Wilde Leidenschaft und frisches Blut

26. Mai 2013, 20:15
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Der Franzose Abdellatif Kechiche erhielt für sein lesbisches Liebesdrama "La vie d'Adèle" die Goldene Palme in Cannes

"Oh, you drank Ian."  Ava (Mia Wasikowska), eine junge, besonders blutdurstige Vampirin, hat einen der wenigen freundlichen Menschen ausgesaugt – ansonsten sind ihnen Zombies (so werden in Jim Jarmuschs Only Lovers Left ­Alive die Sterblichen genannt) herzlich egal. Große Hektik löst die Missetat deshalb nicht aus. Ausgelaugt lungert Adam (Tom Hiddleston) neben dem Toten auf der Couch, bis seine mit ihm über Jahrhunderte in Liebe verbundene Gefährtin Eve (Tilda Swinton) den Vorschlag macht, einen Teppich zu holen, um die Leiche zu beseitigen.

Vampire sind bei Jarmusch keine blutrünstigen Bestien, sondern melancholische Bildungshüter. Hiddleston und Swinton verkörpern sie mit lässig-dekadenter Noblesse, John Hurt ist ein schrulliger, untoter Christopher Marlowe. Der Film versteht sich als Ode an die Kunst, an nerdige Musikvorlieben und begnadete Literaten, an edle Stoffe und blitzende E-Gitarren, wie sie heute keiner mehr fabriziert. Eve reist aus einer nächtlichen Offbeat-Kulturmetropole in die nächste, von Tanger nach Detroit, um Adam aus seiner Depression zu befreien. Viel Handlung gibt es nicht – wer so lange lebt, handelt langsam.

Die hübsch-lakonisch mit dem Stillstand allen Lebens flirtende Komödie des US-Amerikaners verschaffte dem Filmfestival von Cannes ein treffliches Ende. Den Vampiren ganz ähnlich saß das Publikum im Kino, die zwölftätige Suche nach frischem Blut hatte auch dieses ermattet. Denn verwegene, mutige oder nur besonders ungewöhnliche Ansätze konnte man in diesem Jahrgang zumindest im Wettbewerb kaum finden. Die 66. Ausgabe des Spitzentreffens des Autorenkinos blieb bis zuletzt eine eher konservative Angelegenheit.

Das bedeutet nicht, dass es an Filmen fehlte, die auf hohem Niveau operierten. Besonders in der Auswahl des US-amerikanischen Kinos bewies Direktor Thierry Fremaux dieses Jahr wieder eine glücklichere Hand. Die tragikomische Folkmusic-Ballade Inside Llewyn Davis zeigte Joel und Ethan Coen (Grand Prix der Jury) auf der Höhe ihrer Kunst. Mit viel Gespür für den verblichenen Charme der frühen 1960er-Jahre und spürbarer Liebe zur (in ganzen Stücken dargebotenen) Musik begleiten sie die Irrwege ihres unglücksseligen Helden durch die Boheme New Yorks.

Zartbitter, schillernd

Als bemerkenswert, wenngleich nicht in allen Belangen stimmig, erwiesen sich Alexanders Paynes zartbitteres Roadmovie Nebraska, für das Hauptdarsteller Bruce Dern verdient ausgezeichnet wurde, und Steven Soderberghs Beziehungsdrama um den Showman Liberace und seinen langjährigen Lover Scott Thorson, Behind the Candelabra.

Der Hauptgrund, warum der Eindruck eines abgesicherten Qualitätskinos überwog, lag in der großen Zahl primär erzählerisch ausgerichteter Filme. Asghar Farhadis mit viel Beobachtungsgabe aufbereitetes Patchwork-Familiendrama Le passé (Bérénice Bejo wurde dafür als beste Darstellerin geehrt) fand in Hirokazu Kore-edas Like Father, Like Son (Preis der Jury) sein Gegenüber, das zurückhaltender, aber im Detail noch präziser familiäre Schieflagen einfing. Die Offenbarung, dass das eigene, so umsichtig großgezogene Kind bei der Geburt vertauscht wurde, bringt zunächst das klassenbewusste Wertegefüge eines wohlhabenden Paares ins Wanken. Kore-eda vermag aber auch überzeugend davon zu erzählen, wie sich der Blick der Eltern auf andere Lebenskonzepte weitet, offener, großzügiger wird.

