Österreicher sind Europas Erfinderkönige

28. Mai 2013, 12:19
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Drei Vorarlberger Forscher bekommen für ihre Revolution der Türe den höchsten Innovationspreis der EU

Amsterdam - Nachdem im Vorjahr der Eisenbahnrevolutionär Josef Theurer noch knapp daran vorbeifuhr, geht der Europäische Erfinderpreis in der Kategorie Industrie heuer nach Österreich. Sanft schließende Türen und Regale, die von Vorarlberg aus die Welt erobert haben, lassen Claus Hämmerle, Bernhard Krammer und Klaus Brüstle jubeln. Die drei Tüftler aus dem Ländle ernten damit in Amsterdam den Lohn für 13 Jahre Arbeit an einem revolutionären Scharniersystem, das sich heute in jeder zweiten modernen Küche findet. Bevor die Preise vergeben wurden, betonte der anwesende EU-Binnenkommissar Michel Barnier, dass Europa das "beste Ökossystem für innovative Firmen" schaffen müsse. Abhilfe soll da vor allem das kommende EU-weite Patent schaffen.

Idee kam von Autotüren

Zuviel Schwung beim Zumachen, und schon hallte es in der ganzen Wohnung nach. Das passierte bis vor kurzem nahezu Jedem in Küche, Bad oder Wohnzimmer. Die Industrie fand über ein Jahrhundert lang keine Lösung dafür. Es waren dann die drei für die Vorarlberger Firma Blum arbeitenden Forscher, die als erste ihren Blick außerhalb der eigenen Branche schweifen ließen – und bei Autos halt machten.

Autotüren sind viel schwerer als Schranktüren. Dennoch schließen sie leise, da ein hydraulisches Öl den Aufprall dämpft. Hämmerle, Krammer und Brüstle haben diese Industrie-Stoßdämpfer dann für die Wohnung entwickelt. Zunächst noch ein minimaler Dämpfer und später eine auf das Scharnier aufsetzbare Kartusche, findet sich mit der aktuell dritten Generation das System fingernagelgroß in das Scharnier eingebaut.

Fertigung in Österreich

Wie bei vielen Innovationen, ließ das Lob des Chefs erst einmal auf sich warten. "Das bestimmen immer die Produktionszahlen", wie Forschungschef Klaus Brüstle schelmisch zu derStandard.at sagt. Doch seit die ersten Beschläge zu den Kücheneinrichtern fanden, das war im Jahr der Patentierung 2005, haben sich die Kosten für die Erfindung ordentlich bezahlt gemacht. Blum überschritt die Milliarden-Umsatzgrenze und erwirtschaftete 2012 bereits 1,26 Milliarden Euro. Man ist damit, wenn auch noch außerhalb der Grenzen Vorarlbergs nahezu unbekannt, Österreichs siebtgrößtes Familienunternehmen.  

Was die Jury von den Vorarlbergern überzeugt hat, war die Mischung aus großem Nutzen für das tägliche Werkeln zu Hause und dem kommerziell nachhaltigen Erfolg. Nachhaltig deshalb, weil es Blum gelungen ist, die Fertigung eines so vermeintlich einfachen Produkts wie des Scharniers im Hochlohnland Österreich zu halten. "Gut funktionieren und günstig muss er sein", erklärt Konstrukteur Hämmerle das Erfolgsrezept am Verkaufstisch. Günstig wird es vor allem dank einer vollautomatisierten Fertigung. "Die Zeit ist das, was bei uns das Geld macht", betont Materialforscher Krammer.

Suche nach Leuten

Eine größere Rolle spielen die Menschen bei neuen Ideen. Dafür bekommen sie von Blum auch den nötigen Freiraum. Vier Prozent des Umsatzes, im Vorjahr waren das rund 50 Millionen Euro, steckt die Firma in Forschung und Entwicklung. "Das ist eine Lebensversicherung", so Hämmerle. Daher sei es wichtig, immer neue Leute im Unternehmen an diese Aufgabe heranzuführen, da es zunehmend schwieriger werde, geeignete Leute zu finden.

Im Forschungsalltag liegt der Teufel bekanntlich im Detail. In ein gewöhnliches Scharnier fließen neueste Erkenntnisse aus der Strömungslehre ein, was wiederum ohne moderne Software-Programme nicht möglich wäre. "Es ist ein gegenseitiges Nehmen und Geben", erklärt Krammer den Arbeitsalltag.

