Zum Drüberstreuen ein Gambasgupf

27. Mai 2013, 16:35
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Wer den Eiskönig von Mallorca besucht, erspart sich die Rundreise. Viel inseltypische Flora und Fauna steckt im Stanitzel

Die Frage scheint ihn eiskalt erwischt zu haben. Miquel Solivellas Segui schaut erst aus der Tür Richtung Sommerhimmel, dann in die Auslage seines Geschäfts in der Carrer Montcada 9 mitten in Palma, in die vielen prall gefüllten Aluquader hinter seiner Glasvitrine. Und schließlich schaut er seine Frau Pola an. "Weiß ich nicht", sagt er dann. Dabei ist er selbst schuld daran, dass die Antwort so schwerfällt. Sie ist da resoluter - aber am Ende auch nicht entscheidungsfreudiger: "Alle", sagt sie und wischt mit der rechten Hand einmal schwungvoll über das Sortiment. "Wir mögen alle. Jede Sorte ist unsere Lieblingssorte."

Miquel Solivellas ist der Eiskönig von Mallorca, hat den Eissalon "Ca'n Miquel" mitten im Zentrum der Inselhauptstadt Palma an der Prachtstraße Avinguda Jaume III. vor bald 35 Jahren gegründet - nach einem halben Berufsleben als Konditor. Die Filiale an der Rückseite des Gebäudes mit Eingang in der Parallelstraße Carrer Montcada kam erst kürzlich dazu.

Die Nachbarschaft ist exklusiv. Nebenan sind teure Boutiquen, gleich gegenüber vom Hauptgeschäft hat der Juwelier Cartier seine mallorquinische Filiale und sicherheitshalber die meiste Zeit uniformierte Aufpasser vor der Tür. Bei Familie Solivellas ist das anders: Die Schätze sind unbewacht - jeden Tag mehr als zehntausend Kugeln Eis für stolze zwei Euro pro Stück. Statt Aufseher in Uniform steht dort eine Schlange - fast immer. Weil so originelle Geschmacksrichtungen dabei sind.

Sommer, nicken und strahlen

"Wir haben 100 Lieblingssorten", sind sich die Eheleute Solivellas nun einig: "Die meisten schmecken nach Sommer." Sie spricht es aus, er nickt und strahlt. Und er wirkt irgendwie erleichtert, nicht eine einzelne unter allein 24 verschiedenen Schokolade-Eis-Varianten wählen zu müssen, nicht länger zur Festlegung zwischen Mandarine, Orange, Grapefruit, zwischen Mango, Papaya, Granatapfel oder Erdmandel gedrängt zu werden. Am Ende hätte er sich womöglich für sein Gambas-Eis entschieden oder für das Rosmarin- oder Basilikum-Sorbet.

"Wir experimentieren gern", erzählt der zurückhaltende alte Herr, inzwischen um die siebzig, mit dem goldenen Händchen fürs Eis. "Das haben wir schon immer so gehandhabt." Meistens war dafür erst abends nach der Arbeit Zeit, denn in der Früh um sieben laufen die Eismaschinen im Hinterzimmer im Hochbetrieb, um das zu produzieren, was von den Urlaubern nachgefragt wird.

Spanier hingegen sind durchaus vertraut mit salzigen Eissorten. Sie sind es, die in den Wintermonaten anstehen, um Gambas-, also Garneleneis, oder Avocado-Kugeln abzuholen. Zu Hause wird dieses Eis dann als Beilage zum Hauptgang des Weihnachtsmenüs serviert - zu Fleisch oder Fisch, so selbstverständlich wie anderswo Kräuterbutter. Im vergangenen Jahr war Tomate-Zwiebel-Paprika der Renner zum Fest.

Kein Platz für Eierschwammerl

Über die Jahre haben die Solivellas eine Menge versucht - und manche Kreationen wieder verworfen: Eierschwammerl-Eis war so ein Fall. Oder Knoblauch-Petersilie. "Das hörte sich gut an, war aber dann doch kein großer Wurf", erinnern sie sich. Und manchmal blieb eine Erfindung nur deshalb auf der Strecke, weil Miquel sich nicht entscheiden konnte, welche etablierte Variante von seinen 100 Lieblingssorten er aus dem Programm nehmen sollte, um Platz in der Vitrine zu schaffen.

Was das Erfolgsgeheimnis ist? Diesmal antwortet Miquel sofort: "Wir arbeiten ausschließlich mit frischem Obst, nicht mit Aromapulver oder Konzentraten wie viele Italiener. Und wir verwenden nach Möglichkeit Obst von der Insel, wann immer es jahreszeitlich passt und auf den Märkten zu finden ist. Damit unser Eis nach Mallorca schmeckt."

Welches Wetter sich ein Eissalonbetreiber wünscht? Das weiß wiederum sie sofort: "Einen bedeckten Tag. Dann läuft das Geschäft besser als bei Sonne. Denn nur dann kommen die Urlauber in Scharen nach Palma. Bei Sonnenschein gehen sie zum Strand."

Längst hilft auch Enkelin Maria-Antonia im Salon und wird diese Institution womöglich eines Tages übernehmen. Ihre Lieblingssorte? "Heute Mandarine, gestern war es Jamaika-Schokolade." Sie lacht. Mit anderen Worten? "Eigentlich jede." Das passt. (Helge Sobik, DER STANDARD, Album, 25.5.2013)

Vom Autor ist der Mallorca-Reportagenband "Joan Miró und der Mann mit der Mandarinenkiste" erschienen (Picus, Wien 2012, 132 Seiten, € 14,90).

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    Der Eissalon Ca'n Miquel ist wie ein Wochenmarkt: Was gerade reinkommt, wird auch frisch verkauft.

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