Das in Cannes am energischsten debattierte Beispiel avancierten Erzählkinos war Abdellatif Kechiches La vie d'Adèle, das die Goldene Palme erhielt. In drei kurzweiligen Stunden breitet der Film die Geschichte der 15-jährigen Schülerin Adèle aus, die sich mehr zu Mädchen hingezogen fühlt und diese Neigung schließlich auch in einer leidenschaftlichen Beziehung mit der Künstlerin Emma (Léa Seydoux) durchlebt.

Über Gebühr nahe

Kechiche kommt seiner großartigen Hauptdarstellerin Adèle Exarchopoulos fast über Gebühr nahe: In ihrem Gesicht, dem immer leicht geöffneten Mund, den Intensitäten ihrer wie ein Aprilwetter wechselnden Ausdrücke liegt die große Kraft des Films – und nicht in den immer ein wenig nach harter Arbeit aussehenden, langen Sexszenen. Auch in der sozialen Gegenüberstellung von Adèles keinbürgerlicher Herkunft und Emmas Künstlermilieu wirkt der Film tendenziell schematisch.

Ausladender, freier gingen allein Paolo Sorrentinos La grande belleza und Jia Zhangkes A Touch of Sin zu Werke. Der Italiener wandelt auf den Spuren von La dolce vita und entwirft einen  üppigen, ermüdenden Bilderteppich um die römische Upperclass. Jia Zhangke hingegen erweitert in A Touch of Sin seine Palette um ein visuell beeindruckendes episodisches Drama, in dem sich Menschen in den dynamisierten Arbeitsmärkten Chinas zerstören.

Um dem Anschein der Konsolidierung entgegenzuwirken, müsste Fremaux wagemutiger programmieren und etwa mehr Filme aus der Sektion Un Certain Regard in den Wettbewerb hieven: Mit Alain Guiraudies so subtiler wie mysteriöser Vermessung einer Cruisingzone für schwule Männer, L'innconu du lac, oder dem vierstündigen, an Dostojewskis Verbrechen und Strafe Maß nehmendem Norte, the End of History, dem ersten Farbfilm des Philippinen Lav Diaz, fanden sich hier zwei außergewöhnliche Arbeiten. Sie repräsentieren eine Seite des Kinos, die die Sicherheit von Formaten hinter sich lässt.

Das mögen Filme sein, die nicht den Geschmack des breiten Publikums (und auch nicht der massenkompatiblen Filmkritik) treffen; aber es sind Werke, die einem Festival, das sich rühmt, das beste der Welt zu sein, gut zu Gesicht stünden. Wie Jarmuschs Vampire zärtlich über die Oberflächen ver­bürgten Kulturguts zu streichen – das sollte in Cannes eigentlich zu wenig sein. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 27.5.2013)

Die wichtigsten Preise im Überblick:

- GOLDENE PALME: "La vie d'Adèle" von Abdellatif Kechiche (Frankreich)

- GROSSER PREIS DER JURY: "Inside Llewyn Davis" von Ethan Coen & Joel Coen (USA)

- PREIS DER JURY: "Like Father, Like Son" von Kore-Eda Hirokazu (Japan)

- BESTE SCHAUSPIELERIN: Bérénice Bejo in "The Past" von Asghar Farhadi (Iran)

- BESTER SCHAUSPIELER: Bruce Dern in "Nebraska" von Alexander Payne (USA)

- BESTES DREHBUCH: Jia Zhangke für "A Touch Of Sin"

- BESTE REGIE: Amat Escalante (Mexiko) für "Heli"

- GOLDENE PALME für den besten KURZFILM: "Safe", Südkorea

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    Tränen der Überwältigung nach der Auszeichnung mit der Goldenen Palme: Léa Seydoux (li.) und Neuentdeckung Adèle Exarchopoulos mit ihrem Regisseur Abdellatif Kechiche.

  • Vampire, die sich an altem Kulturgut erfreuen: Tilda Swinton und Tom Hiddleston blicken in Jim Jarmuschs "Only Lovers Left Alive" ermattet auf den Zustand der Welt.
    foto: festival cannes

    Vampire, die sich an altem Kulturgut erfreuen: Tilda Swinton und Tom Hiddleston blicken in Jim Jarmuschs "Only Lovers Left Alive" ermattet auf den Zustand der Welt.

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    Jurymitglied Nicole Kidman hält sich auf dem Weg zu Abdellatif Kechiches viel diskutiertem Film "La vie d'Adèle" die Ohren zu - aus 20 Wettbewerbsfilmen galt es u. a. gemeinsam mit Christoph Waltz den Sieger zu küren. 

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