Cybersex die ganze Nacht

6. Juni 2013, 14:06
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Süchtig nach Pornografie im Netz - Österreichs einzige Selbsthilfegruppe für Cybersex-Abhängige ermöglicht den Austausch unter Leidensgenossen

"Ich freue mich schon, wenn das Ganze weniger wichtig wird. Das allein ist schon eine große Befreiung - von Selbstvorwürfen, Selbstgeißelung und dem ständigen schlechten Gewissen", sagt Martin (51)*. Der Wiener Jurist kämpft seit Jahren mit seiner Cybersexsucht und leitet seit eineinhalb Jahren die österreichweit einzige Selbsthilfegruppe zu diesem Thema. Betrieben wird sie vom Verein "Safer Surfing".

Lange Leidensgeschichte

Alle zwei Wochen treffen sich die Mitglieder in einem Seminarraum der Heilsarmee in Wien-Leopoldstadt, um sich mit Leidensgenossen auszutauschen - im Schnitt kommen fünf bis zehn Teilnehmer pro Sitzung. Die Gruppe versteht sich ausdrücklich als christlich, ist aber offen für Teilnehmer aller Konfessionen. Heute sind fünf Burschen um die Mitte 20 gekommen, darunter auch ein Moslem und ein Atheist.

Martins Leidensgeschichte ist lang: Er ist ohne Vater aufgewachsen, bevor er im katholischen Internat erste Erfahrungen mit Selbstbefriedigung und "homophilen Neigungen" von Priestern und Mitschülern machte. "Meine Begierde hatte schon eine weibliche Ausrichtung, nur waren halt keine Mädchen da. Und so kam es zu 'Blödsinn' zwischen uns Knaben", sagt er. Als er schließlich auch noch auf die Pornosammlung seines Stiefvaters stieß, geriet er langsam in die Suchtspirale. Immer wieder half ihm die Pornografie auch über Beziehungskrisen hinweg. 

"Sexuell Getriebener"

Während seiner Internatszeit spielte Religion für ihn noch keine Rolle. Erst mit Mitte 30 wurde er gläubig und verbrannte all sein "Pornoklumpert", was ihm kurzfristig enorme Erleichterung verschaffte. Auf Dauer geheilt hat ihn das aber nicht: "Mit dem Internet kam die Sucht schlimmer zurück als je zuvor. Ich wurde zum sexuell Getriebenen." Nach mehrmaligen Entzugsversuchen und Rückfällen gründete er schließlich Ende 2011 eine Selbsthilfegruppe, um sich mit Gleichgesinnten austauschen zu können.

Mittlerweile geht es ihm um Welten besser als noch vor wenigen Jahren. "Das Thema schrumpft, nimmt weniger Platz in meinem Leben ein. Ich schaue weniger grausliche Bilder und weniger oft", sagt Martin. Mit Selbstfriedigung und sexuellen Fantasien kämpfe er zwar nach wie vor, dafür ist es mit dem Pornokonsum viel besser geworden. Neben viel Disziplin hat ihm auch der zweimonatige christliche Online-Kurs "Setting Captives Free" sehr geholfen. 

Teufelskreis

"Nicht süchtig wirst du nie wieder - einen Rückfall kannst du immer bekommen. Wem das nicht bewusst ist, der schafft es nicht. Sobald man einmal schwach ist, sobald man einmal eine Scheißzeit hat, kann alles wieder von vorn losgehen", sagt der 25-jährige Dominik. Mit elf Jahren hatte er begonnen, im Freundeskreis Pornos zu schauen - seiner Meinung nach ist das mittlerweile das normale Einstiegsalter: "Gut ist das natürlich nicht, aber das Einstiegsalter hat sich in den letzten Jahren sicher eher nach früher als später verschoben."