Heimischer Stahltüftler nominiert

Geben und Nehmen, das lernte auch der Österreicher Martin Schmidt. Er war gemeinsam mit dem Südkoreaner Sanghoon Joo in der Kategorie "Außereuropäische Forschung" nominiert, hat den Preis aber letztlich verpasst. Beide entwickelten für ihre Arbeitgeber, den Anlagenbauer Siemens und den Stahlriesen Posco, einen neuen Stahlerzeugungsprozess, der Feinerz-Krümel besser nutzt und daher weniger Energie verbraucht.

Doch der Weg bis zur ersten Anlage in Südkorea war lang. "Oft haben wir uns die Sinnfrage gestellt", so Joo und Schmidt zu derStandard.at. Man kennt sich seit 16 Jahren, von 2000 bis 2007 verbrachte man wohl mehr Zeit miteinander als mit der eigenen Familie. Der freundschaftliche Umgang habe dabei so manche Durststrecke überbrückt. Und ein koreanischer Schnaps namens Soju. "Er macht den Geist frei und öffnet das Herz", so Joo und Schmidt.        

Einmalige Chance

Posco hat das neue Verfahren bereits in einem Werk im südkoreanischen Pohang im Betrieb. Dort ist es gelungen, für eine Tonne Stahl sowohl zwölf Prozent weniger Wärmeenergie, als auch Kohlendioxid zu verbrauchen. 2014 soll ein weiteres Werk in Südkorea eröffnet werden.

Auch Werke in Indien und China sind in Vorbereitung, wie Schmidt zu derStandard.at sagte. Man könnte sofort anfangen zu bauen, doch zuvor müsse geklärt werden, wie viele Anteile Posco an einem indischen oder chinesischen Gemeinschaftsunternehmen halten kann. Die Politik dürfte hier der Verbreitung der neuen Technologie im Wege stehen.

Dennoch, dass sich die von ihnen entwickelte Technologie bewährt, freut Joo und Schmidt außerordentlich: "Für uns beide war es die einmalige Chance im Leben, an etwas Großem teilzuhaben." (Hermann Sussitz aus Amsterdam, derStandard.at, 28.5.2013)

Wissen

Der Europäische Erfinderpreis wird vom Europäischen Patentamt in den Kategorien Industrie, KMU, Forschung, Außereuropäische Staaten, Lebenswerk und Publikumvoting vergeben. Gewonnen haben ihn neben den Österreichern (Industrie) der Schwede Pål Nyrén (DNA-Schnelltest), der Franzose Patrick Couvreur (Krebsbehandlung mit Nano-Partikeln), der US-Amerikaner Ajay Bhatt (USB-Erfinder), der Schweizer Martin Schadt (LCD-Technologie) und der Spanier José Luis López Gómez (Wagenstabilisierung für High-Speed-Züge). In der Jury sitzen Forscher, Journalisten und der Präsident des Europaparlamentes, Martin Schulz.

Die 1952 gegründete Firma Blum ist mit rund 4.350 Angestellten der größte Arbeitgeber Vorarlbergs. Daneben sind 1.350 Menschen in internationalen Niederlassungen beschäftigt.

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European Inventor Award: BLUMOTION, ein Dämpfungssystem für sanftes und leises Schließen von Klappen

  • Die Sieger Claus Hämmerle (links), Bernhard Krammer (Mitte) und Klaus Brüstle.
    foto: derstandard.at/sussitz

    Die Sieger Claus Hämmerle (links), Bernhard Krammer (Mitte) und Klaus Brüstle.

  • Die drei Generationen des neuen Scharniers: Rechts unten noch mit geringer Dämpfwirkung. Die dritte Generation (links) schafft den selben Effekt wie die zweite (Mitte) mit viel weniger Platz.
    foto: derstandard.at/sussitz

    Die drei Generationen des neuen Scharniers: Rechts unten noch mit geringer Dämpfwirkung. Die dritte Generation (links) schafft den selben Effekt wie die zweite (Mitte) mit viel weniger Platz.

  • In der dritten Generation ist das System im Scharnier integriert.
    foto: derstandard.at/sussitz

    In der dritten Generation ist das System im Scharnier integriert.

  • Stahlprozess-Erfinder Sanghoon Joo und Martin Schmidt: "Für uns beide war es die einmalige Chance im Leben, an etwas Großem teilzuhaben."
    foto: derstandard.at/sussitz

    Stahlprozess-Erfinder Sanghoon Joo und Martin Schmidt: "Für uns beide war es die einmalige Chance im Leben, an etwas Großem teilzuhaben."

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