Biosphärenreservat Entlebuch in Luzern

28. Mai 2013, 16:43
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Zuerst zögerten sie, dann stimmten die Entlebucher doch für die Biosphäre. Was für ein schönes Schweizer Wahlergebnis!

Der Wilde Westen von Luzern: In der so zivilen, so wohlgeordneten Schweiz kann sich das nur auf die Landschaft beziehen. Und die ist im Biosphärenreservat Entlebuch, eine halbe Stunde Zugfahrt westlich von Luzern, an manchen Stellen tatsächlich rau (im Karst), ein wenig unheimlich (im Moor), aber meistens eh sehr idyllisch - vor allem wegen der vielen sanften Wiesen, der grünen Matten und der bewaldeten Mittelgebirgskuppen.

Mittendrin und vollkommen schweiztypisch: öffentliche Verkehrsmittel. Gelbe Postbusse, die durchs wenig frequentierte Flachland rollen; ein paar Seilbahnen, die die wichtigsten Gipfel - Marbachegg, Rossweid und Brienzer Rothorn - erschließen; und sogar eine Dampfzahnradbahn, die sich von Rothorn in Richtung Sörenberg ins Tal hinunterarbeitet. Sie erinnert ein bisschen an eine rote Raupe aus Eisen und Stahl samt grünem Kopf, der als Triebwagen Dampfwolken schnaubt. Und das alles passiert so akkurat: "Stellen Sie sich ein Land vor, in dem der öffentliche Verkehr immer pünktlich ist", steht im Beipackzettel zum Swiss Pass. Es war wohl nicht allzu schwer, sich diesen Slogan einfallen zu lassen.

Selbstverständlich ist es dennoch nicht, dass auch der Kanton Luzern heute seinen Wilden Westen hat. Rund ein Viertel der 400 Quadratkilometer großen Region Entlebuch ist Moorgebiet. Und ein Wunder ist es, dass überhaupt noch so viel vorhanden ist, wurden Moore doch in der Regel zur Landnutzung trockengelegt und der Torf zur Brennstoffgewinnung gestochen. In den vergangenen einhundert Jahren verschwanden in der Schweiz 90 Prozent der Moore.

Als dann vor der Jahrtausendwende zur Debatte stand, Entlebuch zum Unesco-Biosphärenreservat zu machen, waren die Einheimischen zunächst alles andere als begeistert: warum potenziell nutzbares Land zu geschütztem und damit wertlosem machen?

Biosphäre beschlossen

Der Wille, das größte Moorgebiet des Landes zu erhalten, setzte sich aber schließlich doch noch durch, sodass die Entlebucher im Jahr 2000 für die Schaffung dieses Biosphärenreservats stimmten. Es war damals das erste in der Schweiz und ist bis heute das einzige weltweit, das durch eine Volksabstimmung begründet wurde. Im Folgejahr von der Unesco anerkannt, sollte fortan auch die Entlebucher Biosphäre als Modellregion dienen - mit dem Ziel der "nachhaltigen Nutzung der Lebensräume und der Erhaltung der natürlichen Vielfalt", wie es in der allgemeinen Deklaration heißt.

Diese Vielfalt besteht heute freilich längst auch aus Gipfeln mit Panoramarestaurants, zu denen asphaltierte Spazierwege führen. Kein Wunder, geht doch der Blick von hier aus auf die hochalpine Kulisse im Südwesten mit Eiger, Mönch und Jungfrau sowie auf das Luzerner Land mit den Hausbergen Pilatus, Rigi und Titlis. Es sind die bunten Seiten aus diesem innerschweizerischen Bilderbuch. Blättert man darin weiter, zeigt sich ein zerfurchtes, graues Bollwerk von rund 2000 Metern Höhe: die Schrattenfluh. Dieser karstige Gebirgszug ist voller kantiger, wild zusammengewürfelter Felsbrocken aus einem "Mondgestein", das vom Wasser modelliert wurde. Wozu es auch die entsprechende Sage gibt: Die Krallen des Teufels hätten sich in den Schrattenkalk eingeprägt. Und doch ist der Karst auf der Rückseite gut zu erwandern, so etwa von Sörenberg in Richtung Alp Silwängen.

