Kein Zinnglöckerl über Mattersburg

27. Mai 2013, 17:25
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Nach zehn teilweise ligabereichernden Jahren folgt der Abschied von oben. SVM-Chef Pucher krempelt die Ärmel hoch

Mattersburg - Der Mattersburger Stadtpfarrer Günther Kroiss, ein Wirtssohn, den der Herrgott auch mit den Gaben der Hutschenschleuderei ausstattete, hat im traurigen Trubel der Ereignisse ganz auf sein Versprechen vergessen. Am Sonntagvormittag noch hat er seinen Schäfchen angekündigt, im Fall des Ligaverbleibs des SVM das volle Geläut anwerfen zu wollen. Sollte aber - wider alle Erwartung - der Fall des Falles eintreten, "dann läut' ich das Zinnglöckerl".

Das, das Läuten der traditionellen Totenglocke, der kleinsten im Turm, geschah allerdings nicht. Und das galt am Tag danach beinahe als Zeichen, denn wenn man dem Obmann und, ja: Autokraten des SV Mattersburg so zuhört, dann ist die Sache mit dem Sterben längst noch keine ausgemachte Sache. Nach einem langen Abend voller Trübsal ("Ich war wie ohnmächtig") begann der einstige Bundesligachef, sich und den Seinen die Ärmel hochzukrempeln.

"Ich sage nicht", sagte der SVM-Chef Martin Pucher, "dass wir gleich den Wiederaufstieg ins Auge fassen." Dazu sei der Respekt vor und die Erfahrung mit der zweiten Liga zu groß. "Wir müssen schauen, dass wir uns in dieser Liga erst einrichten." Am oberen Ende aber, das schon.

Im Kern soll das mit der alten Mannschaft geschehen. "Die laufenden Verträge gelten, mit Abschlägen, auch für die untere Liga. Die auslaufenden Verträge beinhalten eine Option des Vereins." Man werde sich aber ganz genau anschauen, "wer die Liga annimmt".

Das Anschauen werde mit einem demnächst zu bestimmenden Trainerteam geschehen, das sich auch ändern werde, wobei die Frage des Cheftrainers nicht unbedingt im Zentrum stehen müsse, "der Neue kann auch Franz Lederer heißen". Aber auch für die Trainer gelte die Liga- Akzeptanzklausel.

Schmale Decke

Die Decke, nach der sich der SV Mattersburg nach zehnjährigem Sonnenbad in der obersten Liga zu strecken hat, ist deutlich schmäler. "Die Einnahmen aus Eintritt und Fernsehrechten sind geringer." Die Ausgaben für Spieler allerdings auch, insgesamt müsse man sich wohl mit der Hälfte des bisher Gewohnten - knapp sieben Millionen Euro - zufriedengeben.

Ganz freilich hat auch Pucher seine Ärmel noch nicht oben. "Ich bin innen schon weicher, als ich außen ausschaue." Als ihm am Sonntagabend der Sky-Interviewer die kurz zuvor eingefangene Szene vorspielen wollte, in der Admiras Trainer, Freund und Quasi-Adoptivsohn Didi Kühbauer tränengefährdet sein Interview abbrach, winkte Pucher entschieden ab. Denn diese Gefährdung hätte für ihn selbst nicht minder gegolten. "Ich war leer." Bis 20 Minuten vor Schluss, auch nach dem 0:1, hat er sich das alles nicht vorstellen können, "Wolfsberg führte ja 2:0".

Wenn aber der Herrgott nicht will, das weiß Günther Kroiss und jeder andere Fußballer auch, nutzt es gar nix. "Heute", sagt Pucher zum STANDARD, "geht es schon besser, aber das zu verdauen bracht schon noch seine Zeit."

Nächste Woche will Martin Pucher schon klarer sehen. Und bald darauf sogar klar. Übers Stadion denkt er nach, die Zusatztribüne soll wenigstens noch für ein Jahr stehenbleiben, "das VIP-Zelt bleibt". Wegen des Engagements in der Akademie werde man "Gespräche führen mit den Mitgesellschaftern". Die Höhe des SVM-Beitrags, eine runde Million, werde aber verringert werden müssen. Das Wichtigste aber: Der Verein stehe ökonomisch auf gesunden Beinen.

Die Pfarrer-Kroiss'sche Vergesslichkeit war, so gesehen, also eine gewissermaßen Freud'sche. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 28.5.2013)

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    Der SVM setzt unten wohl auch auf diese beiden Herren: Manuel Prietl (vorn) und Thorsten Röcher.

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