Weißer Schwan mit Beifall

26. Mai 2013, 18:22
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Hilary Hahn, Sakari Oramo und Wiener Philharmoniker

Wien - Aufrecht steht sie da, blickt ruhig in den Saal, schwarzes Abendkleid, weiße schlanke Arme. Die ersten Takte vom Sibelius-Violinkonzert (Dolce ed espressivo) schülerhaft schüchtern, wie zuhause für sich selbst zum ersten Mal angespielt.

Doch sobald die Geschehnisse lebendiger werden, hat Hilary Hahn die Dinge wieder im Griff. In den energischen Passagen ist sie in ihrem Element, die 33-Jährige, die ihre verblüffende Virtuosität gern in einem sachlichen, zurückhaltenden Rahmen präsentiert. Die nicht zu erschütternde Fokussiertheit von Hilary Swank in Million Dollar Baby und der kühle Perfektionismus von Natalie Portman in Black Swan: Das ist Hilary Hahn. Die Defizite der sympathischen US-Amerikanerin, die für die Einspielung dieses Konzerts 2009 mit einem Grammy ausgezeichnet wurde, kann man durch diese Beschreibung vielleicht schon erahnen: Sehnsucht, Herzenswärme, alles Schwärmerische weiß sie nur begrenzt zu transportieren, das macht der langsame Mittelsatz des spätromantischen Werkes offenbar.

Dynamische Steigerungen ereignen sich oft ohne emotionale Dringlichkeit. Beeindruckend nuanciert die Tonkaskaden des in einem Affenzahn vorgetragenen dritten Satzes (Allegro ma non tanto). Die Loure aus Bachs Partita E-Dur als Zugabe, schön schlicht.

Sonst noch was? Ah ja: ein Orchester, ein Dirigent, und zwei Stücke um den Star und Sibelius drumrum. Ein früher Lutoslawski zu Beginn: die Variations symphoniques, komponiert in den 1930er-Jahren, als der Senior der polnischen Avantgarde noch ein Junior war und sich mehr von Igor Strawinsky als (Jahrzehnte später) von John Cage inspirieren ließ. Reich, süffig, frühmeisterlich: toll.

Eher ein schlecht sortierter, vollgeräumter Trödelladen zweitklassigen, abgewohnten Klangmaterials Per Nørgårds achte Symphonie. Reichlich flinke Motivjagden quer durch den riesigen Orchesterapparat, reichlich billiger Klangzauber von der Schlagwerksektion. Der Finne Sakari Oramo und die sonst soliden Wiener Philharmoniker mühen sich erfolgreich, der Durchschnittlichkeit des Werkes bei dessen österreichischer Erstaufführung gerecht zu werden. Applaus. (Stefan Ender, DER STANDARD, 27.5.2013)

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