn in den letzten 20 Jahren hat sich extrem viel getan, was die Anerkennung und das Zusammenwachsen von Kunstvermittlung und Kuratieren betrifft. Allerdings ist, das sehe ich sehr wohl, die Diskrepanz zwischen der Situation in den derzeit relativ gut dotierten Bundesmuseen und den freien Kunstvermittler_innen nach wie vor häufig schwierig. Festanstellungen sind da einerseits ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, in die es weiter zu gehen gälte. Andererseits scheint mir auch die zunehmende Verknüpfung verschiedener Bereiche eine Möglichkeit, sich eine solide Basis zu verschaffen - diejenigen, die heute ausschließlich als Kunstvermittler_innen arbeiten, werden jedenfalls weniger.

Erol: Es fragt sich ja zu allererst, von wem eigentlich diese Anerkennung erhofft wird. Vom Staat, vom politischen System? Diese Art der Anerkennung suchen wir jedenfalls nicht, auch nicht in finanzieller Hinsicht. Von den Spenden insgesamt können wir relativ gut existieren, insofern besteht auch keine Notwendigkeit, von offizieller Seite anerkannt zu werden.

Bildpunkt: Wenn man es aber etwas von Eurem konkreten Projekt abstrahiert, ist die Erfahrung doch häufig die, dass in linken politischen Projekten sehr viel Arbeit steckt, es aber nicht gelingt, Strukturen dauerhaft einzurichten bzw. sich selbst in diesen Strukturen einzurichten - weil man anderweitig Geld verdienen muss, ausgebrannt ist, Kinder bekommt, was auch immer.

Erol: Das wird auch bei uns stark diskutiert. Wir haben uns beispielsweise unter anderem aus finanziellen Gründen bei der Wienwoche beworben und in diesem Kontext dann gemeinsam mit dem Künstler Hansel Sato die Bleibeführer_in erstellt. Aber die Verteilung des verdienten Geldes wird dabei im Zusammenhang mit Privilegien genauso diskutiert wie zum Beispiel bei Kursen im Planet 10 – bei uns werden Computer-, Alphabetisierungs- und Sprachkurse angeboten. Die verschiedenen Aktivitäten dienen einerseits schon auch dem Geldverdienen, sind andererseits aber immer auch Mittel, um unsere Inhalte zu verbreiten.

Jaschke: Das geht dann - wie etwa bei der Wienwoche - ja durchaus mit einer erweiterten Sichtbarkeit einher. Aber auch mir ist die Erfahrung geläufig, dass die Dinge im Sande verlaufen, nachdem sie jahrelang intensiv betrieben wurden. Auf der anderen Seite gibt es auch durchaus positive Erfahrungen, wie etwa bei trafo k. oder bei schnittpunkt, wo durch einen Preis im ersten Fall und höhere Förderungen die langjährige Arbeit gewürdigt wird und in diesem Sinne ein Konzept auch aufgeht. Allerdings müssen solche Errungenschaften weiterhin verteidigt werden: Dieses Jahr etwa hat schnittpunkt keine Förderung bekommen, mit der Begründung, dass wir ja schon vorher gefördert worden wären. Langfristige Planung ist unter solchen Voraussetzung sehr schwierig.

Bildpunkt: Sowohl im Aktivismus als auch in der Kunstvermittlung besteht die Gefahr, sich selbst in der Rolle der Erziehenden zu sehen, die mit diversen Tricks und Kniffen aus der Didaktik-Kiste den noch nicht Erleuchteten den Weg zur Erkenntnis ebnen muss. Wie lässt sich das vermeiden?

Jaschke: Es gibt in der Kunstvermittlung sehr viele Mittel und Methoden, Räume auch für anderen Wissensformen zu öffnen. Das kann sowohl in klassischen frontalen Führungen, wie auch in projektbasierten Vermittlungsformaten gelingen. Es kommt letztlich auf die Haltung der Vermittelnden an.

Erol: Wir machen keine Aufklärungsarbeit. Bestehende Wissenshierarchien versuchen wir aber permanent abzubauen ...

Jaschke: ... was ja in Kreisen wie Euren noch viel stärker zum Selbstverständnis gehört als in der klassischen Kunstvermittlung.

