Was sich an den Universitäten ändern muss

Gastkommentar27. Mai 2013, 14:08
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Alle wollen mehr Geld. Dabei fehlt es den Universitäten an Visionen, sich zu ändern. Ein Professor schildert die Situation aus der Innensicht

Das Urteil des Verfassungsgerichtshofs, wonach die öffentliche Verwaltung und die Universitäten für die ungehinderte Möglichkeit der Absolvierung der Studien zu sorgen haben, hat die Universitäten wieder einmal in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Seit Jahren hört man zur sogenannten Uni-Misere nur zwei Ansagen: "Mehr Geld!", tönt es aus der Ecke der ÖH, "Weniger Studierende!" aus jener der Rektoren und des Ministers.

Eine derartige fantasielose Monotonie ist der höchsten Wissenschaftsinstitution des Landes unwürdig. Selbst die für die Schulen Zuständigen lassen sich mehr einfallen, wenn auch die Betonfraktion der Lehrergewerkschaft das meiste davon blockiert. Was fehlt, ist vor allem der Blick der Universität auf sich selbst, auf die eigenen Mängel und Möglichkeiten. Missstände und versäumte Gelegenheiten im eigenen System werden durch mehr desselben nicht weniger, mangelnde Kreativität und Flexibilität in der Lehre durch weniger Studierende auch nicht. Im Folgenden soll deshalb anstelle des x-ten Hilferufs nach Außen der Blick auf das Innen der hohen Schulen gerichtet werden, auf ihre geflissentlich übersehenen Schwächen und ihre unausgenützten Stärken.

Änderungen in der Lehre

Im Zentrum der Universitätskritik steht die Lehre, deshalb werden sich diese Überlegungen auf sie beschränken. Zur Situation: Österreich hat in einer Minderheit von Universitätsfächern ein luxuriöses Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden, in einem weiten Bereich eine ausreichende, wenn auch dort und da angespannte, und in einigen wenigen Fächern eine untragbare Situation.

Davon lassen sich drei Richtungen einer Lösung ableiten: Umverteilung, das heißt, dass die "Haves" etwas von ihrem Reichtum an die "Have-nots" abgeben müssen; Optimierung, das heißt, dass in den noch ausreichend ausgestatteten Bereichen die vorhandenen Ressourcen noch besser genutzt werden müssen; und eine Kombination von beidem für die dritten, hoffnungslos unterdotierten Bereiche.

Zum Ersten ist zu sagen, dass die Universitäten weder in Zeiten der absoluten Bundeszuständigkeit noch in den jetzigen der autonomen Verwaltung über eine überwiegend an der Tradition orientierte Zuteilung der Personal-, Sach- und Finanzmittel hinausgekommen sind. Selbst dramatische Veränderungen von Studierendenzahlen in einem Fach nach unten oder oben konnten daran nichts ändern: Wer hat, dem wird nichts weggenommen, und deshalb kann dem, der braucht, nichts gegeben werden.

Eine an objektiven Fakten und Kriterien orientierte Politik der Mittelzuteilung, in der zwischen einem für ein wissenschaftliches Fach in Lehre und Forschung jedenfalls erforderlichem fixen Sockelbetrag an Sach- und Personalressourcen und einem je nach Studierenden, Absolventen, Fachbereichen und Spezialisierungen etc. variierenden individuellen Budget unterschieden wird, wäre deshalb das erste, dringende Erfordernis.

Wenn man sich vor Augen führt, dass das unausweichlich die Zusammenführung von in mehreren Universitäten vorhandenen Kleinststudienfächern an einem Studienort zu bedeuten hätte, und wenn man zusätzlich bedenkt, dass eines dieser Fächer zum Beispiel die Katholische Theologie wäre, kann man sich das Ausmaß dieser Herkulesaufgabe lebhaft vorstellen.

