Twist im Tanzquartier, Hip-Hop bei den Festwochen

26. Mai 2013, 18:28
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Aufführungen von Anna Mendelssohns "What?" und Bruno Beltrãos "Crackz (Dança morta)"

Wien - Das berüchtigte Beziehungsgespräch, Schrecken aller Zweisamkeit. Anna Mendelssohn und Joep van der Geest zogen es durch: brillant und gnadenlos im Tanzquartier Wien bei der Uraufführung von Mendelssohns jüngstem Stück "What?".

Die tanzaffine Wiener Performerin hat damit nach ihrem preisgekrönten Solo "Cry Me A River" eine weitere virtuose Sprachchoreografie vorgelegt. Und nach "art for a lonely heart" ein zweites abgründiges Zwiegespräch, diesmal mit Van der Geest auch einem kongenialen Schauspielerpartner.

Nur einmal werden die beiden, die einander auf Stühlen gegenübersitzen, laut. Ansonsten herrscht gespannte Contenance. Der Dialog ist ein Loop, ein Tanz: Ein Mann und eine Frau hassen einander dafür, dass sie nicht voneinander lassen können. Aus ihrem intimen Wissen machen sie gnadenlose Machtpolitik. Ein Schritt vor, nachhaken, ablenken, zugreifen, ein halber Schritt zurück, loslassen, zustechen. Zu einem Psycho-Slasher dieser Art gehört auch, dass die Sprache des Gegenübers in Echtzeit durchleuchtet und sofort desavouiert wird. In atemberaubender Geschwindigkeit, kein Zögern, kein Stottern. Hin und wieder ein bisschen Musik, ein kleiner Twisttanz, machen die Atmosphäre noch unheimlicher.

Mendelssohn, die im Oktober im TQW ihre nächste Arbeit zeigen wird, und Regisseur Yosi Wanunu sorgen dafür, dass die beiden einander in diesem Toten-Twist der romantischen Liebe nichts schuldig bleiben.

Straßentanz auf der Bühne

Auf ganz andere Art virtuos und kaum weniger beeindruckend ist das neue, erst vor einer Woche in Brüssel uraufgeführte Stück "Crackz (Dança morta)" des brasilianischen Hip-Hop-Choreografen Bruno Beltrão. Der 33-Jährige hat es geschafft, den Straßentanz so für die Bühne zu übersetzen, dass sich dort mehr ereignet als nur eine Akkumulation aus akrobatischen Kunststücken. Noch ist dieser Danse macabre, zu sehen noch bis Dienstag bei den Festwochen, ein "work in process" und wirkt doch wie eine fertige Arbeit.

Beltrão hatte die 13 Tänzer seiner Grupo de Rua beauftragt, Tanzmaterial aus dem Internet in ihre Körper "downzuloaden". Aus diesem Material generiert der Choreograf seine Komposition.

Da ist etwas Düsteres im Entstehen, das aus zuweilen wie schwerelos anmutenden Bewegungen erstellt wird. Deren Präzision und Kraft scheinen den Hiphop mit Tanzelementen des Belgiers Wim Vandekeybus zu verschmelzen. Besonders der herausragende Beitrag von Bárbara Lima, der einzigen Frau im Stück, unterstreicht diesen Eindruck. Das durch den Titel suggerierte Thema schließlich löst sich in der beunruhigenden Musik, der in ständigem Halbdunkel gehaltenen Bühne und den inneren Spannungen im Tanz der Gruppe ein. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 27.5.2013)

  • Anna Mendelssohns "What?" im Tanzquartier Wien.
    foto: tim tom

    Anna Mendelssohns "What?" im Tanzquartier Wien.

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