Erol: Ja, und dennoch sind natürlich die Fragen, wer wen wie belehrt oder wer wie worüber spricht ständig präsente Probleme. Die unterschiedlichen milieubedingten Herkünfte und gesellschaftlichen Positionierungen machen es notwendig, sich permanent mit den ungleich verteilten Repräsentationsformen auseinanderzusetzen.

Jaschke: Wenn es auch in der Kunstvermittlung ein vielleicht ausgeprägteres Methodenrepertoire dafür gibt, wie sich Hierarchien vermeiden oder unterlaufen lassen, scheint mir der Anspruch doch dem im Aktivismus sehr ähnlich zu sein.

Erol: Die negative Haltung gegenüber Hierarchien scheint mir bezogen auf unser Projekt aber noch entscheidender als pädagogische Maßnahmen.

Bildpunkt: Bei der Frage nach den angemessenen Formen der Vermittlung geht manchmal ein wenig unter, was überhaupt vermittelt werden soll, also die Inhalte. Wie lässt sich dem entgegenwirken?

Jaschke: Diese Gefahr besteht zweifelsohne. Ihr lässt sich erfahrungsgemäß am besten begegnen, indem man wirklich vom Gegenstand - der künstlerischen Arbeit - ausgeht, und sich durch Fragen an sie leiten lässt, statt umgekehrt mit allgemeinen Erläuterungen anzufangen, in denen man sich leicht verlieren kann.

Erol: Das Problem gibt es bei uns selbstverständlich auch. Bei vielen Projekten und Veranstaltungen setzen wir uns so viel mit organisatorischen Fragen auseinander, wer was macht und wer mit wem spricht, dass sich manchmal schon fragt, was daran jetzt noch feministisch ist. Aber letztlich ist ja genau das auch ein wichtiger Punkt, den wir etwa bei der Renovierung diskutiert haben: Kann Renovieren eine queere Praxis sein, ist das schon Politik? Zugleich gibt es auch die Tendenz, dass sich Hierarchien zwischen den verschiedenen Themen ergeben, zu denen wir arbeiten. Während etwa Migration bei uns permanent diskutiert wird, tritt der queer-freministische Schwerpunkt beispielsweise durch ein Video, das wir gemeinsam mit der Rosa Lila Villa gemacht haben, in der Öffentlichkeit ungleich stärker in den Vordergrund.

(Dieser Text erscheint in Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst, Wien, Sommer 2013, "Un/vermittelt". Eine Kooperation zwischen Bildpunkt und derStandard.at/Kultur)

Das Gespräch wurde am 9. April von Sophie Schasiepen und Jens Kastner in Wien geführt und in Absprache mit den Teilnehmerinnen gekürzt und überarbeitet.

Beatrice Jaschke ist Kunstvermittlerin und Teil von schnittpunkt. ausstellungstheorie & praxis, Leiterin des Universitätslehrganges ecm - educating/curating/managing an der Angewandten und Leiterin der Kunstvermittlung des Stifts Klosterneuburg.

Ezgi Erol studiert Soziologie und konzeptuelle Kunst in Wien und ist Teil von Planet 10.

  • Der Bildpunkt. Zeitschrift der IG BILDENDE KUNST erscheint vier Mal im Jahr. Jede Ausgabe widmet sich einem Themenschwerpunkt. Zentral sind dabei ästhetische, aktivistische und theoretische Strategien samt ihrer gegenseitigen Verschränkungen und Überschneidungen. Drei künstlerische Positionen brechen jeweils das Textmonopol. Thema der aktuellen Ausgabe: "Un/vermittelt"
Versand-Abos sind zum Preis von 12 € (Inland) bzw. 16 € (Ausland) pro Jahr über die IG BILDENDE KUNST zu beziehen.
    cover: toledo i dertschei

    Der Bildpunkt. Zeitschrift der IG BILDENDE KUNST erscheint vier Mal im Jahr. Jede Ausgabe widmet sich einem Themenschwerpunkt. Zentral sind dabei ästhetische, aktivistische und theoretische Strategien samt ihrer gegenseitigen Verschränkungen und Überschneidungen. Drei künstlerische Positionen brechen jeweils das Textmonopol. Thema der aktuellen Ausgabe: "Un/vermittelt"

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