Von Mäusen, Märkten und Menschen

28. Mai 2013, 05:30
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Mäuse und Menschen brachten zwei Forscher auf Märkten zusammen, um Erkenntnisse über Märkte und Moral zu gewinnen

In Umfragen sprechen sich die meisten Menschen gegen Kinderarbeit, Ausbeutung und tierquälerische Fleischproduktion aus. Gleichzeitig ignorieren wir aber unsere eigenen moralischen Ansprüche, wenn wir als Kunden nach den billigsten Produkten suchen. Dass Theorie und Praxis sich in diesen Dingen oft wie zwei Paar Schuhe verhalten, zeigt einmal mehr die Arbeit zweier Forscher der Universitäten Bamberg und Bonn. Dort interessierten sich der linksliberale Ökonom Armin Falk und seine Kollegin Nora Szech für die Frage, wie es dazu kommt. Ihre Einsichten, an die sie mithilfe von Experimenten gelangten: Marktkräfte führen dazu, dass moralische Werte an Bedeutung verlieren.

Abstand zu den Folgen des Handelns

Die Vermutung, dass der Markt zu unmoralischem Handeln verführt, weil er Abstand zwischen uns und den Folgen unseres Handelns schafft, illustriert Falk in der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" mit einem naheliegenden Beispiel: "Denken Sie an die Textilfabrik in Vietnam, die abbrannte. Die T-Shirts kaufen wir nur, weil sie 5000 Kilometer weit weg ist."

Doch wie testet man den Zusammenhang von Markt und Moral? Die Versuchsanordnung, die sich Falk und Szech ausdachten, sah folgendermaßen aus: In einer zweieinhalbtätigen Session kamen 2012 fast tausend Studenten auf Einladung der Professoren im Bonner Konzerthaus zusammen. Falk und Szech konfrontierten die Teilnehmer mit verschiedenen Situationen. Einige sollten sich ganz alleine zwischen Geld oder Mäuseleben entscheiden, andere bewegten sich auf einem Markt, auf dem viele Marktteilnehmer (Anbieter und Nachfrager) aufeinandertreffen.

Alleine oder gemeinsam

Ganz konkret wurden manche Studienteilnehmer vor einen Computer gesetzt und vor die Wahl gestellt, zehn Euro zu gewinnen und dafür eine Maus zum Sterben zu verurteilen. Er oder sie konnte aber auch auf das Geld verzichten, damit die Maus überlebte. In anderen Versuchsanordnungen wurde eine Marktsituation simuliert, in der viele Teilnehmer entweder zu Verkäufern oder zu Käufern wurden.

Die Käufer konnten von ihrem Computer aus Verkäufern anonym einen Preis vorschlagen. 20 Euro standen dem Kaufwilligen zur Verfügung. Kam ein Deal zustande, wurden die 20 Euro zwischen Käufer und Verkäufer aufgeteilt und die Maus war tot. Immer wussten die Probanden darüber Bescheid, dass es sich um junge, gesunde Mäuse handelte. Klar war für alle Beteiligten auch, dass sie handeln konnten, aber nicht mussten.

Das Ergebnis fiel laut Studienautoren eindeutig aus: Für sich alleine entschieden sich 45 Prozent fürs Geld, in den Marktverhandlungen waren es schon 75 Prozent. Zum Vorschein kamen bei dem Experiment aber auch andere Unterschiede, wie Falk in der "Zeit" erklärt. So haben Frauen laut seinen Aussagen weniger Deals abgeschlossen als Männer, Vegetarier weniger als Fleischesser, und die Intelligenteren (Intelligenz der Probanden war ebenfalls ein Parameter der Studie) unter den Teilnehmern hielten noch am ehesten die Moral hoch.

Erosion moralischer Werte

Für die Studienautoren lassen die Ergebnisse nur einen Schluss zu, wie sie in einer Aussendung mitteilen: Märkte führen zur Erosion moralischer Werte. "Wenn mehrere Akteure beteiligt sind, wird es offenbar einfacher, seine moralischen Standards zurückzustellen", sagt Nora Szech. Warum in Märkten mit mehreren Käufern und Verkäufern die eigenen moralischen Ansprüche weniger zählen, erklärt sie so:"Schuldgefühle können mit anderen geteilt werden, zudem erfährt man, dass andere auch nicht immer moralisch einwandfrei handeln."

Einzelne würden sich auch deswegen weniger moralisch in der Pflicht sehen, weil sie sich damit rechtfertigen könnten, ohnehin nur einen geringen Einfluss auf das Geschehen zu haben. "Diese Logik ist allgemein eine Eigenschaft von Märkten", sagt Falk. Händler würden in diesem Zusammenhang gern auf den bewährten Spruch verweisen "Wenn ich nicht kaufe oder verkaufe, tut es jemand anderes." Dagegen sei diese Logik bei moralisch neutralen Konsumgütern weniger bedeutsam: "Wenn kein Dritter zu Schaden kommt, verlieren Märkte diesen Einfluss auf unser Verhalten. Wenn ich mich nicht schuldig fühle, benötige ich keinen Handelspartner, um mein Gewissen zu erleichtern", erklärt Nora Szech.

Überzählige Mäuse

Was das gehandelte Gut betraf, so erfuhren die Teilnehmer erst nach dem Experiment die ganze Wahrheit: Bei den Tieren handelte es sich um sogenannte "überzählige Mäuse" in ausländischen Laboren. Diese Mäuse werden für die Forschung nicht mehr gebraucht und wären alle eingeschläfert worden. Durch die Studie wurden also viele hundert Mäuse gerettet, die sonst getötet worden wären. Sie wurden nämlich von den Leitern der Studie gekauft und leben jetzt gesund und munter weiter. (rb, derStandard.at, 28.5.2013)

Die Ergebnisse der Studie "Morals and Markets" werden in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals "Science" vorgestellt.

Zum Thema in der Zeit: "Was ist Ihnen das Leben dieser Maus wert"

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    Mäuse quicklebendig - das sind allerdings nicht die, die gehandelt wurden.

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