Ganz in der Nähe dieser Alp, auf knapp 1600 Metern Seehöhe, steht man dann unerwartet vor einem Kanaldeckel. Fabian, der Tourenführer, öffnet ihn, händigt den Wanderern Stirnlampen aus und deutet mit dem Finger nach unten: in einen 15 Meter tiefen Schacht zur Tropfsteinhöhle Silwängen, wo einen vom erratischen Licht ausgeleuchtete Gewölbe inmitten der Stockfinsternis empfangen. Dort haben sich meterhohe steinalte Stalagmiten und Stalaktiten aufgebaut, denen Namen gegeben wurden wie "Großvater mit langem Bart", "Fahnenschwinger" oder "Zwerg". Die Silwängen bildet dennoch nur einen winzigen Teil des weitgehend unerschlossenen Höhlensystems der Schrattenfluh.

Zitterpartie im Moor

Die Wanderung führt weiter durch die Moorlandschaft Rossweid Salwideli mit ihrem "Zittermoor", das, auch wenn wir es ganz behutsam barfuß durchschreiten, auf Schritt und Tritt erbebt. Wir müssen unserem Führer nun einfach glauben, dass er uns durch sicheres Terrain führt, von dem wir nicht für immer verschluckt werden. Die meisten Hochmoorflächen im Reservat sind aber ohnehin eingezäunt, weil geschützt. Bedrohte Tierarten wie das Auerhuhn, gefährdete Pflanzen wie die Moorbinse, das Moorläusekraut oder die Moorbeere - sie leben und wachsen hier noch ungehindert.

Die Ernennung der Region Entlebuch zum Biosphärenreservat war überdies eine Art Gegengeschäft, von dem auch die lokale Bevölkerung profitieren sollte: Zum einen bekam sie Hilfestellung bei der Umsetzung nachhaltiger Umweltprojekte; zum anderen zog die Biospähre touristisch verwertbare Produkte nach sich. So hat sie etwa zur Schaffung des Labels "Echt Entlebuch" geführt, worin mehr als 300 Regionalprodukte - unter anderem Wurst, Käse, Kräuter, Pasta und Marmeladen - zusammengefasst sind. Die Vielfalt an regionalen Käsesorten - mehr als einhundert gibt es - ist dadurch geradezu explodiert. Sorten wie Rothorn Mutschli, Napfholzer, Sörenberger Jodler, Goldwäscher, Schrattenkäse, Marbacherli oder Äntlibuecher Bärgblüemlichäs kommen aus dieser Region. Lokale Köche entwickeln daraus zum Beispiel Käsedesserts, die sie dann auf eingängige Namen wie "Biosphären-Zi-Mi-Köpfli" taufen. Und die Gastwirte haben sich ihrerseits verpflichtet, 75 Prozent der kredenzten Lebensmittel aus der Region zu beziehen.

All das sind Dinge, die man zuvor nicht - oder zumindest nicht systematisch - gemacht hat und die letztlich erst durch den Biosphärenstatus initiiert wurden. Dazu gehört mittlerweile auch die Verarbeitung von Büffelmilch zu Mozzarella, wie sie in der Bergkäserei Marbach betrieben wird. Fünf Bauern aus der Region hatten irgendwann genug von den schlechten Preisen, die sie mit Kuhmilch erzielten, und sattelten auf Wasserbüffel um, die sie aus Rumänien importierten.

Einer dieser Bauern ist Bruno Renggli. Mit Büffelmilch verdiene er im Vergleich zu Kuhmilch das Siebenfache, erzählt er. Renggli züchtet die Tiere und verkauft auch ihr Fleisch, das nur halb so cholesterin- und fetthaltig ist wie das vom Rind. Urtiere sind das mit nach hinten gekrümmten Hörnern und dem rindstypischen Phlegma. Man kann sie sich besser auf asiatischen Reisfeldern vorstellen.

Ihr schwarzes Fell könnte seidig glänzen, ist aber meist mit Dreck verklebt. "Wo sie Schlamm finden, suhlen sie auch sich darin", sagt Renggli und wundert sich darüber, weil er noch die Sauberkeit seiner Kühe gewohnt ist. Überhaupt hätten die Büffel so ihre Eigenheiten: "Sie sind schlauer als Kühe. Man muss nett zu ihnen sein, damit sie nicht auf stur schalten und keine Milch mehr geben." In der sechzig Tiere zählenden Herde lebt nur ein Bulle: "Sonst gibt's Ärger", sagt Renggli. Allzu wild soll es im Wilden Westen von Luzern dann doch nicht zugehen. (Harald Sager, DER STANDARD, Album, 25.5.2013)

  • Vordergründig karstig und auch im Hintergrund keineswegs garstig: der Blick von der Schrattenfluh in Richtung Berner Alpen.
    foto: switzerland tourism / gerry nitsch

    Vordergründig karstig und auch im Hintergrund keineswegs garstig: der Blick von der Schrattenfluh in Richtung Berner Alpen.