Aufgaben des Bundes

Da die autonomen Universitäten kaum dazu zu bringen sein werden, einander die Ressourcen abzuwerben, wäre das die vordringliche Aufgabe des Bundes. Zumindest faktenbasierte Berechnungen und einen Gesamtvorschlag müsste der Minister dazu machen. Die ideale Gelegenheit dazu hat der ansonsten streitbare Erhard Busek, Minister beim Übergang der Universitäten in die Autonomie in den 90er Jahren, versäumt, wo der Bund noch das Sagen hatte. Der amtierende Minister hätte als Altphilologe ja den erforderlichen Zugang zum Herkulesmythos.

Optimierung der Organisation

Damit wären die Probleme freilich nicht gelöst. Das zweite Erfordernis, die Optimierung der Organisation der Studien und der Verfahren der Inhaltsvermittlung, kann nicht in den gestressten Massenstudien vor sich gehen, sondern muss in der breiten Mitte der noch ausreichend ausgestatteten Fächer erprobt werden. Dort muss statt des immer noch vorherrschenden monotonen Vorlesungs-, Seminar- und Übungseinerleis endlich alles das zum Tragen kommen, was in den außeruniversitären Vermittlungspraktiken längst Standard ist und an den Universitäten nur in den Glücksfällen einzelner engagierter Lehrender oder Organisatoren zum Zug kommt.

Im Einzelnen: eine klare Unterscheidung zwischen Standardinhalten, die großen Zahlen mit maximaler technischer Unterstützung angeboten werden können, und Spezialinhalten, die nur in Gruppen bis hin zu Einzelpersonen unterrichtet werden können. Das Erstere betrifft die Mehrzahl der Inhalte der ersten, zahlenintensiven Studiensemester. Diese sich Jahr für Jahr wiederholenden Stoffe müssen medial so aufbereitet werden, dass die Präsentationsteile (durchaus weiterhin Vortrag oder diskursivere Formen) auf ein Drittel der Zeit verkürzt werden können, und dementsprechend die Personal-, Raum- und Organisationskapazität.

Die Aufgabe der Lehrenden verschiebt sich dadurch ein Stück weit vom bloßen Vortragen auf die Erstellung elektronischer Lernmaterialien. Die Lehrenden sind dabei von professionellen Medientechnikern zu unterstützen. Ihre Zeit soll nicht in mühsamen Computerbasteleien, für die viele von ihnen nur wenig kompetent sind, aufgehen, sondern in die Erstellung der Grundtexte und deren laufende Erneuerung sowie die Auswahl, Kommentierung und Didaktisierung spezieller Zugänge investiert werden, deren unterrichtstechnische Umsetzung durch universitäre Medienzentren besorgt wird.

Die Verantwortung für dieses als "Blended (= gemischtes) Learning" an manchen Universitäten bereits erprobte Lernen liegt bei den fest angestellten Professor/innen und Assistent/innen, statt dass wie bisher in vielen Fächern vom Ordnarius, der Ordinaria bloß die sogenannte "Hauptvorlesung" und das "Hauptseminar" angeboten werden und die Einführung in das Studium, die einen Überblick über das gesamte Fach voraussetzt, den man sich erst in vielen Jahren erwerben kann, von einem/r halbtägig angestellten Vertragsassistenten/in unterrichtet wird. Die besten und erfahrensten VertreterInnen eines Faches gehören als AutorInnen von Lernmaterialien und deren VermittlerInnen in den ersten Studienabschnitt!

Über diese zentralen Inhalte der Studien, die für die jeweilige Gesamtzahl der Studierenden aufbereitet werden können, hinaus sind universitäre Studien der beständigen In-Frage-Stellung, der kritischen Bezweiflung und Revolutionierung der Wissensbestände verpflichtet, sowie der Vermittlung der Methoden der Generierung von Wissen, üblicher Weise als „Forschung" bezeichnet. Von Anfang an müssen deshalb Lehrformen angeboten werden, die diesen Zwecken dienen.

