Plantarfasciitis: Wenn Füße Probleme machen

27. Mai 2013, 08:28
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Ob Barfußgehen oder die speziellen Fünffingerschuhe der Fußmuskulatur gut tun, ist nicht eindeutig belegt

"Eine Plage!", nennt es Victor Valderrabano, Präsident der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin. Bei jedem zehnten Patienten an der Uniklinik Basel diagnostiziert er Plantarfasciitis. " Bei den meisten hätte es nicht dazu kommen müssen", sagt er, "sie hätten nur die Füße mehr dehnen müssen oder nicht so stark überlasten." Die Plantarfasciitis ist eines der häufigsten orthopädischen Probleme am Fuß. Die genauen Ursachen sind ungeklärt.

Früher dachten Ärzte, die Plantarfasciitis entstünde durch eine Entzündung, daher die Bezeichnung "-itis". Heute vermutet man, dass es an einer chronischen Überlastung der Plantarfaszie liegt. Aber was genau sind Faszien? Es sind die Bindegewebehüllen um Muskeln, die für die Festigkeit und das Zusammenspiel innerhalb der Muskelgruppen verantwortlich sind. Das dicke, fächerförmige Band an der Fußsohle, das die Ferse mit den Zehen verbindet, bildet die Plantarfaszie. "Wird sie zu sehr beansprucht, entstehen winzige Risse, die der Körper irgendwann nicht mehr reparieren kann", erklärt Reinhard Weinstabl, Experte für Unfallchirurgie und Sporttraumatologie in Wien. " Am Ende verkümmert die Faszie und wird immer dünner."

Eine Plantarfasciitis bekommen vor allem Leute, die sehr viel joggen oder beim Gehen die Fersen stark belasten - deshalb auch "Polizistenhacke" genannt. Übergewicht, Platt- oder Hohlfüße erhöhen das Risiko. "Die Natur hat den Fuß eigentlich dazu gemacht, dass er barfuß über Stock und Stein, bergauf und bergab gehen kann", sagt Valderrabano, "das dehnt die Achillessehne automatisch und verhindert, dass sich Risse bilden." Doch beim modernen Menschen seien die Füße ständig in Schuhen, und die meisten dehnten nicht genug. "Die akute Form mit starken Schmerzen und geschwollener Ferse sehen wir selten, bei der chronischen Plantarfasciitis schmerzt die Ferse vor allem morgens nach dem Aufstehen oder nach längerem Sitzen", sagt der Schweizer Sportmediziner. Beim Gehen wird es meist besser, aber im Laufe des Tages nach längerem Stehen oder Laufen wieder schlimmer.

Devise Ausfallschritt

Ist die Diagnose gesichert, rät Weinstabl, Fußabdrücke und eine Laufanalyse machen zu lassen. Es gibt diverse Therapien. Welche die beste ist, bleibt aber unklar. Gegen die Schmerzen helfen körperliche Schonung, Kühlen oder nichtsteroidale Antiphlogistika. Für essenziell hält Valderrabano Physiotherapie und Dehnübungen: Ausfallschritt nach vorne und die Wade dehnen oder auf der Treppenstufe wippen und die Hacken nach unten hängen lassen.

Bei Platt- oder Hohlfüßen können orthopädische Schuheinlagen helfen. Wen es nicht stört, kann sich eine Plastikschiene über Nacht anschnallen, die die Faszie ständig leicht dehnt. Medikamentös scheint Cortison wirksam zu sein, doch Valderrabano warnt: "Es bringt zwar Linderung, aber wenn man immer wieder spritzt, kann die Faszie reißen." Von 100 Patienten mit Plantarfasciitis können die Orthopäden 90 ohne Operation behandeln. Bei den übrigen spalten sie die Faszie offen oder endoskopisch. "Am besten ist natürlich, man vermeidet das", sagt Weinstabl.

Hype um Barfußschuhe

Weniger Fußprobleme erhoffen sich manche Läufer durch Barfußschuhe. Bei diesen "Fünffingerschuhen" steckt jeder Zeh wie Finger in einem Handschuh in einem eigenen Fach, die Schuhe haben nur eine millimeterdicke Sohle und sind so gut wie nicht gedämpft. Man laufe damit natürlicher und besser, behaupten Barfußschuhfans, außerdem senke man dadurch das Risiko für lauftypische Verletzungen, etwa Achillessehnenentzündungen, Bänderdehnungen oder -risse am Sprunggelenk, Knieschmerzen oder Muskelzerrungen. Denn das ist eines der Hauptargumente für Fünffingerschuhe. Noch extremer - während der warmen Jahreszeit komplett auf Barfußgehen umzusteigen.

Obwohl die Industrie viel Geld in die Technik von Laufschuhen investiert, verletzen sich auch heute immer noch ähnlich viele Leute beim Laufen wie vor 30 Jahren. "Eigentlich sind unsere Füße mit all den Sehnen, Bändern und Muskeln ideal dafür, barfuß zu gehen", sagt Thorsten Schiffer, Leiter der Ambulanz für Sporttraumatologie an der Deutschen Sporthochschule Köln. "Aber die meisten sind von Kindheit an so an Schuhe gewöhnt, dass ein abrupter Umstieg den Füßen mehr schaden könnte."

Beim Barfuß- oder Fünffingerschuhlaufen macht man kürzere und mehr Schritte, setzt die Füße eher im vorderen Bereich auf und spannt die Wadenmuskeln kraftvoller an. Das soll die einwirkenden Kräfte auf Knochen und Gelenke effektiver abfedern. Verbessert werden soll dabei auch die Eigenwahrnehmung der Füße und ihre Position auf dem Untergrund. " Bisher ist aber nicht bewiesen, dass man dadurch lauftypische Verletzungen vermeiden kann", sagt Schiffer. "Auch schneller oder energiesparender wird das Gehen und Laufen dadurch nicht." Er hält die Fünffingerschuhe aber für eine gute Abwechslung. "Vor allem wenn man schon Überlastungserscheinungen hat, etwa eine Sehnenreizung, kann man durch die andere Belastung möglicherweise weitere Probleme vermeiden."

Zivilisationserkrankung

Man müsse seine "zivilisationsgeschädigten" Füße jedoch langsam an das neue Laufen gewöhnen, sagt Karl-Heinz Kristen, Leiter der Fußambulanz an der Ortho-Sportklinik in Wien. Er rät, während seiner normalen Laufrunde in einem Abschnitt mit natürlichem Boden fünf bis zehn Minuten barfuß zu laufen und dabei den Untergrund ganz bewusst zu spüren. Dann könne man auf Fünffingerschuhe umsteigen, allerdings immer wieder abwechselnd mit den normalen Laufschuhen.

Einigen rät der Sportmediziner jedoch rundweg auch ab: "Der Bewegungsapparat ist bei manchen schon so geschädigt, dass man gute Schuhe und Sporteinlagen braucht, um die Belastung besser zu verteilen." Auch wenn man viel auf Asphalt geht, solle man seinen Füßen einen guten Laufschuh gönnen. "Barfußschuhe und Barfußlaufen seien aber für Wald, Wiesen oder Feldwege eine gute Sache".

Also barfuß oder nicht: Orthopäde Valderrabano schwört jedenfalls auf regelmäßiges Dehnen: "Dreimal pro Woche zehn Minuten reicht schon." (Felicitas Witte, DER STANDARD, 27.5.2013)

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    Füße stecken zu viel in Schuhen. Das lässt die Muskeln schwach werden. Eine Gegenstrategie: barfuß gehen. Die Saison (in allen Monaten, die nicht den Buchstaben "r" enthalten) hat begonnen.

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