  • Flug von Wien nach Zürich zum Beispiel mit Swiss und weiter mit dem Zug nach Luzern bzw. nach Entlebuch. Die Unesco-Biosphäre Entlebuch liegt 35 Kilometer südwestlich von Luzern. Das Swiss Travel System ist ein Zusammenschluss öffentlicher Transportunternehmen. Populärstes Angebot ist der Swiss Pass, der freie Fahrt für vier, acht, 15, 22 Tage oder einen Monat, 50 Prozent Ermäßigung für die meisten Bergbahnen sowie kostenlosen Eintritt in mehr als 450 Museen beinhaltet. In Österreich sind diese Tickets bei allen ÖBB-Verkaufsstellen oder über die Ruefa-Reisebüros erhältlich.
    foto: switzerland tourism / renato bagattini

    Flug von Wien nach Zürich zum Beispiel mit Swiss und weiter mit dem Zug nach Luzern bzw. nach Entlebuch. Die Unesco-Biosphäre Entlebuch liegt 35 Kilometer südwestlich von Luzern. Das Swiss Travel System ist ein Zusammenschluss öffentlicher Transportunternehmen. Populärstes Angebot ist der Swiss Pass, der freie Fahrt für vier, acht, 15, 22 Tage oder einen Monat, 50 Prozent Ermäßigung für die meisten Bergbahnen sowie kostenlosen Eintritt in mehr als 450 Museen beinhaltet. In Österreich sind diese Tickets bei allen ÖBB-Verkaufsstellen oder über die Ruefa-Reisebüros erhältlich.

  • Unterkünfte wie Campingplätze, Ferienwohnungen, Frühstückspensionen und Hotels sowie Restaurants und Gasthäuser im Biosphärereservat findet man direkt über dessen Web-Auftritt. Besondere Tipps für regionale Schmankerln: der Direktvermarkter Birkenhof, der auf 1400 Metern sogar Erdbeeren anpflanzt und daraus unter anderem beachtliche Destillate herstellt; die Bergkäserei Marbach-Schangnau ist jederzeit besichtigbar, ein Feinkostladen angeschlossen. Der Büffelzüchter Bruno Renggli kann via www. tourismus-entlebuch.ch kontaktiert und dann besucht werden.
    foto: switzerland tourism / renato bagattini

    Unterkünfte wie Campingplätze, Ferienwohnungen, Frühstückspensionen und Hotels sowie Restaurants und Gasthäuser im Biosphärereservat findet man direkt über dessen Web-Auftritt. Besondere Tipps für regionale Schmankerln: der Direktvermarkter Birkenhof, der auf 1400 Metern sogar Erdbeeren anpflanzt und daraus unter anderem beachtliche Destillate herstellt; die Bergkäserei Marbach-Schangnau ist jederzeit besichtigbar, ein Feinkostladen angeschlossen. Der Büffelzüchter Bruno Renggli kann via www. tourismus-entlebuch.ch kontaktiert und dann besucht werden.

  • Alle Infos zum Biosphärenpark Entlebuch unter www.biosphaere.ch. Die Region ist eine Ganzjahres-Feriendestination einschließlich Wintersport. Von Frühling bis Herbst kann man hier wunderbar durch Moor und Karst wandern, Höhlen erforschen, mountainbiken und golfen. Weitere touristische Anziehungspunkte sind das Forellenfischen im türkis schimmernden Eisee auf 1900 Meter; die Wasserfälle Chessiloch in Flühli und die Kneippanlage Schwandalpweiher; Schweiz-Infos, Prospektmaterial und Reservierungen unter www.myswitzerland.com bzw. info@myswitzerland.com oder Tel. 00800-100 200 30 (gratis).
    foto: switzerland tourism / renato bagattini

    Alle Infos zum Biosphärenpark Entlebuch unter www.biosphaere.ch. Die Region ist eine Ganzjahres-Feriendestination einschließlich Wintersport. Von Frühling bis Herbst kann man hier wunderbar durch Moor und Karst wandern, Höhlen erforschen, mountainbiken und golfen. Weitere touristische Anziehungspunkte sind das Forellenfischen im türkis schimmernden Eisee auf 1900 Meter; die Wasserfälle Chessiloch in Flühli und die Kneippanlage Schwandalpweiher; Schweiz-Infos, Prospektmaterial und Reservierungen unter www.myswitzerland.com bzw. info@myswitzerland.com oder Tel. 00800-100 200 30 (gratis).

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