Señor Roques Glück parkt im Wohnzimmer

Ansichtssache27. Mai 2013, 16:24
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Für manche ist es nur ein 52er Chevy. Für einen Kubaner ist "Miss Green" jedoch die große Liebe. Und die will er nahe bei sich haben

Für Langweiler handelt es sich bloß um einen grünen 52er Chevy. Für einen Kubaner ist "Miss Green" die große Liebe. Und die will er nahe bei sich haben. Sehr nahe

Der Frühsommer kommt hierzulande nicht aus dem Formtief heraus. Regen, Kälte und unsexy Wind schon seit Tagen: Das muss nicht sein. Zumindest nicht auf Kuba. Auf der Karibikinsel halten wir aktuell bei 28 Grad Celsius, dazu ein laues Lüfterl - angenehm. Zeit also für etwas Wetter-Eskapismus, Ziel unseres kleinen Ausflugs ist das 300 Straßenkilometer östlich von Havanna gelegene Städtchen Sagua La Grande.

Dort lebt Señor Fidel Roque gemeinsam mit seiner großen Liebe, Miss Green. Manchmal sitzt er in ihr, gern fährt er mit ihr aus, und ziemlich oft putzt er sie auch - und wir sprechen natürlich von seinem Wagen, einem 52er Chevrolet Styleline Sedan.

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Der barocke Amerikaner ist Teil einer Bewegung auf Kuba, die auf den Namen "Yank Tank" hört. Die rustikal renovierten Limousinen sind Relikte aus der Zeit vor dem US-Handelsembargo gegen Kuba und dessen linksrevolutionäre Staatsführung. Die reagierte 1962 mit einem Importverbot für US-Autos samt Ersatzteilen. Privatiers war es fortan nur noch gestattet, Fahrzeuge zu kaufen, die bereits vor der Revolution angemeldet waren.

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Die Verknappung führte zu einer aufmerksamen Hege des Ami-Fuhrparks. Die später einlaufende Ware aus dem sowjetischen Bruderland (Moskwitsch, Wolga, Lada) kam vor allem im Staatsdienst zum Einsatz, deren Aggregate waren gefragte Austauschmotoren, um die vorrevolutionären Amerikaner aufzupeppen. Heute stellen die abgerippten Klassenfeinde etwa ein Drittel des kubanischen Fahrzeugbestandes und sind zu einer weltweit bekannten Touristenattraktion aufgestiegen. 

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Um die Fossile weiterhin in Gang zu halten, wird auf allerlei Tricks und große Improvisationskunst zurückgegriffen. Als Ersatzteil gilt quasi alles, was seinen Zweck erfüllt. Hier befüllt Fidel Roque gerade den Tank seines Lieblings. Der originale ging an den Rost verloren.

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Tanken ist für ausländische Gäste übrigens relativ günstig, schließlich kostet ein Liter Sprit bloß einen Peso convertible (CUC), umgerechnet 77 Cent. Für Kubaner hingegen ist Benzin ein Luxusgut, das monatliche Durchschnittseinkommen liegt bei gerade einmal 425 Pesos.

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Für Señor Roque ist der Treibstoff weniger eine Investition als ein Liebesdienst. Schließlich wohnt Miss Green bei ihm im Haus, genauer in seinem Wohnzimmer.

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Seit 23 Jahren hat die rüstige Lady mit den etwas ausladenden Hüften ihren Platz im Wohnzimmer des Kubaners.

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Blick vom Schlafzimmer auf das Allerheiligste. Fidel Roque gibt in der Küche den braven Hausmann.

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Dass er dort noch eine zweite "große Liebe" sitzen hat - darüber sieht Miss Green geflissentlich hinweg.

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Schließlich steht die 61-Jährige Kokette bei Fidel noch immer hoch im Kurs.

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Kleine Aufmerksamkeit vor der nächsten Ausfahrt. Nach 23 Jahren auf engstem Raum darf man bekanntlich nicht nachlässig werden.

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Hier führt uns Fidel Roque samt seiner Miss Green in den nahe gelegenen Hafen von Isabela de Sagua. Zu erkennen sind eine intakte Beziehung, blauer Himmel und ein vorbildliches, der Jahreszeit entsprechendes Aufkommen an Sonnenschein. (Stefan Schlögl, derStandard.at, 27.5.2013)

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