Tutorien

Diese können nur in kleineren Gruppen stattfinden, und dafür wird das Personal der Massenstudienfächer niemals ausreichen. Hier führt kein Weg an Tutorien Höhersemestriger für Niedrigersemestrige vorbei, die von Assistent/innen oder Professor/innen betreut werden: Studierende leiten die Tutorien nach mit den Lehrenden entwickelten Plänen und die Professorin schaut gelegentlich vorbei. Geeignete Modelle dafür hat die Hochschuldidaktik in Hülle und Fülle entwickelt und erprobt.

Bildung, die etwas kostet

Die dritte Sorte von Lehre wäre eine, die nicht mehr allen, sondern besonders interessierten/ambitionierten Studierenden angeboten wird und – auch ein Tabu – etwas kostet,  weil sie den Studierenden zusätzlichen Ausbildungsvorteil bietet (bei möglicher Stipendiatisierung selbstverständlich). Das wären einerseits berufsorientierte Praxisausbildungen, z.B. in Therapie, Behindertenbetreuung, Organisationsberatung, Öffentlichkeitsarbeit, Management, IT, technischer Spezialkomptetenz, Sprachvermittlung und, und, und  – was immer als Ergänzung einer Studienrichtung sich eignet, und auf zukünftige Berufspraxis vorbereiten kann. Solche Ausbildungsgänge werden organisatorisch mit dem Hauptstudium kombiniert sind und können bereits während diesem absolviert werden.

Die zweite Richtung ergänzender Lehre zielt auf wissenschaftliche Ausbildung, zum Teil finanziert über Forschungsprojekte, an denen geeignete Studierende mitarbeiten und so auf den Weg zukünftiger Wissenschaftslaufbahnen gebracht werden können. Beides würde die Zusammenarbeit der Universitäten mit außeruniversitären Ausbildungseinrichtungen und die Durchbrechung der Barriere zwischen Fachhochschulen und Universitäten bedeuten, deren Verhältnis gegenwärtig unsinniger Weise so geregelt ist, dass Fachhochschulstudien an Universitäten angerechnet werden können, umgekehrt aber nicht.

Innovation des Prüfungswesens

Die an den Universitäten weithin unbekannte hochschuldidaktische Literatur ist voll von weiteren Möglichkeiten zur Innovation und Effektivierung der Lehre und – ein weiteres vernachlässigtes Kapitel - des Prüfungswesens. Reformen dieser Art würden tief in das gewohnte Berufsbild der Universitätslehrer eingreifen, das bei Vielen darin besteht, die Lehre auf möglichst kleiner Flamme zu halten, um sich in der Forschung einen Namen machen zu können. Dabei wird übersehen, dass die allergrößten unter den Wissenschaftlern der Gegenwart große Lehrer waren, deren Veranstaltungen sich vor Hörer/innen kaum erwehren konnten. Der um skurrile Gags nicht verlegene Michel Foucault hat seine Vorlesung gelegentlich auf 5 Uhr früh verlegt, um den Andrang zu verringern - umsonst, wie wir wissen. Und wer sich in die Gedankenwelt der Psychoanalyse einlesen will, liest am besten immer noch die Vorlesungen von Sigmund Freud.

Die Vernachlässigung der Lehre zugunsten der Forschung unterliegt dem Irrtum, dass nur bei Letzterer neue Erkenntnisse entstünden. Das ist ähnlich unsinnig wie anzunehmen, dass bei der x-ten Inszenierung von Shakespeares "König Lear" noch immer das vermittelt würde, was bereits in Stratford-upon-Avon die Zuschauer bewegte. Die Lehre, soweit sie nicht steril einmal Vorbereitetes immer wiederkäut, führt notwendig zu Situationen der Neugierde, der Bezweiflung, des Widerspruchs - und damit der Anbahnung von Forschung und Erkenntnis. Wer einmal Vorlesungen vor großem Publikum in freier Rede gehalten hat oder mit einer kleinen Gruppe Studierender an einem neuen Thema gearbeitet hat, wird wissen, wie rasch man an den Punkt kommt, wo die angebotenen Erklärungen nicht mehr ausreichen, die bereitliegenden Antworten nicht befriedigen und Fragen offen bleiben, offen für Forschung.

