Geburtenrate in der Türkei sinkt: Fünf Kinder für Premierminister Erdogan

26. Mai 2013, 17:53
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Der muslimischen Türkei ergeht es nicht anders als dem christlichen Abendland: Die Geburtenrate sinkt. Der Staat lässt deshalb "Familienärzte" in jedem Stadtviertel über den Erfolg von Schwangerschaften wachen

Die jüngste Heldin heißt Derya Sert. Die Universitätsärzte in Antalya haben ein medizinisches Wunder vollbracht und der jetzt 22-jährigen Frau eine Gebärmutter eingepflanzt. Als sie schwanger wurde, jubelte die Türkei. Und seit die Ärzte Anfang Mai die Schwangerschaft wegen Komplikationen abbrechen mussten, trauert das so kinderfreundliche Land mit der jungen Frau, die ohne Gebärmutter zur Welt gekommen war.

Vieles in der Türkei dreht sich ums Kinderkriegen, Heiraten und wieder Kinderkriegen. Seit Neuestem aber auch um den Staat, der als Geburtshelfer auftritt. Das geht manchen Türkinnen wiederum zu weit. "Sie haben mich so lange angerufen, bis ich nachgegeben habe und zur Kontrolle in dieses Familienzentrum gegangen bin", sagt Hande Çoskun (Name geändert), "dabei habe ich meinen eigenen Arzt." Die Türkei überwacht nun ihre Schwangeren.

Schwangerschaft als Staatsangelegenheit

Alle Daten müsse er an das Gesundheitsministerium weitergeben, eröffnete Çoskuns Privatarzt seiner Patientin: Bluttests, Wachstum des Embryos, Geschlecht sowieso, Beschwerden der Mutter. Die Schwangerschaft der 39-jährigen Chemikerin aus Istanbul ist Staatsangelegenheit.

Alarmierend seien die Prognosen für die Bevölkerungsentwicklung, hatte Regierungschef Tayyip Erdogan gewarnt, als Turkstat, das nationale Statistikamt, seine jüngsten Zahlen vorlegte: Mit dem nationalen Ziel der 100 Millionen Türken bis 2050 wird es nichts mehr werden. Auf eine Frau kommen in der Türkei im statistischen Durchschnitt nur noch 1,9 Geburten, Tendenz fallend.

"Vier bis fünf Kinder" verlangt der Premier jetzt, der sich gern als Trauzeuge zur Verfügung stellt, von den Eheleuten im Land; er selbst hat zwei Töchter und zwei Söhne. Voriges Jahr trat Erdogan eine Debatte über ein Abtreibungsverbot los. Nach Protesten ruderte seine konservativ-muslimische Regierung zurück. Sie setzt stattdessen auf eine Politik der Anreize.

27 Cent Kindergeld pro Tag

Erstmals gibt es Kindergeld - mit umgerechnet 27 Cent am Tag bis zum 18. Lebensjahr nicht viel, aber in der Summe und bei mehreren Kindern doch eine Hilfe. Dazu die Möglichkeit des Vaterschaftsurlaubs, Pläne zur Modernisierung der Kreißsäle, für Gratis-Hormonbehandlungen oder eine "Milchbank" zum Stillen für Babys, deren Mütter nicht genug eigene Milch haben. Vor allem aber: strikte Erfolgskontrolle aller schwangeren Türkinnen.

"Sie haben mir Blut abgenommen und mir einen Vortrag gehalten, welche Impfungen das Baby braucht", erzählt Hande Çoskun genervt. Sie hat eine späte Schwangerschaft. Hande Çoskun kann sich eine Entbindung im American Hospital im teuren Istanbuler Stadtteil Nisantasi leisten, ebenso wie Yelda Tavukcuoglu, eine Uni-Dozentin.

Mehr als 4000 Euro für eine Geburt

Samt Betreuung durch einen privaten Arzt während der Schwangerschaft kostet das schnell einmal 10.000 Lira (4250 Euro), rechnet die 35-Jährige vor. Zu viel Geld für das normale türkische Ehepaar, das doch vier bis fünf Kinder produzieren soll.

Mit den Personalnummern, unter denen alle Türken registriert sind, werden die Frauen sogenannten Familienärzten zugeteilt. Die gibt es mittlerweile in jedem Viertel einer türkischen Stadt. Sie machen Gesundheitschecks, steuern die Familienplanung und wachen über den Nachwuchs der Nation. Alles gratis.

Makellose Computerdatei

Hasan Yildirim ist einer von ihnen, ein freundlicher, aber bestimmt auftretender Arzt. Yildirim führt eine Praxis in einem der Familiengesundheitszentren in Zeytinburnu, einem Stadtviertel im Westen Istanbuls mit vielen kurdischen Einwanderern aus Anatolien. Der Wartesaal ist voll, die Türen zu den Untersuchungsräumen fliegen auf und zu.

28 Jahre Berufserfahrung als Arzt hat Yildirim und eine makellose Computerdatei von den Patientinnen seines Sektors, den freiwilligen und den nicht so freiwilligen: 1141 gebärfähige Frauen zwischen 15 und 41 Jahren, 77 Babys, 282 Kinder zwischen eins und fünf, 39 Schwangere und drei Mütter, die gerade entbunden haben.

Computerprogramm überwacht Schwangere

Nur 15 bis 20 Prozent der Frauen kämen von selbst ins Gesundheitszentrum, sagt Dr. Yildirim, "vom Rest erfahren wir über Gebliz". So heißt das Computerprogramm, das die Schwangeren in der Millionenstadt Istanbul überwacht - "gebe" bedeutet auf Türkisch "schwanger".

"Neuroogle" ist ein anderes Programm, das landesweit alle Türkinnen erfasst. Stolz zeigt der Familienarzt die Datenmaske mit dem Frauen-Icon auf dem Bildschirm. "Jeder Gynäkologe im Spital und jeder Privatarzt muss hier die Daten seiner Patientinnen eingeben", erklärt Yildirim. Einen Kalender mit Untersuchungsterminen für jede Frau gibt es dort auch. Wer nicht von selbst kommt, wird einbestellt.

Zahl der toten Kinder fast halbiert

Die Behörden weisen auf mangelnde Gesundheitskenntnisse in den ärmeren, weniger gebildeten Schichten des Landes hin, um die Staatskontrolle zu rechtfertigen. "Wir haben die Kindersterblichkeit damit massiv reduziert", argumentiert Özlen Özcay, eine Ärztin des Istanbuler Gesundheitsdirektorats. Von 28 Todesfällen pro 1000 Kinder im Alter unter fünf im Jahr 2003, beim Antritt der Regierung Erdogan, auf 15 im Jahr 2011.

Den Kinderaufruf des muslimischen Premiers sieht Yelda Tavukcuoglu, eine Christin, gelassen. "Meine Mutter hat auch drei Kinder gehabt. Es ist schön, es schafft Solidarität in der Familie. Wenn ich jünger wäre, hätte ich vielleicht auch drei." (Markus Bernath, DER STANDARD, 27.5.2013)

  • In der Türkei gilt das Motto "Kinderzwang für das Wirtschaftswachstum".
    illustration: der standard

    In der Türkei gilt das Motto "Kinderzwang für das Wirtschaftswachstum".

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