Tischlern für die Flieger der Reichen

27. Mai 2013, 09:22
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In Niederösterreich werden Business Jets veredelt. Wie aus einem Tischler ein Innenausstatter für Bombardier und Co wurde

Was haben die als Traumschiff bekannte MS Deutschland und viele Business-Jets arabischer Scheichs gemeinsam. In ihren Kabinen steckt Know-how des österreichischen Unternehmens List. Die Eröffnung eines neuen Werks im südlichen Niederösterreich ging mit allerlei Politik-Prominenz vonstatten. Aus Erwin Prölls niederösterreichischer Landesregierung kamen mit Wolfgang Sobotka und Petra Bohuslav gleich zwei Vertreter. Auch Klubobmann Klaus Schneeberger war anwesend.

Gute Auftragslage

Die schweren Autos mit St. Pöltner Kennzeichen reihten sich im kleinen Ort Edlitz-Thomasberg nahe dem Wechsel aneinander. Doch um wen scharen sich die Politspitzen? Die Familie List hat aus einer kleinen Tischlerei in den 1950er Jahren einen weltweit aktiven Innenausstatter von luxuriösen Flugzeugen und Schiffen gemacht. "Wir freuen uns, den Embraer Lineage 1000 ausstatten zu dürfen", mit diesen Worten läuten die Geschäftsführer Franz List und Michael Groiss die Einweihungsfeier des neuen Werks ein.

15 Millionen Euro hat man in die neuen Flugzeuginterieur-Fertigungslinien inklusive Flusswasserkühlung investiert. Eine große Investition für ein Unternehmen, das letztes Jahr 42 Millionen Euro umgesetzt hat. Was die Familie List dabei aber ruhig schlafen lassen dürfte, ist ein 400 Millionen Euro schwerer Auftragspolster. Natürlich gehört aber auch Wagemut dazu, denn wie viel am Ende rausschaut, weiß List noch nicht. In der Flugzeugbranche werden Rahmenverträge abgeschlossen, wobei schon das Wort Rahmen andeutet, dass dieser nicht ausgefüllt werden muss. In den 400 Millionen ist laut List aber ohnehin ein 20-prozentiger Risikopuffer enthalten.      

Naturstein für die Minibar

Kunden sind die Flugzeughersteller Bombardier, Embraer und Pilatus bzw. Luftfahrtzulieferer wie die oberösterreichische FACC. Egal ob das Büro eines Geschäftsfliegers oder das mit einer Dusche aufwartende Schlafzimmer eines Privatjets, die Mitarbeiter von List zeichnen mit den Kunden die Pläne dafür, helfen bei der Materialiensuche und tischlern das fertige Interieur. Das geht so weit, dass sich dank List sogar Naturstein in Form hauchdünner Furniere in Flugzeugkabinen findet.

Moderne Computerprogramme machen es möglich, dass diese Furniere über sämtliche Formen gestülpt werden können. Ist die Minibar des in den USA weilenden Fliegers einmal vermessen, machen sich die Mitarbeiter vor Ort schon an die Anfertigung. Um den Vorsprung gegenüber der nordamerikanischen und europäischen Konkurrenz zu halten, investiert List jährlich mehrere Millionen Euro in Forschung und Entwicklung.

Multi-Kulti

List sucht deshalb neben klassischen Tischlern vor allem CNC- und CAD-Spezialisten. Um diese zu finden, streckt man die Fühler gerne auch weiter aus. Menschen aus über einem Dutzend Nationen arbeiten für List.

Aber natürlich ist List vor allem für die Menschen in der Region ein großer Arbeitgeber. Viele Niederösterreicher, Steirer und Burgenländer pendeln lieber hierher als bis nach Wien. 550 Mitarbeiter sind es derzeit. Um die 800 sollen es 2017 sein.

Volksnähe

Diese regionale Verankerung kommt auch bei den Volksvertretern gut an. Bei der Pressekonferenz im kleinen Kreis und der Firmenfeier mit 400 geladenen Gästen spürt man, dass die Politik der Wirtschaft hier möglichst nahe sein will. Man kennt sich, man duzt sich.

So verwundert es nicht, dass Finanzlandesrat Sobotka an Firmenchefs wie List schätzt, dass sie "Druck machen", wenn es in den Amtsstuben wieder einmal zu lange dauert. Schließlich sei das gut für die gesamte Region, nicht nur für das Unternehmen selbst. Für Sobotka geht es vor allem um sichere Jobs, wie auch ein von ihm zitiertes Zitat der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt: "Alles was Arbeit schafft, ist sozial."

Familie verpflichtet

Im Fall List freut Sobotka besonders, dass trotz einer nahezu 100-prozentigen Exportquote die Wertschöpfung im Land bleibt. Einen kleinen Seitenhieb auf die Partei von Frank Stronach kann er sich dabei nicht ersparen. Bei solchen Erfolgsgeschichten wie List müsse man sich schon fragen, warum es noch immer Personen im Land gebe, die einem "Österreich-Euro" und damit der Abschottung von den Nachbarstaaten das Wort redeten.  

Wie viele Erfolgsbetriebe kann sich auch List bei Großinvestitionen nicht der Eigenwerbung der Politiker entziehen. Doch für das Unternehmen zählt ohnedies anderes. Man setze mit dem Geld vor allem auf die "Zukunft des Familienbetriebes", sagt Katharina List-Nagl. Mit ihr ist bereits die dritte Generation der Lists in der Geschäftsführung aktiv. Geht sie den Weg ihrer Vorgänger weiter, reift in Österreich ein wahrer Global Player heran. (Hermann Sussitz, derStandard.at, 27.5.2013)

Unternehmen

List hat im Vorjahr 42 Millionen Euro umgesetzt, bis 2017 will man diesen Wert verdoppeln. Der Gewinn vor Steuern und Zinszahlungen lag 2012 bei rund drei Millionen Euro. List verarbeitet in Edlitz-Thomasberg und Aspang Stein- und Holzfurniere sowie Carbon und Edelstahl zu Böden, Bordküchen, Tisch- und Griffoberflächen, Intarsien oder Rückenlehnen. Flagschiff ist das neue 11.000 Quadratmeter große Werk.

  • ÖVP-Politiker Wolfgang Sobotka (Mitte) strahlt mit Franz List (rechts) und Michael Groiss um die Wette. In den Händen halten sie ein Modell des neu von List ausgestatteten Luxus-Businessjets Lineage 1000 von Embraer. 19 Passagiere können sich in ihm in fünf Abteilen aufhalten. Vom Schlafzimmer bis zum Büro mit Drucker und Internet.
    foto: derstandard.at/sussitz

    ÖVP-Politiker Wolfgang Sobotka (Mitte) strahlt mit Franz List (rechts) und Michael Groiss um die Wette. In den Händen halten sie ein Modell des neu von List ausgestatteten Luxus-Businessjets Lineage 1000 von Embraer. 19 Passagiere können sich in ihm in fünf Abteilen aufhalten. Vom Schlafzimmer bis zum Büro mit Drucker und Internet.

  • Bei den Holzfurnieren wird in Zehntelmillimeter-Einheiten gerechnet.
    foto: derstandard.at/sussitz

    Bei den Holzfurnieren wird in Zehntelmillimeter-Einheiten gerechnet.

  • Das fertige, mit feuerfesten Speziallacken behandelte Furnier wird appliziert.
    foto: list

    Das fertige, mit feuerfesten Speziallacken behandelte Furnier wird appliziert.

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