Verwundbarkeit aus dem Computer

27. Mai 2013, 17:32
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Das VIS-Festival präsentiert den Animationsfilmer David OReilly im Filmmuseum

Wien - Eine Minute Film und fünf Fragezeichen: Auf einem schwarzen Planeten machen sich zwei fremdartige Wesen zu schaffen. Sie stehen auf einem ebenso schwarzen Vulkan, die weiß leuchtenden Sterne bilden den unheimlichen Hintergrund dieses düsteren Szenarios. Das größere der beiden stemmt einen schweren Stein zur Seite, öffnet dadurch den Krater und flieht mit dem kleineren auf den Schultern über eine steil in Stein gehauene Treppe.

Keine Sekunde zu früh, denn schon taucht aus der Tiefe ein weißer Kopf auf, vor dem die beiden hinter einem zerstörten Nazi-Flugzeug in Deckung gehen. Und nun sieht man auch zum ersten Mal ihre Gesichter: menschliche Totenschädel, die in einen überdimensionalen, am Sternenhimmel schwebenden Katzenkopf starren - bis die letzten Sekunden von ????? (2009) ein unheimliches Geheimnis offenbaren.

Der junge Animationskünstler David OReilly, 1985 im irischen Kilkenny geboren, gilt als einer der Shootingstars seines Fachs. Seine computergenerierten 3-D-Animationen strotzen vor bösem Humor und bitterer Ironie, scheuen dabei aber weder Melancholie noch Pathos. OReilly arbeitet mit einfachsten Mitteln, was seine digitalen Welten nahezu anachronistisch und seine Figuren holzschnittartig erscheinen lässt. Doch damit setzt er seit mehreren Jahren erfolgreich der verwechselbaren, austauschbaren digitalen Perfektion eine einzigartige "verwundbare" Ästhetik entgegen.

Diese Verwundbarkeit bezieht sich bei OReilly nicht nur auf die "kreativen Fehler" in seinen Arbeiten, die sich in "falschen" Perspektiven und Farben ebenso finden wie im plötzlichen Wechsel von Monochrom zu greller Buntheit. Auch seine Figuren sind wiederholt einer körperlichen Verwundbarkeit auf recht drastische Weise ausgesetzt:

In seinem mit 17 Minuten bereits als Langfilm zu bezeichnenden, preisgekrönten The External World (2011) soll ein Bub unter der strengen Hand seines Lehrers ("Do it again!") das Klavierspielen lernen, während in einem Altersheim für ausrangierte Cartoonfiguren die Köpfe rollen und in den Straßen der grauen "Außenwelt" die verschiedenartigen Lebewesen permanenten physischen Attacken anheimfallen. Diese Lust an der Destruktion - ein gängiger Topos des Animationsgenres - findet bei OReilly ihre Entsprechung in einer schwarzen Komik, die die Liebe des Schöpfers zu seinen Figuren nie desavouiert.

In einem Interview über seine Vorbilder befragt, gab OReilly einmal den norwegischen Animationskünstler Jason an, der vor allem für seine äußerst reduzierten Graphic Novels und anthropomorphisierten Tierfiguren (SShhhh!) bekannt ist. Als weiteren Einfluss bezeichnete OReilly Die versiegelte Zeit, den filmliterarischen Klassiker Andrei Tarkowskis. Gemeinsam ist ihnen ein Antirealismus und ein Vertrauen auf Zeit als genuin filmischen Ausdruck.

Die Werkschau, ausgerichtet im Rahmen der Vienna Independent Shorts im Filmmuseum, umfasst neben einer Masterclass ein Programm ausgewählter Auftragsarbeiten, mit denen OReilly seine unabhängig produzierten Filme finanziert. Zu den bekanntesten Aufträgen zählten wohl die verstörende Animation und die wundervollen Zeichnungen für Garth Jennings Spielfilm Son of Rambow, in dem ein Elfjähriger sich als Filmemacher versucht. Die größte Herausforderung für den 3-D-Animationskünstler war es, wie ein Kind zu zeichnen - ohne perspektivische Tiefe: "Allein ihre Bedeutung bestimmt die Größe der Objekte." Das Kind in David OReilly kann auch die Fantasie eines anderen Kindes mit diesem durchgehen lassen. (Michael Pekler, DER STANDARD, 28.5.2013) 

  • Naiv und voll schwarzem Humor: "Please Say Something".
    foto: filmmuseum

    Naiv und voll schwarzem Humor: "Please Say Something".

  • Ein U2- Musikvideo von David OReilly.
    foto: filmmuseum

    Ein U2- Musikvideo von David OReilly.

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