"Ich hoffe, ich habe eine Zukunft"

Interview27. Mai 2013, 18:24
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Massimiliano Gioni, jüngster künstlerischer Leiter in der Geschichte der Biennale, über das diesjährige Motto und seine Ansprüche an Kunst

STANDARD: Il Palazzo Enciclopedico - zumindest vom Titel her und auf dem Papier ist Ihre Biennale-Ausstellung sehr ambitioniert: Figurative und abstrakte Werke von Künstlern und Laien aus allen Erdteilen zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zu Spiritualität, Geologie, Anthroposophie, Psychologie, Philosophie. Möglich ist alles, die Gefahr ist Beliebigkeit.

Massimiliano Gioni: Marino Auritis Enzyklopädischer Palast entstand aus dem Traum, alles zu sein, und endete damit, nichts zu sein. Als ich den Titel erstmals nannte, sagten viele, Enzyklopädie sei altmodisch, überambitioniert. Doch die Erfahrungen, die wir etwa durch Wikipedia machen, ähneln jenen eines mittelalterlichen Schreibers. Wir glauben an das assoziative Denken eher als an das lineare. Das ist auch die Prämisse dieser Ausstellung. Ich hoffe, es wird klar, dass die Enzyklopädie, von der ich erzählen will, nicht "Aufklärung" bedeutet. Ich erhebe nicht den Anspruch, alles Wissen zu vermitteln. Es ist geradezu das Gegenteil, eher die Sehnsucht, einen Zipfel vom Universum zu erhaschen.

STANDARD: Klingt das nicht auch ein bisschen esoterisch?

Gioni: Information bedeutet heute: Ökonomie, Markt, Geld, Kontrolle. Aber es gibt auch geheimes Wissen. Paradoxerweise sind Information und Geheimnis mehr und mehr verbunden - auch das ist ähnlich wie im Barock: Wissen ist eine ständige Neueinschätzung. Man kann nur alles wissen, wenn man das Geheimnis begreift. Diese Erfahrung mache ich täglich, wenn ich mit meiner Unwissenheit konfrontiert bin von Google bis Wikipedia, wo es die dramatische Verbindung von Information und Ökonomie gibt. Andererseits sind Künstler mehr am Geheimnisvollen interessiert als an der Transparenz.

STANDARD: Was dachten Sie, als Sie Marino Auritis "Enzyklopädischen Palast" im New Yorker Folk Art Museum das erste Mal sahen?

Gioni: Ich mochte ihn sofort. Er erinnert ein bisschen an den Turm zu Babel, aber auch an das Theater der Erinnerung des angeblich allwissenden Renaissancegelehrten Giulio Camillo: Frankreichs König Franz I. holte ihn an den Hof, um ein Gebäude der Erinnerung zu bauen. Es wurde nie fertig, Camillo starb in Schande. Er hatte ja behauptet, alles zu wissen. Camillo stammte übrigens aus Venedig. Das ist eine nette Symmetrie zur Biennale. Als ich mit der Planung startete, dachte ich sehr viel über das Wissen nach: Was erwartet man von mir, was ich wissen müsste?

STANDARD: Die Biennale ist unabhängig vom jeweiligen Motto immer auch " The director's choice", eine sehr subjektive Auswahl. Nicht immer ist nachvollziehbar, was die Arbeiten mit der jeweiligen These zu tun haben.

Gioni: Ich denke, ein guter Direktor muss eine Vision haben, aber er muss auch seine Vision von den Kunstwerken verändern lassen.

STANDARD: Wie belastend ist das Wissen, dass die gesamte Kunstwelt auf die Biennale blickt?

Gioni: Und einen alle hassen! Vielleicht spüre ich die Last eher, weil ich katholisch erzogen wurde.

STANDARD: Sie waren auch als Documenta-Chef im Gespräch. Auch dort wurde die Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und Esoterik verhandelt.

Gioni: Ich witzle manchmal und sage, statt eines Documenta-Jobs habe ich zwei Biennale-Jobs bekommen: in Venedig und in Guangzhou. Der Unterschied zwischen Venedig-Biennale und Documenta ist: Man hat deutlich weniger Vorbereitungszeit und Geld für Venedig.

STANDARD: Wie hoch ist das Budget?

Gioni: Das Anfangsbudget sind 1,8 Millionen Euro plus 200.000 für Extras. Der Kuratoren- wird immer mehr zum Fundraisingjob. Die Donatoren ermöglichen Dinge, die sonst undenkbar wären.

STANDARD: Die Biennale war bis Ende der 1960er-Jahre eine Verkaufsausstellung. Aber so wirklich kommerziell wurde sie erst nachher. Welche Rolle spielt Geld?

Gioni: Künstler geben viel dafür, um hier sein zu können. Sie zahlen ihre Reisen selbst. Das weiß man als Kurator sehr zu schätzen. Die Tatsache, hier zu sein, ist für den Kurator ebenso wie für Künstler einzigartig. Deshalb sind alle bereit, noch mehr als üblich zu tun, großzügig zu sein.

STANDARD: Welches Künstlerbild, welchen Zugang zur Kunst haben Sie?

Gioni: Es gibt keinen fixen Zugang, das hängt immer vom Ort ab. So kitschig das jetzt auch klingt, Bob Dylan sagte einmal: "Du musst von dir selbst als in einem ständigen Zustand des Werdens denken." Man muss sein Vokabular ständig erweitern. Das gefällt mir. Es geht nicht so sehr darum, den Kunstbegriff an sich zu erweitern. Eine bestimmte Definition von Kunst ist immer einschränkend.

STANDARD: Sie sind nicht nur Kurator, Sie waren auch Kritiker ...

Gioni: Ausstellungmachen ist meiner Meinung nach auch eine Form von Kritik, die mir aber mehr liegt. Es ist eine konstruktive Kritik, man urteilt nicht. Beziehungsweise: Man urteilt, indem man Dinge ermöglicht oder nicht.

STANDARD: Wie fühlen Sie sich nun, kurz vor der Eröffnung?

Gioni: Schrecklich! Ich habe Angst, dass es wie ein Gebrauchtwarenladen empfunden könnte, denn es gibt sehr viel unübliches Material. Und einige werden sicherlich sagen, es gibt zu viele Kompromisse.

STANDARD: Was sind Ihre Zukunftspläne?

Gioni: Ich hoffe, ich habe eine Zukunft - nach Venedig. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 28.5.2013)

Massimiliano Gioni (40), italienischer Kunsthistoriker, Ausstellungsmacher und Journalist, war von 2000 bis 2002 Chefredakteur von "Flash Art" in New York und schrieb für diverse Kunstzeitschriften. Seit 2003 ist er künstlerischer Leiter der Fondazione Nicola Trussardi in Mailand, seit 2006 gehört er zum Kuratorenteam des New Museum of Contemporary Art New York. 2010 kuratierte er die 8. Biennale in Südkorea.

1. Juni bis 24. November 2013

  • Massimiliano Gioni: "Der Kuratorenjob wird immer mehr zum Fundraisingjob". 
    foto: biennale

    Massimiliano Gioni: "Der Kuratorenjob wird immer mehr zum Fundraisingjob". 

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