Radioaktive Strahlung: Uni Innsbruck sieht keine Schlamperei

24. Mai 2013, 20:06
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Man trage an der Verstrahlung zweier Mitarbeiter in Seibersdorf keine Schuld, betont der Rektor der Uni Innsbruck. Der Behälter sei korrekt versiegelt gewesen

Innsbruck - Er wolle sachlich informieren, nicht dramatisieren, sagt der Rektor der Uni Innsbruck Tilmann Märk am Freitag. Doch auch die sachliche Information ließ sich der Rektor nicht gerne entlocken. Nach der erhöhten Strahlungsmessung an der "Alten Chemie" der Innsbrucker Uni am 17. Mai weist Märk umgehend jede Schuld von sich.

"Von uns wurde ein korrekt verpacktes und versiegeltes Präparat nach Seibersdorf verschickt." Denn ebenjene vier Zentimeter große Glasampulle Americium 241, die am späten Nachmittag des 2. Mai - offenbar wegen falscher Etikettierung - die Verstrahlung von zwei Mitarbeitern in Seibersdorf verursachte, dürfte auch für die Verstrahlung von zwei Innsbrucker Experten und die Schließung eines Labors verantwortlich sein. Das wurde allerdings erst am 17. Mai, entdeckt - nach einer dritten Messung sei die Strahlung über dem Grenzwert gelegen.

Tonnen radioaktiver Abfall jährlich eingelagert

Rund um den Abriss der "Alten Chemie" wurden Ende April vorhandene Reste aus einem Isotopenlabor verpackt und zur Lagerung nach Seibersdorf verschickt. Seibersdorf ist das österreichische Zwischenlager für radioaktive Abfallprodukte. Jährlich werden rund 115 Tonnen radioaktiven Abfalls in Niederösterreich eingelagert, bis diese - oft nach Jahren - auf verschiedene Endlager verteilt werden, sagt der Geschäftsführer von Nuclear Engineering Seibersdorf, Roman Beyerknecht.

Nicht ganz dicht

Bei der Verpackung in Innsbruck sollen geringe Mengen des radioaktiven Isotops ausgetreten sein, "klassische Alpha-Strahlen, mit geringer Reichweite", betont Erwin Reichel, Innsbrucker Branddirektor und Chemiker: Für die Bevölkerung habe zu keinem Zeitpunkt Gefahr bestanden. Diese Strahlen seien wohl bei der Vorbereitung des Abtransportes entwichen. Der Glasbehälter, mit dem der Stoff transportiert wurde, sei nicht ganz dicht gewesen.

Der Experte, ein pensionierter Strahlenexperte, und dessen Assistentin, die die Verpackung des Materials durchgeführt hatten, dürften deshalb die Substanz eingeatmet haben. Die Stadt Innsbruck sei bereits am 3. Mai, direkt nach dem Unfall in Seibersdorf, informiert worden, sagt Brigitte Cabrini von der Gemeindeverwaltung. Damals wurde aber noch keine Verstrahlung in Innsbruck gemessen, also wurde vorerst kein Krisenstab eingesetzt. Erst nach einer weiteren Messung am 17. Mai seien die Strahlenwerte überhöht gewesen.

LKA und Staatsanwaltschaft ermitteln

Daraufhin wurden auch die Innsbrucker Strahlenexperten ärztlich untersucht. Americium sei schwer nachzuweisen, sagt Rektor Märk. Die verstrahlten Mitarbeiter aus Seibersdorf würden mittlerweile wieder arbeiten, es gehe ihnen gut, sagt deren Chef Beyerknecht. Bei allen vier Strahlenopfern stehen allerdings noch die Ergebnisse der Langzeituntersuchungen aus. Diese werden für Mitte nächster Woche erwartet.

Mittlerweile ermitteln Landeskriminalamt (LKA) und Staatsanwaltschaft. "Verdacht auf fahrlässige Gefährdung durch Kernenergie oder ionisierende Strahlen", sagt Staatsanwalt Hansjörg Mayr. Die kontaminierte Halle in Seibersdorf ist geschlossen, erst wenn die Strahlenwerte gemessen sind, werde entschieden, ob Reinigung oder Abriss notwendig seien. Die "Alte Chemie" in Innsbruck ist bereits abgesiedelt, das verstrahlte Labor versiegelt. Wird das Gebäude abgerissen, landet das Labor jedenfalls als radioaktives Produkt erst einmal in Seibersdorf. (Verena Langegger, DER STANDARD, 25./26.5.2013)

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    Die "Alte Chemie" wurde großteils schon in einen Neubau abgesiedelt. Beim Entsorgen eines Labors wurde Americium 241 freigesetzt. Vier Mitarbeiter, zwei in Innsbruck, zwei in Seibersdorf, wurden verstrahlt.

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