Frankreichs Militär nach Attacke in Paris in Alarmbereitschaft

26. Mai 2013, 17:56
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Nur wenige Tage nach dem Mord an einem britischen Soldaten in London ist auch ein französischer Militärangehöriger in Paris Opfer einer Messerattacke geworden

Politik, Behörden und Medien reagieren zurückhaltend – man fürchtet Nachahmungstäter.

Er sagte kein Wort, stach zu und verschwand in der Menge. Es war Samstagabend im Pariser Geschäftsquartier La Défense; bei der Schnellbahnstation patrouillierten drei bewaffnete Soldaten gemäß dem Sicherheitsdispositiv "Vigipirate" , das im Jänner nach dem französischen Militäreinsatz in Mali verschärft worden war.

Kurz vor 18 Uhr näherte sich dem am Ende der Reihe gehenden Uniformierten ein großgewachsener, dunkel gekleideter Mann mit Bart und "nordafrikanischem Aussehen" , wie Augenzeugen nachher schilderten. Er zog ein Messer, eventuell auch einen Cutter (Teppichmesser), und stach dem Soldaten in den Nacken. Sofort tauchte er wieder in der dichten Menge eines Einkaufszen­trums unter.

Der Soldat verlor viel Blut und wurde in ein Pariser Militärspital gebracht. Die Verletzung erwies sich letztlich nicht als lebensbedrohlich: Am Sonntag wurde der Zustand des Soldaten bereits als "beruhigend"  bezeichnet.

Regierungssprecher versuchten, jede Panik zu verhindern, und vermieden jeden Hinweis auf die jüngste Terrorattacke in London. "Ich denke zum jetzigen Zeitpunkt nicht, dass es einen Bezug gibt" , meinte auch Staatspräsident François Hollande, der sich gerade in Äthiopien aufhielt (Artikel rechts). Doch immerhin rief er die Soldaten in Frankreich zu erhöhter Wachsamkeit auf.

"Der Wille zu töten"

Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian sprach von einem "kriminellen" , nicht einem terroristischen Akt und meinte: "Man wollte einen Soldaten töten, weil er Soldat ist."  Innenminister Manuel Valls erklärte, der Täter sei offenbar mit dem "Willen zu töten"  angetreten, blieb aber sonst sehr vage: Die Attacke sei ein Indiz dafür, "dass es eine Art des Vergleichs mit dem, was sich in London ereignet hatte, geben könnte" . Auch wenn Valls nicht von der Möglichkeit einer Nachahmertat sprechen wollte, betraute er die französischen Anti-Terror-Einheiten mit der Tätersuche. Mehrere Videokameras sollen die Tat gefilmt haben. Publik gemacht wurden sie vorerst nicht; auch Angaben über den Umfang der Fahndung macht die Polizei nicht.

Generell hatte man am Sonntag den Eindruck, als ob die Behörden die Attacke auf ein Symbol der Staatsgewalt möglichst diskret behandeln möchten. Grund ist zweifellos das gespannte Umfeld. In den vergangenen Wochen hatten islamistische Websites immer wieder Frankreich wegen des Mali-Einsatzes als Zielscheibe von Terroranschlägen genannt; ägyptische Medien wollten gar Pläne für eine Attacke auf die französische Botschaft in Kairo aufgedeckt haben.

Dazu kommt eine wachsende Unruhe in den Pariser Vorstädten. Die Behörden befürchten auch ein Übergreifen der Krawalle in schwedischen Städten auf die französischen Banlieue-Zonen. Bei der Meisterfeier des Fußballklubs Paris Saint-Germain (PSG) war es vor zwei Wochen schon zu schweren Ausschreitungen durch Vorstadtjugendliche gekommen. Vergangene Woche brannten in Pariser Vororten wie Massy Autos, woraufhin die Polizei verstärkt Präsenz zeigte.

Die Medien berichten allerdings kaum darüber. Selbst über die Vorgänge in London berichteten sie mit auffälliger Vorsicht: Der Staatssender France-2 gab die Slogans der Mörder nicht wieder und machte sogar ihre blutigen Hände unkenntlich. Dies soll wohl potenzielle Täter wie Mohamed Merah – er hatte 2012 bei Toulouse sieben jüdische Schulkinder und Soldaten kaltblütig erschossen – nicht zur Nachahmung reizen.

Doch ob es die Behörden wollen oder nicht: Genau das scheint jetzt in La Défense passiert zu sein.  (Stefan Brändle aus Paris  /DER STANDARD, 27.5.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Polizei kontrollierte den Tatort im Pariser Geschäftsviertel La Défense, wo ein Soldat niedergestochen wurde. 

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