Bald darauf verbrachte Dominik schon mehrere Stunden täglich auf Pornoseiten, bevor er mit 16 Jahren Zweifel bekam, ob er sich damit nicht doch mehr schade als helfe. Unzählige Male wollte er aufhören, auf Dauer gelang es ihm aber nie. Besonders schlimm wurde es nach seiner Schulzeit, als er nicht wusste, was er mit seinem Leben anfangen möchte, und in eine existenzielle Krise schlitterte. "Da hat die Sucht von mir sehr stark Besitz ergriffen. Ich konnte nicht mehr aufhören, habe mich immer mehr zurückgezogen und meine Freunde versetzt", erzählt Dominik.

Immer wieder konnte er nachts nicht schlafen, verbrachte sechs bis sieben Stunden durchgehend mit Selbstbefriedigung, bevor er wie gerädert in die Arbeit ging. In der darauffolgenden Nacht ging der Teufelskreis von vorne los, sagt Dominik: "Ich bin dann total erschöpft, kann aber nicht anders und muss weitermachen, bis zu zehn Stunden am Tag. Das kann über Wochen so gehen." Ali: "Kippst du da nicht irgendwann um?" Dominik schmunzelt: "Bis jetzt ist mir das noch nicht passiert. Du würdest nicht glauben, was der menschliche Körper alles aushält." Lachen in der Gruppe. Dann, wieder ernst geworden, ergänzt er: "Ich habe mir aber oft fast schon gewünscht, dass es meinem Körper zu viel wird."

Art des Fremdgehens

Auch Michael, der vor kurzem seinen Bachelor abgeschlossen hat,  machte seine ersten Erfahrungen mit etwa elf Jahren. Er schaute Sexfilme auf verschlüsselten TV-Sendern, bei denen vor allem Rauschen und lediglich einzelne Tonfetzen und Bilder wahrzunehmen waren. Dennoch konnte er nicht weg schauen: "Ich wusste, dass es schlecht war, aber meine Neugier und mein Trieb waren stärker". Die Faszination blieb, und in den Folgejahren wurde sein Pornokonsum immer intensiver.

Es dauerte "erstaunlich lang", bis er realisierte, dass er süchtig war. Erst als ihn seine Lebensgefährtin vor dem Computer erwischt hatte, wurde Michael klar, dass er Hilfe brauche. Insgeheim hatte er gehofft, dass das Problem verschwindet, sobald er erst mal verheiratet wäre, aber das war nicht der Fall. Schon bald nach der Hochzeit verließ ihn seine Frau, was seine Sucht nur noch mehr verstärkte. "Pornographie ist zwar nicht der physische Akt, aber doch auch eine Art des Fremdgehens", sagt er schuldbewusst.

Im allerletzten Moment gelang es ihm schließlich doch noch, sich aus der Sucht zu befreien und seine Ehe zu retten: "Es ist unvergleichlich besser jetzt - wie ein neues Leben." Mittlerweile ist Michael mehr als ein Jahr abstinent, aber das Bewusstsein, dass er leicht wieder in die Abhängigkeit rutschen kann, ist sein ständiger Begleiter: "Den Entschluss, clean zu bleiben, muss man immer wieder neu fassen. Der Kampf ist wahrscheinlich nie ganz vorbei." Mehrere Jahre Sucht würden eben ihre Spuren hinterlassen: "Ist ein Alkoholiker 30 Jahre trocken und bekommt dann ein Bier in der Hände, geht die Suchtspirale wieder von vorne los. So ähnlich ist das auch bei uns", sagt Michael.

"Habe die Gruppe vermisst"

Sehr oft sei ein schwieriges Verhältnis zum Vater der Grundstein des Problems, sagt Gruppenleiter Martin. So auch im Fall von Ali (19), der heute zum ersten Mal seit langem wieder gekommen ist. In der Kindheit bekam er seinen Vater fast nie zu Gesicht, weil der ständig beruflich unterwegs war. Mittlerweile hat der Student eine intensive Beziehung zu ihm aufgebaut und ist mit seiner Kindheit im Reinen, aber geheilt hat ihn das noch nicht: "Manchmal frage ich mich: Was muss ich noch alles tun, damit ich wieder freikomme? Obwohl ich von allen Menschen rundherum unterstützt werde, lasse ich mich selbst fallen, als ob ich mir mein Leben unbedingt kaputt machen muss."