Verstärkung des Mittelbaus

Auf organisatorischer Ebene würde eine Wiedereinsetzung der Lehre in den ihr zustehenden Rang die Aufwertung der Professor/innen und Assistent/innen als Lehrer/innen bedeuten. Das hieße meines Erachtens die Erhöhung der Lehrverpflichtung des Mittelbaus auf zumindest vier Stunden bei gleichzeitiger Ermöglichung einer Laufbahn als Universitätslehrer/in, das heißt als Alternative der Habilitation über Forschung auch eine über die Lehre; desgleichen die Erhöhung der Lehrverpflichtung der Professor/innen und Dozent/innen auf acht Stunden als Voraussetzung der Definitivstellung. Da der sogenannte "Mittelbau" nachgewiesenermaßen 70 Prozent der universitären Lehre bestreitet, gehört zudem die unverständlichste aller Laufbahnbestimmungen der Universitäten ersatzlos abgeschafft, die automatische Kündigung von Universitätsassistent/innen nach vier beziehungsweise sechs Jahren.

Welche Firma der Welt würde regelmäßig ihre erfahrenen und bewährten Mitarbeiter entlassen, um neue, nicht eingearbeitete einstellen zu können? Die Universität tut dies, mit dem fadenscheinigen Argument der "Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses", die in Wahrheit dessen Hinausbeförderung bedeutet: Für die Nachrücker hat die Universität ja wieder nichts anderes zur Verfügung als Schleudersitz-Karrieren. Ein differenziertes Stipendienwesen für Dissertationen und Forschungsmöglichkeiten, sowie ein qualifiziertes inneruniversitäres Laufbahnschema sind hier die Alternativen.

Geldsegen allein wird nichts ändern

Diese der Kürze halber wenigen Hinweise sollten zeigen, dass die Universitäten die Besserung ihrer Verhältnisse keinesfalls nur von den äußeren Rahmenbedingungen erwarten können, dass vielmehr die Überwindung der Stagnation und Lethargie der im Inneren der alt gewordenen Alma Mater mit Kraft und Mut anzugehen wäre. So lange das alleinige Heil als Geldsegen von oben oder als Aussperrung des Ansturms von unten erwartet wird, wird sich nichts ändern. Beides: Mehr Geld und allfällige Zugangsbeschränkungen sollte ein kluger Minister zukünftig an die nachgewiesene Bereitschaft der Institute und Studienrichtungen binden, alle Möglichkeiten der inneren Effektivierung ihrer Arbeit zu nutzen.

Ein  Letztes: Seit ich an der Universität arbeite, hat sich diese Institution erst einmal mit der Frage beschäftigt, was unter geänderten gesellschaftlichen Bedingungen ihre Aufgabe sei: Ende der Sechziger Jahre, als die Studierenden, pardon: die Studierenden in Frankreich und Deutschland, sich anschickten, den Muff von tausend  Jahren aus den Talaren zu schütteln. Der Zeitpunkt, zu dem die Universitäten einen Bildungsrat benötigen, bei dem Wissenschaftler/innen, Studierende, Politiker/innen, Künstler/innen, Wirtschaftler/innen, Journalist/innen, Vertreter aller Gesellschaftsschichten darüber nachdenken, welche Universität in den unsicheren Zeiten der Zweitausender Jahre benötigt wird, ist längst überschritten. Dass Universität in der gegenwärtigen Öffentlichkeit ausschließlich als Kostenfaktor vorkommt, ist eine Schande. Dass der Verfassungsgerichtshof den Verantwortlichen mitteilen muss, dass sie ihre Aufgaben zu erfüllen haben, übrigens auch. (Bernhard Rathmayr, derStandard.at, 27.5.2013)

Bernhard Rathmayr ist Erziehungswissenschaftler und emeritierter Professor der Universität Innsbruck.

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