Er habe es zwar schon öfter geschafft, über Monate hinweg nicht zu masturbieren, etwa im islamischen Fastenmonat Ramadan. Auch während seiner Pilgerfahrt nach Mekka habe nicht einmal daran gedacht. Sobald er aber wieder nach Hause zurückkam, holte ihn die Sucht wieder ein - im Moment gehe es ihm "ziemlich schlecht": "Ich freue mich schon den ganzen Tag sehr auf das Treffen und bin froh, mich wieder einmal aussprechen zu können. Ich habe die Gruppe vermisst."

Film im Kopf

Bei Alexander (24), der Betriebswirtschaftlehre studiert, liegt kein Problem mit seinem Vater zugrunde, ganz im Gegenteil: Seine Eltern verhätschelten ihn fast zu sehr und nahmen ihm alles ab. Als junger Bursche entdeckte er die Pornosammlung am PC seines Vaters und war fasziniert: "Es war ein Spaß, etwas Aufregendes und Verbotenes." Bei Pornos konnte er endlich einmal machen, was er will, ohne dass ihm irgendjemand hineingeredet hätte.

Dass sein Pornokonsum problematisch war, merkte Alexander erst, nachdem er immer noch weitermachte, als er längst eine fixe Freundin hatte. Mittlerweile hat er mit den Filmen aufgehört, auch mit der Selbstbefriedigung. Mit seinen Gedanken kämpft er aber immer noch: "In manchen Situationen im Alltag spielt sich in meinem Kopf ein automatischer Film ab." Weil er damit sich selbst und seiner Beziehung schaden würde, besucht er die Gruppe nach wie vor.

"Zwischendurchphänomen"

Beim Lehramtsstudenten Thomas (19) wiederum, der zum ersten Mal da ist, war der Pornokonsum die längste Zeit kein Suchtfaktor, sondern ein "Zwischendurchphänomen". Seit einem Jahr allerdings habe das Problem stark zugenommen. "Jedes Mal, wenn ich den Computer aufdrehe, schaue ich mir einen Blödsinn an. Manchmal erst, nachdem ich zwei Stunden für die Uni gearbeitet habe, manchmal schon nach zwei Minuten", sagt Thomas. Er wohnt alleine, will aber mit Freunden zusammenziehen, weil es dann zumindest einen "Störfaktor" gebe.

Das begrüßt Martin und ergänzt: "Das Gefährliche an dieser Sucht ist ja, dass sie im ersten Moment nicht unangenehm ist. Im Gegenteil, sie liefert dem Körper ein gewisses Maß an Entspannung." Erst im Nachhinein kämpfe man mit dem schlechten Gewissen und frage sich: Warum kann ich Sexualität nur mit mir selbst haben? Die Antwort müsse jeder für sich selbst finden - den einen Auslöser gebe es nicht, so der Gruppenleiter.

Sperren helfen nicht

Alle Teilnehmer wollen sich künftig nicht nur zu den abendlichen Treffen, sondern auch für Freizeitaktivitäten tagsüber zu treffen. "Wenn ich zwei Stunden nicht zu Hause bin, sind das einfach zwei Stunden weniger, in denen ich Gefahr laufe, wieder hineinzurutschen", sagt Dominik.

In schlimmen Zeiten war das Einzige, was ihm noch geholfen hat, seinen Computer wegzuräumen und zu sagen: Ich will den jetzt nicht verwenden. "Man muss ja niemandem sagen, was für ein Problem man damit hat. Aber egal, welche Sperren ich mir eingebaut habe - wenn es dir wirklich schlecht geht, helfen die auch kein bisschen." (Florian Bayer, derStandard.at, 6.6.2013)

* Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

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  • "Einen Rückfall kannst du immer bekommen - wem das nicht bewusst ist, der schafft es nicht", sagt ein Gruppenteilnehmer, der schon seit Jahren mit seiner Cybersexsucht kämpft.
    foto: florian bayer

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